Bund-Länder-Initiative

Bildungschancen in schwierigen Sozialräumen verbessern

Die Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung und Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie haben ein gemeinsames Werkstattgespräch zur „Stärkung von Schulen in herausfordernden sozialen Lagen“ ausgerichtet.

05.04.2019 Bundesweit Pressemeldung Hamburger Senat
  • © www.pixabay.de

Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Bildungsverwaltung und schulischer Praxis aus fast allen Ländern und des Bundes berieten dabei inhaltliche Kernpunkte für ein neues bundesweites Programm. Hintergrund ist die geplante Bund-Länder-Initiative für Schulen in sozial benachteiligten Quartieren, die von den Kultusministerinnen und -minister der Länder auf Initiative von Hamburg und Berlin noch dieses Jahr durch die KMK beschlossen werden soll. Der Bund sorgt dabei für die Förderung der begleitenden Forschung, die Länder für die Begleitung und Förderung der teilnehmenden Schulen.  Das Werkstattgespräch diente dem fachlichen Austausch. Die Expertise aus den Bundesländern soll genutzt werden, um sie in die Initiative einzubringen. 

Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen darf nicht von der sozialen Herkunft oder dem Wohnort abhängen. Jedoch stellt die nach wie vor enge Kopplung zwischen sozioökonomischem Hintergrund und dem Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Gerade Schulen in herausfordernden sozialen Lagen lösen zunehmend anspruchsvolle Aufgaben und benötigen hierbei besondere Unterstützung. Die beiden Stadtstaaten möchten ihre jeweiligen Kompetenzen nutzen, die Zusammenarbeit weiter stärken und zentrale Fragen und Herausforderungen diskutieren.

Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe: „Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen haben große Aufgaben und bewältigen diese sehr gut. Dennoch gelingt es zurzeit nicht, den Bildungsrückstand von Schülerinnen und Schülern aus bildungsfernen Familien in der Schule zu überwinden. Einzelne Bundesländer haben hier Pionierarbeit geleistet. Wie Berlin so unterstützt auch Hamburg seine Schulen in sozial benachteiligten Lagen mit mehr Personal, mehr Geld und zusätzlicher konzeptioneller und pädagogischer Beratung. Wir erhoffen uns über das Bundesprogramm nicht nur zusätzlichen Rückenwind, sondern auch Ideen und Hinweise für die Weiterentwicklung der eingeleiteten Verbesserungsmaßnahmen.“

Sandra Scheeres, Berlins Bildungssenatorin: „Bund und Länder starten zu diesem wichtigen Thema eine gemeinsame Initiative, die auf die Stärkung der einzelnen Schulen zielt und diese Prozesse wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Schulen in sozial herausfordernden Lagen müssen nicht nur größere Herausforderungen hinsichtlich der Wissensvermittlung schultern. 

Das soziale Lernen hat hier einen sehr hohen Stellenwert. Häufig übernehmen die Schulen zudem Erziehungsaufgaben, die von den Eltern nicht ausreichend geleistet werden können. All dies macht eine zusätzliche Unterstützung dieser Schulen notwendig. In Berlin haben wir unter anderem sehr gute Erfahrungen mit dem Bonus-Programm gemacht. Mit diesen Mitteln können die Schulen zum Beispiel Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter einstellen und Elterncafés oder Lernwerkstätten einrichten.“

Ziel ist, die Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler in schwierigen Sozialräumen zu verbessern, Schülerinnen und Schüler zu höchst möglichen schulischen Erfolgen und Schulabschlüssen zu führen und die Anzahl der Schulabbrecherinnen und -abbrecher zu verringern. Die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft soll deutlich reduziert werden. Schulen sollen befähigt werden, mit der wachsenden Heterogenität der Schülerschaft umzugehen.

Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ als Vorbild

Vorbild für das neue Programm soll die gemeinsame Initiative von Bund und Ländern „Leistung macht Schule“ sein, bei dem über zehn Jahre die schulischen Entwicklungsmöglichkeiten besonders talentierter Kinder und Jugendlicher - unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status - im Regelunterricht gefördert werden. Diese Bund-Länder-Initiative zur Begabungsförderung, die von Hamburg initiiert und maßgeblich gestaltet worden ist, wurde Ende 2016 von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesbildungsministerium beschlossen. In der ersten Phase (2018-2022) nehmen bundesweit 300 Schulen aus dem Primar- und Sekundarbereich an der Initiative teil, davon in Hamburg 12 Schulen im Rahmen des Modellprojekts „Begabungspiloten“. Das Programm wird über 10 Jahre mit insgesamt 125 Mio. Euro von Bund und Ländern zu gleichen Teilen finanziert. Die weitere Gestaltung des neuen Programms soll jetzt gemeinsam entwickelt werden. 

Lernstandsuntersuchungen zeigen regelmäßig, dass sich der Lernstand von Kindern und Jugendlichen in einer Klassenstufe durchaus um drei Lernjahre unterscheiden kann. Insbesondere in den größeren Städten konzentrieren sich Kinder und Jugendliche mit großen Lernrückständen häufig auf wenige Schulen in so genannten benachteiligten sozialen Lagen. Ursache dieser ungleichen Verteilung der Schülerschaft sind die sehr unterschiedlichen Strukturen, Wohn- und Lebensverhältnisse sowie die sozialen Milieus in den Stadtquartieren. So liegt beispielsweise das Durchschnittseinkommen im Hamburger Stadtteil Nienstedten fünf Mal höher als im knapp acht Kilometer entfernten St. Pauli.

In allen Bundesländern haben die Kultusministerien auf diese Ungleichheit reagiert. Sehr viel Geld wird beispielsweise in die vorschulische und schulische Sprachförderung für Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung investiert. Einzelne Länder statten Schulen in sozial benachteiligten Lagen zusätzlich mit mehr Personal aus. So organisiert Hamburg beispielsweise bei einem Drittel seiner Grundschulen kleinere Schulklassen mit nur höchstens 19 statt wie üblich höchstens 23 Schülerinnen und Schülern. Berlin hat ein Bonus-Programm zur Förderung eingeführt. In vielen Ländern gibt es besondere Förderprogramme für einzelne Schülerinnen und Schüler, zudem besondere Unterstützungen, Beratungen und Fortbildungen für die betroffenen Kollegien.

Trotz dieses Aufwandes gelingt es den Schulen nur begrenzt, den Lernrückstand benachteiligter Schülerinnen und Schüler aufzuholen. Erst vor kurzem zeigten die Lernstandsuntersuchungen der Kultusministerkonferenz, dass die Bildungserfolge von Kindern aus benachteiligten Milieus trotz großen Aufwandes hinter den Erwartungen zurückbleiben. 

Das Problem findet deshalb auch international zunehmend Beachtung. In vielen Staaten wurden in den letzten Jahren entsprechende Projekte aufgelegt, beispielsweise das „Pre-K-Programm“ in den USA. Dabei geht es um bessere Frühförderung in Schule und Kindertagesstätte, veränderte Unterrichtsmethodik und Unterrichtsdidaktik. Bildungssenator Ties Rabe: „Es ist von überragender Bedeutung für die Zukunft unserer Gesellschaft und die Zukunft zahlreicher Kinder, dass wir diese Aufgabe jetzt gemeinsam anpacken.“

Die Große Koalition hat deshalb bereits im Koalitionsvertrag beschlossen, dass „nach dem Vorbild der gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern zur Förderung leistungsstarker und leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler jetzt auch die besonderen Herausforderungen von Schulen in benachteiligten sozialen Lagen und mit besonderen Aufgaben der Integration“ aufgegriffen werden sollen. „Der Bund sorgt dabei für die Förderung der begleitenden Forschung sowie die Evaluierung der Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen. Die Länder sorgen für die Begleitung und Förderung der teilnehmenden Schulen.“

Hamburger Projekt „23+ starke Schulen“

Seit Mai 2013 unterstützt die Schulbehörde elf Grundschulen, neun Stadtteilschulen und drei Gymnasien in sozial besonders benachteiligten Stadtteilen (teilnehmende Schulen). Die Unterstützung im Rahmen des Programms „23+ starke Schulen“ umfasst unter anderem zusätzliche Lehrkräfte, Beratung und Unterstützung durch Experten und Stiftungen sowie die Aktivierung von Eltern- und Schülerschaft. Im Mittelpunkt steht die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Die Projektschulen leisten engagierte und gute Arbeit, müssen aber besonders anspruchsvolle Aufgaben lösen und brauchen dafür zusätzlichen Rückenwind. Aufgrund der guten Erfahrungen wird das Projekt fortgesetzt und seit Mai 2017 auf über 30 Schulen ausgeweitet. Neben vielen anderen Unterstützungsmaßnahmen bekommen die teilnehmenden Schulen dafür jedes Jahr bis zu 42 zusätzliche Lehrerstellen.

Das Programm fördert zielgenau solche Schulen, deren Schülerinnen und Schüler besonders schwache Lernstände aufweisen. Dank der neu eingeführten, regelmäßigen Hamburger Lernstandsuntersuchungen (KERMIT) kann die Förderung präzise an die richtigen Schulen adressiert werden. Einige Schulen mit deutlich verbesserten Lernergebnissen konnten das Programm verlassen, umgekehrt wurden viele neue aufgenommen. 

Ein Schwerpunkt des Programms liegt darin, am Nachmittag im Rahmen des Ganztags zusätzliche Lern- und Bildungsangebote zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist es, vier zusätzliche Stunden pro Woche für das Üben und Vertiefen vorrangig in den Kernfächern Deutsch und Mathematik zu entwickeln und zu nutzen. Die Projektschulen erarbeiten in diesem Sinne in Zusammenarbeit mit Experten Konzepte, von denen die Kinder deutlich profitieren. 

Die teilnehmenden Schulen bekommen für die Erarbeitung und Umsetzung verbesserter Schul-, Unterrichts- und Lernkonzepte bis zu 20 zusätzliche Lehrerstellen. Der Unterricht, insbesondere in den Eingangsklassen 1, 5 und 6, wird mit weiteren bis zu 20 zusätzlichen Lehrerstellen gezielt verbessert. Darüber hinaus begleitet und berät ein Expertenteam die Lehrkräfte der teilnehmenden Schulen im Unterricht. Stiftungen und Träger fördern die Elternarbeit, die Schülermitwirkung und auch das soziale Miteinander in der Schule. So werden unter anderem Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Ehrenamtliche zu sogenannten Mentorinnen und Mentoren fortgebildet. Die Mentorinnen und Mentoren beraten und aktivieren die Schulgemeinschaft und setzen Impulse für ein gelungenes Schulleben. Die Stiftung „brotZeit“ organisiert zusammen mit einzelnen Schulen ein kostenloses pädagogisches Frühstück vor Unterrichtsbeginn. Den Schulleitungsteams bietet die Behörde zudem ein umfangreiches Beratungs- und Fortbildungsangebot mit Hospitationen, didaktischen Trainings, Seminaren und schulübergreifenden Workshops als Impulse für individuelle Entwicklungsarbeit im Rahmen des Netzwerks.

Ansprechpartner

Hamburger Senat

Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden