Gastbeitrag

Chemie lernen mit Minecraft im Unterricht

Schüler tauschen Protonen untereinander aus, bauen Atome nach: Mirek Hancl setzt in seinem Unterricht auf das Computerspiel Minecraft. Wie das funktionieren kann, erklärt er in didacta DIGITAL. Von Tina Sprung

14.11.2017 Bundesweit Artikel didactaDIGITAL - Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien
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Manche Schüler der 9. Klasse „hamstern“ im Chemieunterricht und sammeln alle Protonen ein. Sie spielen Minecraft im Computerraum, ihre virtuellen Figuren, sogenannte Avatare, stehen vor vier Truhen, die mit einem Bilderrahmen beschriftet sind: Protonen, Neutronen, Elektronen und zusätzlich eine Atombauwerkbank. Die Schüler können mit ihren Avataren die diversen Teile für den Bau eines Atoms herausnehmen. Sie müssen Atome herstellen – das ist das Ziel dieser Stunde. Zu Beginn nehmen sich manche Schüler viele Protonen, wollen die komplizierten radioaktiven Isotope Plutonium und Uran nachbauen. „Aber sie merken gleich, dass sie besser mit einfachen Wasserstoff-Verbindungen beginnen“, sagt ihr Chemielehrer Mirek Hancl schmunzelnd. „Wenn sich die Schüler dann im Unterricht zuschreien: ,Gib mal ein Proton her‘, sieht man, wie sie sich die bunten Teilchen virtuell zuschmeißen.“

Mirek Hancl setzt Minecraft seit fünf Jahren im Chemieunterricht ein. Er unterrichtet am Lessing-Gymnasium Uelzen Chemie und Informatik und erinnert sich an die Anfänge: „Ein Schüler in der Arbeitsgemeinschaft Informatik hat mich auf die Idee gebracht. Er hat sich ein Youtube-Video angesehen, bei dem ein Spieler in dem Spiel Minecraft ein Schwein gejagt hat. Man sah ihn aus der Ich-Perspektive, wie er mit einem Schwert versuchte, das Tier zu töten“, erzählt der 38-Jährige. Er verbot das Spiel – bis die Schüler ihn mit Vorträgen in den virtuellen Spielewelten überzeugten. Sie zeigten, wie man in dem Spiel virtuelle Stromkreise baut. „Das war wahnsinnig beeindruckend. Ich beschäftigte mich mit dem Computerspiel und merkte, dass es sinnvoll ist, es einzusetzen“, sagt Hancl. Er fängt an, selbst Welten zu gestalten. Bei Minecraft können die Avatare Rohstoffe sammeln und zu Gegenständen verarbeiten. Hancl nutzt das Prinzip: Durch Modifikationen – sogenannte Mods –, die er am Wochenende auch selbst programmiert, legt er die Spielewelten so an, dass die Rohstoffe beispielsweise Atomteile sind und die Schüler sie zu Atomen zusammenbauen müssen.

Das Spiel an sich wirkt abstrakt – es geht darum, Klötzchen zusammenzubauen, die Grafik erinnert an die Spiele der 90er-Jahre. Bei Mirek Hancl wird Minecraft regelmäßig in der 9. Jahrgangsstufe eingesetzt. Das erste Mal schon in der 6. Klasse mit dem Rollenspiel Tracecraft. Jeder Schüler bekommt beim Spiel eine Rolle zugewiesen. Es gibt auch Spione. Was sie nicht wissen, ist, dass alle Aktionen erfasst und Screenshots gemacht werden. Im Anschluss an das Spiel wird diskutiert, wer der Spion war. Denn es geht hier darum, Medienkompetenz zu vermitteln. „So wie im echten Leben. In sozialen Netzwerken wird ebenso alles aufgezeichnet, gespeichert“, erklärt Hancl. „Die Schüler sollen erkennen, dass sie genau überlegen sollen, was sie schreiben.“ Lernen die Schüler dadurch anders? Ja, sagt Hancl. Er fungiert nicht als Lehrer, der vor der Klasse steht und Wissen weitergibt. Er lässt die Schüler in den virtuellen Welten „machen“. Als Lehrer sieht er, wie die Avatare miteinander agieren und sich die Elektronen zuwerfen. „Kollaboratives und ko-konstruktives Lernen setze ich um, wenn ich Minecraft als Lernwelt in den Unterricht einbeziehe. Meine Unterrichtsfächer leben von Theorie und Praxis, von Modell und Wirklichkeit. Somit regt das Spiel auch das ganzheitliche Denken an.“

Bei den Schülern kommt der ungewöhnliche Unterricht gut an. „Auch, wenn die Älteren das anfangs befremdlich fanden, dass wir Spiele wie Minecraft zielgerichtet im Unterricht einsetzen sollen. Es ist Alltag der Kinder und Jugendlichen und motiviert sie“, erzählt Hancl. Er hofft zudem, dass bei den Schülern das Interesse an MINT-Fächern geweckt wird. Hancl betreut auch die Arbeitsgemeinschaft Informatik an der Schule. Ein Viertel davon sind Mädchen. „Schüler für MINT begeistern – allein deswegen sollten Lehrkräfte Spiele im Unterricht einsetzen“, ist der Chemielehrer überzeugt, der auch Lehrerfortbildungen zu diesem Thema anbietet. „Ich werde immer nach Anleitungen und Vorlagen gefragt. Das ist schwierig, denn es gibt keinen einheitlichen Weg. Man muss es einfach machen.“

EDUCATION EDITION

Speziell für Lehrkräfte, die Minecraft noch nicht kennen, gibt es eine Minecraft Education Edition. Diese bietet folgende Vorteile:

  • In einem speziellen Tutorium wird Lehrern das Spiel erklärt. Schüler können alle gemeinsam in einer Welt spielen, ohne dass ein Server benötigt wird.
  • Die Education Edition verfügt über ein sicheres Schüler-Login. Lehrkräfte können überwachen, wie Schüler in den Welten arbeiten. Die Schüler können ihre Fortschritte in den Lernwelten mit Bildaufnahmen festhalten.
  • Es stehen vorgefertigte Welten für Mathematik, Technik, Geschichte, Sprachen, Kunst oder Wissenschaft zur Verfügung. Um das Spiel  kennenzulernen, gibt es eine Testversion. Danach kostet das Spiel pro Schüler 5 US-Dollar

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta DIGITAL – Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien, Ausgabe 1/2017
www.didacta-magazin.de


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