didacta-Themendienst

„Das letzte Drittel wird abgehängt“

Digitale Medien halten Einzug in deutsche Schulen, im Alltag der Schüler sind sie längst präsent. Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hurrelmann über die Gefahren und Chancen digitalen Lernens.

22.12.2016 Bundesweit Artikel Anika Wacker, Anna Petersen
  • © Hertie School of Governance Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Zuvor lehrte er Bildungsforschung an den Universitäten Essen und Bielefeld.

Herr Prof. Dr. Hurrelmann, inwiefern prägen digitale Medien die heutige Generation der Jugendlichen?
Junge Menschen werden heute unvermeidlich mit diesen neuen Techniken groß und das prägt sie sehr. Eltern können verkrampft versuchen, die Begegnung mit digitalen Medien aufzuschieben und sie vielleicht dadurch noch interessanter machen. Die beste Strategie ist es aber auch für Väter und Mütter, sich damit zu beschäftigen. Schon Kinder eignen sich die neuen Medien und Techniken früh an. Auf einer intuitiven Ebene sind sie den eigenen Eltern im Laufe ihrer Kinder- und Jugendzeit schnell überlegen.

Verfügen Jugendliche denn automatisch über Medienkompetenz, wenn sie mit Smartphones und Computern aufwachsen?
Nein, nur über eine intuitive Nutzerfähigkeit. Das ist etwas anderes als Kompetenz. Aber diese Frage beschäftigt unsere Gesellschaft heute sehr: Ist diese frühe Nutzung für kleine Kinder vielleicht sogar riskant? Werden sie von Impulsen abgehalten, die für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, ihres Gehirns, ihrer Wahrnehmung, Kognition und Intelligenz wichtig sind, für ihre Gefühle und ihre Sprachfähigkeit? Da gibt es äußerst kritische Positionen in der Hirnforschung, teilweise auch in der pädagogischen Forschung, die geradezu schwarzmalen. Ich halte das für einseitig, denn wie immer hat eine neue Technologie auch Vorteile – neben den sicherlich zu Recht angesprochenen Gefahren. Mit digitalen Medien kann ich mir schnell Wissen erschließen und Angebote kombinieren. Eine wirklich souveräne Beherrschung, bei der ich die Technik an meinen individuellen Arbeitsstil und mein Persönlichkeitsprofil anpasse, das ist die Kunst. Um eine solche Medienkompetenz zu entwickeln, brauchen Kinder und Jugendliche Anleitung und Hilfe in Kindergarten, Schule und Familie parallel.

Was müssen Eltern und Lehrkräfte bei der Vermittlung einer solchen Medienkompetenz beachten?
Eine Problematik ist die wahnsinnige Auswahl an Angeboten mit ihren abertausenden Impulsen. Da besteht die Gefahr einer Überreizung. Der Jugendliche kann all das Wissen, die Informationen, Bilder und Hintergrunddaten gar nicht mehr richtig einordnen. Das zu lernen ist heute aber so wichtig wie nie zuvor: Informationen filtern, auf die persönlichen Bedürfnisse ausrichten, aussortieren, sich abschirmen. Sonst besteht ganz klar das Risiko, dass Kinder sich nicht mehr dauerhaft konzentrieren können, weil sie minütlich oder sogar sekündlich mit neuen Impulsen umgehen, sich davon irritieren und zerreißen lassen. Struktur in die eigene Wahrnehmung zu bringen muss trainiert werden. Ebenso die Ausdauer, etwas über einen längeren Zeitraum durchzuhalten und sich auf einen Inhalt zu konzentrieren.

Müsste die Vermittlung von Medienkompetenz in der Lehreraus- und -fortbildung eine größere Rolle spielen?
Ganz entschieden. Es ist nicht in Ordnung, dass es heute in Deutschland – bei einer solchen technischen Revolution, die das Lernen maßgeblich verändert – nur in der Verantwortung des einzelnen Lehrers liegt, ob er sich damit auseinandersetzt. Etwa ein Drittel der Lehrkräfte in Deutschland sind den neuen technischen Herausforderungen für Lernprozesse wirklich gewachsen. Sie haben die Kompetenz, damit souverän umzugehen, sodass für die Kinder Vorteile entstehen. Ein weiteres Drittel dürfte sich einigermaßen zurechtfinden. Das letzte Drittel wird abgehängt und lehnt möglicherweise das digitale Lernen sogar ab und hält es für schädlich. So lange wir keine Leitlinien für die Arbeit von Pädagogen haben, die einheitlich auf bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen, werden wir nicht weiterkommen. Wir brauchen eine verpflichtende Fortbildung für Lehrkräfte, gerne auch schul- und jahrgangsspezifisch.

Was passiert, wenn Lehrkräfte die technische Entwicklung im Unterricht tatsächlich ausklammern?
Das können wir ja schon besichtigen. Die Schule verliert an Autorität, weil Schüler merken, dass in den Schulbüchern veraltetes Wissen steht. Sie können elektronisch auf neuere Informationen zugreifen. Das wird aber in der Schule oft nicht geduldet.

Über Digitales Lernen spricht Prof. Dr. Klaus Hurrelmann auch auf der didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Forum Berufliche Bildung
Lebenswelten von Jugendlichen verstehen
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Universität Bielefeld
15. Februar 2017
15:30 - 16:30 Uhr
Halle 6, Stand 6D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Frühe Bildung

Sonderveranstaltung
Aktionstag: Digitale Medien in der Kita
17. Februar 2017
10:00 – 14:15 Uhr
ICS, Raum C7
Veranstalter: BETA, KTK, KVJS, Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Die Veranstaltung ist anmelde- und kostenpflichtig (39 Euro inkl. kleiner Tagesimbiss und Messeeintritt). Anmeldung unter www.didacta.de.

Schule/Hochschule

Forum Bildung
DigitalPakt#D: Beginnt damit die Zukunft der Schule?
Es diskutieren:

  • Norbert Brugger, Dezernent Städtetag Baden-Württemberg
  • Wilmar Diepgrond, Vorsitzender Verband Bildungsmedien e. V.
  • Matthias Graf von Kielmansegg, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Leiter Abteilung 1 „Grundsatzfragen; Strategie; Digitaler Wandel“
  • Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz
  • Harald Willert, Stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschland e. V. (ASD)
  • Michael Zieher, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Referatsleiter „Medienpädagogik, digitale Bildung“

14. Februar 2017
16.00 - 17.15 Uhr
Halle 1, Stand 1H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Welche Kompetenzen brauchen unsere Schülerinnen und Schüler im digitalen Zeitalter?
Es diskutieren:

  • Prof. Dr. Joachim Kahlert, Ludwig-Maximilians-Universität München, Fakultät für Psychologie und Pädagogik
  • Prof. Dr. Eckhard Klieme, Direktor Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
  • Bernd Sibler, MdL, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
  • Philippe Wampfler, Lehrer für Deutsch, Philosophie und Medienkunde am Gymnasium Wettingen (Schweiz), Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich, Blogger und Autor

17. Februar 2017
10.45 - 12.00 Uhr
Halle 1, Stand 1H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Bildung im 21. Jahrhundert: Welche digitale Strategie brauchen wir?
Es diskutieren:

  • Klaus Hebborn, Beigeordneter des Deutschen Städtetages
  • Dr. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der GEW, Leiterin des Organisationsbereichs Schule
  • Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Stellvertretender Vorsitzender des Verband Bildungsmedien e. V.
  • Dirk Loßack, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

17. Februar 2017
12.00 - 13.15 Uhr
Halle 1, Stand 1H71
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Berufliche Bildung/Qualifizierung

Forum Berufliche Bildung
Arbeiten in der Fabrik 4.0 : Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert
Kurt Vogler-Ludwig zur Studie „Arbeitsmarkt 2030 - Wirtschaft und Arbeitsmarkt im digitalen Zeitalter“
16. Februar 2017
11:30 - 12:00 Uhr
Halle 6, Stand 6D32 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Didacta Verband e. V. / Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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