Integration

Change Agent Schule

Schon immer lernen in Klassenzimmern Kinder unterschiedlicher Herkunft zusammen. Das ist eine Chance für alle – wenn ein interkulturelles Schulklima selbstverständlich ist. Von Prof. Dr. Viola B. Georgi

04.04.2017 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Bildung ist ein Menschenrecht und ein öffentliches Gut. Alle Menschen sollen an Bildung teilhaben können und Zugang zu Bildungseinrichtungen haben. Das deutsche Bildungssystem tut sich hier schwer. Das mehrgliedrige, noch vorwiegend halbtags ausgerichtete Schulsystem ist selektiv, denn der Schulerfolg hängt von der sozialen Herkunft und dem deutschen Sprachvermögen ab. Bildungsstatistiken und -berichte wie „Bildung in Deutschland 2016“ belegen die schlechteren Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Zu den Gründen zählen institutionelle Diskriminierung, kaum Förderung von Mehrsprachigkeit, negative Einstellungen von Lehrkräften gegenüber Migrantenkindern und Fehleinschätzungen der Leistungen der Kinder.

Schulen haben im Umgang mit der Heterogenität der Schüler eine Schlüsselrolle. Sie können ihre Aufgaben – das Qualifizieren, Selektieren und Integrieren – unterschiedlich interpretieren und gewichten. Falsch ist, wenn Schulen den Status Quo sichern und darauf beharren, dass Schülerbiografien weiterhin eine größtmögliche „Passung“ mit der deutschen Schule und ihren Anforderungen aufweisen müssen, um erfolgreich zu sein. Schulen sollten „Change Agents“ sein. Das heißt, sie beteiligen sich an der Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels – indem sie sich interkulturell öffnen, Vielfalt wertschätzen und inklusive Strukturen entwickeln, die die Stärken und Schwächen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund berücksichtigen. 

Auf einen Blick

  • Schulerfolg hängt immer noch maßgeblich von der Herkunft ab: Schüler mit Migrationshintergrund haben schlechtere Bildungschancen.
  • Damit sich das ändert, braucht es Schulen, die sich interkulturell öffnen und Vielfalt ­wert­schätzen.
  • Ein wichtiger Schritt zur interkulturellen Schule ist die Entwicklung eines Leitbildes, hinter dem alle Beteiligten – Schulleiter, Lehrkräfte, Schüler, Eltern etc. – stehen.

Schule in der Einwanderungsgesellschaft

Im heterogenen Klassenzimmer mit- und voneinander zu lernen, ist eine Bildungschance: Die Kinder wachsen selbstverständlich in eine Welt der Vielfalt hinein und setzen sich mit unterschiedlichen sprachlichen, kulturellen und religiösen Prägungen auseinander. Das findet in vielen Schulen, ohne das Zutun der Lehrenden, bereits dadurch statt, dass Schüler eine Klasse besuchen. Denn in vielen großen Städten in Deutschland liegt der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Schulen bei über 50 Prozent.

Voraussetzung für erfolgreiche Bildung ist, dass die Unterschiede der Kinder und Jugendlichen nicht ignoriert werden und sie Anerkennungserfahrungen machen können. Für das Unterrichten von Schülern mit Migrationshintergrund braucht es keine besonderen Methoden, das vorhandene Repertoire, gerade auch im Zusammenhang der individuellen Förderung, ist ausreichend. Auf einige Besonderheiten sollten Lehrende jedoch eingehen. Viele Kinder wachsen mehrsprachig auf. Deswegen sollten Schulen darauf achten:  

  • die Herkunfts- sowie Familiensprachen zu fördern und etwa Türkisch-, Polnisch- oder Arabischunterricht anzubieten.
  • dass Lehrkräfte sich in ihrer Fortbildung mit den Grundlagen und Methoden von Deutsch als Zweitsprache beschäftigt haben sollten.
  • in allen Fächern eine durchgängige Sprachbildung anzubieten, sodass die Kinder die für den Unterricht notwendigen bildungssprachlichen Kompetenzen entwickeln können.  

Kinder und Jugendliche können aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aussehens von Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus betroffen sein. Solche Erfahrungen wirken sich negativ auf das Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl aus und beeinträchtigen den schulischen Erfolg. Denn wenn Schülerinnen und Schüler benachteiligt sind, sinken Motivation und Leistung. Stereotype und Vorurteile erschweren die Bildungsbeteiligung.  

Auch der kulturelle oder religiöse Hintergrund der Familie kann das Verhältnis zur Schule und zum Lernen sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Probleme können entstehen, wenn Gespräche mit den Eltern scheitern, weil die Erwartungshaltungen der Schule nicht mit denen der Eltern einhergehen oder ein Kind aus religiösen Gründen nicht am geschlechtergemischten Sportunterricht teilnehmen darf. Hier besteht die Gefahr, dass die vermeintliche kulturelle Differenz vorschnell als Erklärung herangezogen wird und die eigentlichen Ursachen für Konflikte im Dunkeln bleiben. Um das zu vermeiden, sollten Schulen immer den Einzelfall im Blick haben und individuelle Lösungen erarbeiten.

Interkulturelle Öffnung 

Damit Schulen Vielfalt als Chance begreifen und zur Grundlage für ihre Arbeit machen ­können, braucht es:

  • bildungspolitische Vorgaben, Rahmenpläne und Curricula
  • Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung
  • Antidiskriminierung
  • Willkommenskultur
  • Kompetenzen für den Unterricht in der Einwanderungsgesellschaft
  • Personalentwicklung und Vielfalt im Lehrerzimmer
  • Diversität in Bildungsmedien
  • Kooperation mit Eltern
  • Zusammenarbeit von Schule und Stadtteil

Schulen interkulturell öffnen

Schulen, die sich interkulturell öffnen, um die Diversität der Lernenden und ihrer Familien angemessen zu berücksichtigen, werden zu wichtigen Change Agents auf dem Weg zu einer inklusiveren Schule. Eine solche Schule vermittelt auf allen Ebenen – im Unterricht, in den Klassen, im Schulgebäude und im Umgang miteinander – eine Willkommenskultur. Das heißt, bewusst darauf zu achten, dass die vielfältigen Lebensweisen, Lebenslagen und Familienkulturen der Schüler und Schülerinnen im schulischen Raum und in schulischen Routinen Beachtung finden. Diese kann in mehrsprachigen Türschildern zum Ausdruck kommen, in der bewussten Auswahl von Leseecke-Büchern, die unterschiedliche Lebensformen und kulturelle Traditionen thematisieren, in der Gestaltung eines Klassenraums, in dem sich alle wiedererkennen können, und in täglichen Begrüßungsritualen. Auch das gemeinsame Feiern von Festen unterschiedlicher Religionen (etwa das muslimische Zuckerfest, das christliche Osterfest, das jüdische Laubhüttenfest) sowie Angebote, bei denen Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und Eltern ­zusammenkommen (Spielnachmittage oder Eltern-Cafés), fördern das Miteinander und schaffen „Community“.

Schule muss zudem stärker aus einer Antidiskriminierungsperspektive heraus gestaltet werden. Das bedeutet, Regeln und Routinen des Schullebens regelmäßig kritisch zu hinterfragen und so zu gestalten, dass sie nicht diskriminierend, sondern inklusiv sind. Dafür empfiehlt es sich, ein Leitbild für die Schule zu erstellen, wie es etwa kanadische und amerikanische Schulen machen. Es hilft dabei, sich mit allen – Schulleitung, Lehrkräften, Schülerinnen, Schülern, Eltern – über das eigene Selbstverständnis auszutauschen und dieses nach innen und außen zu kommunizieren. So wird erkennbar, wofür die Schule steht:   Eine interkulturelle Schule positioniert sich positiv zur gesellschaftlichen Vielfalt und begreift Diversität als Ressource. An ihrem Eingang hängen beispielsweise Sprüche wie: „Wir schätzen Vielfalt“, „Wir zeigen Respekt“ oder „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.    

Eine gemeinsame Leitbildentwicklung kann Ausgangspunkt für interkulturelle Öffnung und Veränderungen sein. Grundlage sollte eine demokratische Schulkultur sein. Sie ist partizipativ ausgerichtet, eröffnet Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern sowie den Eltern auf allen Ebenen der Schulorganisation und des Schullebens Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten. Sie arbeitet mit regelmäßigem Feedback, um die Qualität zu sichern. Auch wenn ein Leitbild existiert, kann dieses um die Wertschätzung und die Förderung von Vielfalt und Gleichberechtigung ergänzt werden.

Die Autorin

Dr. Viola B. Georgi ist Professorin für Diversity Education und Direktorin des „Zentrums für Bildungsintegration“ an der Stiftung Universität Hildesheim. Zu ihren Schwerpunkten zählen Heterogenität in der Schule, Bildungsmedien und Demokratie­pädagogik.

Zusammenarbeit mit den Eltern

Schulischer Erfolg ist maßgeblich von der Familie abhängig. Die Kooperation mit den Eltern ist daher wichtig. Eltern – besonders die, die nicht in Deutschland zur Schule gegangen sind – brauchen Informationen über das deutsche Schulsystem. Sie müssen wissen, wie Übergänge gestaltet werden und wie Bildungswege verlaufen können. Sie brauchen Ansprache und Unterstützung, damit sie ihre Kinder fördern können. Wir müssen außerdem eine Kultur des Förderns entwickeln und an die Stärken und Schwächen des Kindes anknüpfen: Eltern und Lehrer sollten sich nicht nur treffen, um negative Aspekte zu besprechen, sondern auch positive. 

Mehr Bildungsgerechtigkeit Schule kann zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen. Voraussetzung dafür sind interkulturelle Bildung und eine durchgängige Sprachförderung. Die Lehreraus- und -fortbildung muss sich mit sozialer Ungleichheit und Migration beschäftigen. Lehrende müssen wissen, wie im Bildungssystem soziale Ungleichheit reproduziert wird. Sie sollten auch die entsprechenden empirischen Befunde der Bildungsforschung kennen und reflektieren, welche Rolle sie als Lehrende spielen, wenn sie Unterrichtsinhalte gestalten, Kinder motivieren, tadeln und beurteilen. Damit individuelles Lernen umgesetzt werden kann, sind kleinere Klassen und Lerngruppen notwendig. Schulen brauchen multiprofessionelle Teams, mit Lehrenden, Sozialpädagogen und Schulpsychologen. Lehrkräfte brauchen vor allem Zeit, sich jenseits der reinen Unterrichtszeit über einzelne Kinder auszutauschen.

 

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2017, www.didacta-magazin.de


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