Gastbeitrag

Das Abitur – was ist es wert?

Bis heute genießt das deutsche Abitur weit über die nationalen Ländergrenzen hinweg einen exzellenten Ruf. Doch hierzulande heizen Rekordmeldungen über die jährlich steigende Zahl der Abiturienten und der Abschlüsse mit Bestnoten in Deutschland die schwelende Debatte über die Vergleichbarkeit der Abschlüsse an.

17.07.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Anika Wacker
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Kommen die besten Schüler aus Thüringen? Eine Veröffentlichung der Kultusministerkonferenz (KMK) zu den bundesweiten Abiturabschlussnoten von 2014 könnte diesen Eindruck erwecken: Demnach gelang Schülern in Thüringen am häufigsten ein Abiturdurchschnitt von 1,0. Abiturienten in Niedersachsen erhielten hingegen die schlechtesten Noten: Ein Drittel von ihnen erzielte einen Schnitt von 3,0 oder schlechter, in Rheinland-Pfalz sah es wenig besser aus. Im Spitzenreiterland Thüringen hingegen hatte nur jeder zehnte Schüler einen Notendurchschnitt von 3,0 oder schlechter. Bildungsministerin Birgit Klaubert (Die Linke) freut sich über das überdurchschnittlich gute Abschneiden der Schüler ihres Bundeslandes: „Das Thüringer Schulsystem setzt auf Leistung und belohnt sie auch.“

Doch die regionalen Leistungsunterschiede sorgen für Aufmerksamkeit. Für Bildungsjournalistin Heike Schmoll werfen sie die Frage auf, ob die Schüler in Niedersachsen dümmer sind als in Thüringen. „Das dürfte kaum der Fall sein“, schreibt sie in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Unterschiede begründet Schmoll stattdessen mit den ungleichen Bewertungsmodellen der einzelnen Bundesländer bei den Abiturprüfungen. Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da: „Ich habe immer schon gegen die Tendenz der Noteninflation gekämpft“, erklärt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Er kritisiert nicht nur eine mangelnde Vergleichbarkeit der Abiturnoten, sondern auch den erkennbaren politischen Willen einzelner Bundesländer, Bildungsreformen durch die Vergabe immer besserer Noten abzusichern. Mit der Einführung des Abiturs nach acht Jahren sei der politische Druck noch gewachsen. „Es wäre ja politisch undenkbar, wenn die G8-Abiturienten häufger durch die Prüfungen gefallen wären oder schlechter als vorher bestanden hätten“, meint Meidinger.

Erwartungshorizonte: Theorie versus Praxis?

In diesem Sommer befeuerten weitere Vorfälle die Diskussion um eine mögliche Abiturinflation: In Niedersachsen protestierten Schüler und Eltern gegen zu schwere Abiprüfungen in Mathematik. Und erzielten damit eine nachträgliche Senkung des Bewertungsmaßstabs, wodurch die Schüler besser benotet wurden. Das niedersächsische Kultusministerium begründete die Entscheidung damit, dass die Mathematikprüfungen im Zentralabitur „auffallend schlecht“ ausgefallen waren. „Selbst wenn die Fragen schwer gestellt worden sind, kann es zum Problem werden, wenn sich so ein Vorgehen etabliert“, kritisiert Meidinger. Die Bewertung von Abiturprüfungen dürfe nicht dem politischen Willen der jeweiligen Landesregierung unterliegen.

Höhere Abiturientenquote in Deutschland

Bei der Vorstellung des Nationalen Bildungsberichts 2016 (siehe auch hier) zeigte sich die KMK-Präsidentin und Bremer Senatorin für Kinder und Bildung, Dr. Claudia Bogedan, sehr zufrieden damit, dass „sich der Bildungsstand der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert hat“. Als Gründe führt sie unter anderem die Durchlässigkeit des Schulsystems im Hinblick auf höhere Schulabschlüsse und einen kleiner werdenden Anteil der Schüler an, die die Schule ohne einen Hauptschulabschluss verlassen. Doch ob der quantitative Anstieg der Abiturientenquote mit der Qualität des Abschlusses Schritt halten kann, beschäftigt Bildungsexperten schon länger. Der Bildungsbericht zeigt nun erneut den deutlichen Anstieg der Schulabgängerquote mit allgemeiner Hochschulreife von knapp 30 Prozent im Jahr 2006 auf 41 Prozent im Jahr 2014. Heinz-Peter Meidinger sieht unterschiedliche Gründe für diese Entwicklung: Spätestens seit dem sogenannten „PISA-Schock“ von 2000 habe die deutsche Bildungspolitik erhöhte Abiturienten- und Studierendenzahlen forciert, um „im internationalen Wettbewerb keine Nachteile zu haben“. Zudem argumentiere die Wirtschaft, dass für viele Berufsbilder ein guter Hauptschulabschluss oder der Mittlere Schulabschluss nicht mehr ausreichten. Meidinger befürchtet jedoch, dass das Abitur als Hochschulzugangsberechtigung infrage gestellt wird, „wenn hinter der Studienberechtigung immer häufger keine Studierbefähigung mehr steht“.

Inflationierung des höchsten Bildungsabschlusses?

Diese Befürchtung teilen auch andere Experten: Ein Bericht der Konrad-AdenauerStiftung (KAS) kommt zu dem Ergebnis, dass trotz der Zunahme guter Schulabschlüsse die Zahl junger Menschen wächst, die zu Beginn ihres Studiums oder ihrer Berufsausbildung mit fehlenden Grundlagenkompetenzen kämpfen. Dabei mangele es vor allem an Wissen in Mathematik oder an Kompetenzen zur Texterfassung und -erarbeitung. Immer mehr Betriebe und Hochschulen bieten den Autoren zufolge deswegen nachholenden Schulunterricht oder Brückenkurse an. Diesen Vorwürfen steht Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) skeptisch gegenüber. „Die KAS hat zwar ein Phänomen erkannt, sie zieht aber die falschen Schlüsse daraus“, meint der Bildungspolitiker. In den Schulen werden heute zahlreiche zusätzliche Kompetenzen vermittelt, die noch vor 10 oder 20 Jahren gar nicht im Lehrplan vorkamen: Englischunterricht bereits in der Grundschule, Referate per PowerPoint und den Erwerb von Medienkompetenzen im Umgang mit PCs und Lernsoftware, nennt Rabe als Beispiele. „Wir können die Basics in den Lehrplänen gerne wieder stärken, aber dann bleiben andere Bereiche, die heute wichtiger geworden sind, auf der Strecke“, erklärt er. „Weniger Unterrichtszeit und doppelt so viel lernen – das geht nicht. Das muss auch die KAS wissen.“

Auswirkungen auf die Hochschulen

Doch dass Erstsemestern oft Grundlagenkompetenzen fehlen, beobachtet auch Horst Hippler. Für den Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist das wenig überraschend: „Wenn wir einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung zum Abitur bringen wollen, müssen die mittleren Anforderungen heruntergesetzt werden, damit die Menschen tatsächlich in der breiten Masse die Prüfungen bestehen.“ In der Konsequenz verzeichnen Hochschulen in den vergangenen Jahren einen regen Zuwachs: Waren es 2005 noch 356.000 Studienanfänger, stieg diese Zahl, mit Ausnahme des Jahres 2006, in jedem Folgejahr deutlich an. 2011 nahmen mit knapp 519.000 besonders viele Menschen ein Studium auf. Für Horst Hippler steht fest: Das Abitur ist heute längst nicht immer hinreichende Voraussetzung für ein Studium. „Wir müssen uns über alternative Zulassungswege Gedanken machen“, findet der HRK-Präsident. Neben einem fächerbezogenen Assessment Center hält er die Einführung eines Orientierungsjahrs für sinnvoll. In diesem Jahr sollen Studenten die Angebote der Hochschule kennenlernen, um erst danach zu entscheiden, welches Fach sie studieren wollen. Ein Vorbild sind für Hippler die USA: „Dort wird man zum Beispiel für eine Elite-Universität wie Harvard zugelassen, nicht für einen speziellen Studiengang. Die im ersten Jahr erbrachten Leistungsnachweise sind für die Studenten dann Teil ihrer Bewerbung für den gewünschten Studiengang.“ Für eine Umsetzung in Deutschland gebe es derzeit allerdings rechtliche Probleme, zum Beispiel bei der Personalberechnung. „Unser Hochschulsystem hat sich an die Veränderungen unserer Gesellschaft nicht angepasst“, kritisiert Hippler. Der an den Schulen herrschende Trend zur Noteninflation habe das deutsche Bildungssystem entwertet, weil „wir in den Zulassungsverordnungen nach Noten auswählen. Die Lehrkräfte wollen aber den jungen Leuten durch ihre Notenvergabe nicht deren potenzielle Karriere verbauen.“

Maßnahmen für mehr Vergleichbarkeit

Das sieht Schulsenator Ties Rabe anders: Seiner Meinung nach ist es falsch, von einer Noteninflation an Schulen zu sprechen. Die Inflation guter Noten beobachtet Rabe vielmehr an den Hochschulen. Dass es mehr Abiturienten als früher gibt, habe mit den besseren schulischen Fördermöglichkeiten zu tun, wodurch die Schüler „vermutlich auch etwas klüger geworden sind und ein größerer Anteil das Abitur oder Fachabitur besteht“. Lediglich die mangelnde Vergleichbarkeit von Abiturnoten zwischen den Bundesländern betrachtet der Bildungspolitiker als Problem. In seiner Amtszeit als KMK-Präsident 2012 hat sich Rabe daher für die Entwicklung eines Aufgaben-Pools engagiert. Dieser soll ab 2017 zum ersten Mal zum Einsatz kommen: In Zusammenarbeit mit der KMK hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) einheitliche Aufgaben für die Fächer Deutsch und Mathematik sowie Englisch und Französisch als fortgesetzte Fremdsprachen erarbeitet. Standards für die naturwissenschaftlichen Fächer sollen ab dem nächsten Jahr entwickelt werden. „Es ist dringend nötig, dass die Bundesländer jetzt mit großen Schritten in Richtung Vergleichbarkeit gehen“, erklärt Rabe. 14 der 16 Bundesländer sollen bereits erklärt haben, die Mathematik-Abiturprüfungen 2017 am gleichen Tag abzunehmen. Rabe begrüßt die Entwicklung, denn sollten Firmen und Universitäten das Abiturzeugnis nicht mehr als Zugangsvoraussetzung und valide Bewertung anerkennen, sei das „eine dramatische Entwertung von Schule“. Der Schulsenator schlussfolgert: „Deswegen müssen wir für mehr Gerechtigkeit sorgen und gleiche Aufgaben sowie einheitliche Bewertungsmaßstäbe auch für weitere Fächer entwickeln, an denen sich die Lehrer bundeslandübergreifend orientieren können.“

Aufgaben-Pool als Lösung?

So optimistisch blicken Kritiker nicht in die Zukunft. Den Aufgaben-Pool des IQB hält Heinz-Peter Meidinger für „politische Augenwischerei“. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands meint: Gleiche Prüfungsaufgaben führen noch längst nicht zur Vergleichbarkeit der Noten. „Es gibt noch immer verschiedene Erwartungshorizonte oder Korrekturphilosophien in den Ländern.“ Vor allem für Fächer wie Deutsch oder Englisch spiele das eine große Rolle. Zudem werden zwei Drittel der Leistungspunkte, die in die Bewertung des Abiturs einfließen, nicht durch die Abschlussprüfungen, sondern in den zwei Jahren zuvor erbracht: „Der Weg der KMK mit einem kleinen gemeinsamen Prüfungsteil wird wenig bis nicht zu einer größeren Vergleichbarkeit beitragen.“ Trotz aller Kritik und unterschiedlicher Ansichten sind sich Meidinger und Schulsenator Rabe in einem Punkt einig: Ein sehr gutes Abitur wird Schülern auch heute nicht geschenkt. Zudem betont Rabe den in seinen Augen zentralen Stellenwert von Schule und ihre Expertise: „Wenn nicht die Lehrer über die Kompetenzen ihrer Schüler ein valides Zeugnis am Ende einer Schulzeit abgeben können, wer dann?“

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 4-2016 veröffentlicht.


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