Die Hauptschulinitiative ist durchgefallen

An den Hauptschulen herrscht zum Schuljahresbeginn Planungsunsicherheit. "Schulleiter beklagen, dass noch immer keine Konzepte für Mittelschulen und Schulverbünde vorliegen, Lehrerinnen und Lehrer wissen nicht, wie es an ihrer Schule konkret weitergeht. Entsprechend groß ist die Verunsicherung bei Schülern und Eltern. Erschwerend kommt hinzu, dass nach einer im Juli vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) unter 660 Hauptschullehrern/innen durchgeführten Umfrage die Pläne des Kultusministers auf große Vorbehalte stoßen. Die überwiegende Mehrheit sieht in dem Vorhaben, Hauptschulen mit Hilfe von Kooperationsmodellen, der Weiterentwicklung zu Mittelschulen, Schulverbünden und Dialogforen aufzuwerten, keine Lösung. Sie stehen dem erneuten Rettungsversuch nach der Initiative vor zwei Jahren – der ´letzten Chance´, wie es damals hieß – überwiegend skeptisch gegenüber. Einige der geplanten Maßnahmen seien zwar umsetzbar, die Akzeptanz der Schulart werde dadurch jedoch nicht erhöht, so der Tenor. "Die erneute Hauptschulinitiative ist bei den Lehrkräften bereits durchgefallen", kommentierte BLLV-Präsident Klaus Wenzel das Ergebnis und forderte eine "mutige und tiefgreifende Reform, die Probleme löst und keine neuen schafft."

11.09.2009 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Das während der Sommerferien bekannt gewordene Vorhaben Spaenles, an Realschulen "Talentklassen" einführen zu wollen, in denen Schüler eine Jahrgangsstufe überspringen und danach die Hochschulreife erwerben können, konterkariert aus Sicht Wenzels die Bemühungen, mit Hilfe von Mittelschulen die Abschlüsse an Hauptschulen aufzuwerten: "Der Minister entwertet seine eigene Idee und hängt die Hauptschüler ab." Außerdem sei die Gefahr groß, "dass der Laie im Dickicht bayerischer Bildungspolitik allmählich den Überblick verliert."

Der BLLV wollte kurz vor den Sommerferien von den Hauptschullehrerinnen und -lehrern wissen, wie sie die Reformmaßnahmen der aktuellen Hauptschulinitiative des Kultusministeriums einschätzen. "Es hat uns nicht überrascht, dass die Skepsis groß ist", sagte Wenzel. "Die Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass wohnortnahe Schulen – und das sind Hauptschulen nun einmal – bei sinkenden Schülerzahlen nur gerettet werden können, wenn ein breiteres Schülerklientel erschlossen wird. Solange aber peinlich darauf geachtet wird, dass der Abstand zu anderen Schularten, insbesondere zur Realschule erhalten bleibt, kann dies nicht gelingen."

So erscheint zwar 54 Prozent der Befragten eine Weiterentwicklung ihrer Hauptschule zur Mittelschule als möglich – gleichzeitig übersteigen die Erwartungen bezüglich einer Besserung durch die neue Schulform keine 20 Prozent. "Die Lehrerinnen und Lehrer sind davon überzeugt, dass die eigentlichen Probleme so nicht gelöst werden können", erklärte Wenzel. "Die Hauptschulen werden auch als Mittelschulen darunter leiden, dass sie von den Eltern wenig akzeptiert werden, die Wirtschaft die Abschlüsse nicht anerkennt, der Schülerrückgang nicht gestoppt werden kann und kleinere Hauptschulen, insbesondere in ländlichen Regionen, nicht erhalten werden können." Nur 17 bis 24 Prozent der Befragten äußern die Hoffnung, dass die erneute Initiative des Kultusministeriums Früchte tragen wird. Sie sehen auch nicht, wie mit den von Spaenle vorgeschlagenen Maßnahmen die Konzentration schwierig zu unterrichtender Schüler/innen zu verhindern ist (92 Prozent).

Eine Mehrheit verbindet Hoffnungen mit der Einrichtung von Schulverbünden. 58 Prozent halten sie für realisierbar und 41 Prozent glauben mehr oder weniger, dass damit kleine Schulen erhalten werden könnten. Nur 7 bis 12 Prozent geben allerdings an, dass damit auch eine Verbesserung der Akzeptanz der Schulart einhergeht oder dem Schülerrückgang begegnet werden könnte. Die Hälfte der Befragten ist mit den Dialogforen einverstanden – allerdings zeigt sich auch hier, dass die Effizienz dieser Maßnahme fragwürdig erscheint: Nur 4 bis 10 Prozent sehen darin die Chance, die Probleme in den Griff zu bekommen. Nur ein knappes Drittel ist der Auffassung, dass das Kultusministerium seine selbst gesteckten Ziele wie z.B. die bessere Förderung aller Hauptschüler, mehr Durchlässigkeit des Schulsystems, Unabhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft, regional angemessene Problemlösungen oder der Erhalt wohnortnaher Schulstandorte erreichen wird.

Nach diesen Einschätzungen sind die erneut schlechten Noten für die bayerische Bildungspolitik nur konsequent: 26 Prozent erteilen ihr die Note "ungenügend", 53 Prozent "mangelhaft", 14 Prozent "ausreichend". Nur 6 Prozent sind "zufrieden", nur 2 Prozent bewerten sie als "gut". Das ergibt einen Notendurchschnitt von 4,96. "Er liegt 0,34 Notenpunkte niedriger als bei der Hauptschulbefragung des BLLV im Juni 2008. Damals lag der Schnitt bei 4,62", erklärte Wenzel. "Das ist ein alarmierendes Signal. Es zeigt, dass Hauptschulinitiativen nicht greifen und sich die Situation seit Jahren kontinuierlich verschlechtert. Es zeigt aber auch, dass die Politik die Situation ebenso beharrlich schöner redet, als sie ist. Geholfen ist damit niemandem – schon gar nicht den betroffenen Schülerinnen und Schülern." w

Weitere Informationen zur Befragung unter www.hauptschule.bllv.de


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