Bayern

Die Mär von der individuellen Förderung

Beinahe täglich ist vom Ausbau der individuellen Förderung an Bayerns Schulen die Rede. Kultusminister Spaenle hat das Schuljahr 2010/11 unter das Motto "Mit individueller Förderung gegen die Einheitsschule" gestellt. Er wolle nicht für alle Kinder dasselbe machen, sondern individuell differenzieren. Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, stellte dazu heute in München fest: "Ich habe den Eindruck, dass nicht wirklich klar ist, was individuelle Förderung ihrem Wesen nach ist, sie meint nämlich eine Individualisierung des Unterrichts - und von der sind wir in Bayern meilenweit entfernt. Stattdessen gibt es ein differenziertes Schulwesen und eine sehr komplex differenzierte Schulorganisation. Schüler werden nach ´Leistung´ bzw. ´Begabung´ auf verschiedene Schultypen sortiert. Mit individueller Förderung hat das aber nichts zu tun." Für erfolgreiches individuelles Fördern von Schülerinnen und Schülern fehlten die Voraussetzungen. "Anders ausgedrückt: Es ist zwar viel von individueller Förderung die Rede, faktisch findet sie aber nicht statt."

11.10.2010 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Wer mit diesem Begriff hantiert, muss wissen, was individuelle Förderung ihrem Wesen nach ist und wo sie gedeihen kann", erklärte Wenzel. Notwendig sei eine Atmosphäre des Miteinanders. Im Vordergrund stehe der verbindende, integrierende und nicht der trennende Charakter. "Individuelle Förderung lässt Vielfalt und Heterogenität zu und begreift sie als Chance: Schwache Schüler können von starken profitieren und umgekehrt", so Wenzel. "Damit eine neue Förderkultur überhaupt entstehen kann, müssten Eltern Erfahrungen machen dürfen. Dann könnten sie feststellen, dass kein Kind zu kurz kommt. Sie würden erkennen, dass starke und schwache Schüler die Angebote erhalten, die sie brauchen. Das könnte für ein in Naturwissenschaften begabtes Kind ein Mathematik-Plus-Kurs sein - bislang orientiert sich sein Unterricht lediglich am Klassendurchschnitt. Ein Kind mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche könnte von einem entsprechenden LRS -Förderkurs profitieren."

Förderung basiere auf einem Lernbegriff, der die individuellen Lernentwicklungsprozesse und -fortschritte eines jeden einzelnen Kindes berücksichtigt. "Lehrer und Schüler haben für diese Prozesse ausreichend Zeit, die Lernangebote sind entsprechend differenziert, für den Unterricht stehen pro Klasse mehrere professionell ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung. Weil individuelle Förderung nicht defizitorientiert ist, werden Fehler, die Schüler machen, nicht negativ bewertet."

Um individuell auf die höchst unterschiedlichen Bedürfnisse Heranwachsender eingehen zu können, sind die Schulen, in denen tatsächlich individuell gefördert wird, personell entsprechend ausgestattet. "Es leuchtet jedem ein, dass ein Gymnasiallehrer, der vor einer Klasse mit 30 Schülern steht, Bedürfnisse einzelner Schülern kaum berücksichtigen kann. Er ist außerdem an einen straffen Lehrplan und eine starre Prüfungsordnung gebunden. Einer Grundschullehrerin geht es ähnlich. Auch sie ist an eine starre Prüfungsfolge gebunden und muss Kinder ständig bewerten. Sie hat es z.B. mit einem verhaltensauffälligen Kind, mehreren Kindern mit Migrationshintergrund und einem Kind zu tun, dessen Eltern sich gerade trennen. Sie kann nicht jedem Schüler gerecht werden und hat keinerlei personelle Unterstützung. Häufig unterrichtet sie auch noch in einer jahrgangskombinierten Klasse, in der die Kinder unterschiedlich alt sind und schon allein deshalb völlig unterschiedliche Bedürfnisse und Lerntempi haben. An den Realschulen mit explodierenden Klassengrößen steht ein Lehrer oftmals vor 30 und mehr Schülern, viele weisen eine höchst unterschiedliche Bildungsbiografie auf - wie soll er unter solchen Voraussetzungen individuell fördern? Wir vermissen auf diese wichtigen Fragen konkrete Antworten", kritisierte Wenzel. Standardformeln aus dem Kultusministerium seien da wenig hilfreich.

Wer von einem Ausbau individueller Förderung spricht und immer wieder betont, wie wichtig sie ist, muss u. a.

  1. die Schulen vom Sortierauftrag befreien,
  2. die Schulen entsprechend personell ausstatten - Schüler brauchen professionelle Experten an ihrer Seite, die ihnen in allen Belangen helfen können,
  3. den Klassen mehrere Lehrer wie z.B. externe Fachlehrer oder Förderlehrer, zur Verfügung stellen,
  4. allen Lehrkräften mehr Zeit geben, um auf jeden einzelnen Schüler entsprechend eingehen zu können - jeder Lehrer braucht Zeit für das einzelnen Kind und seine Lernbiografie,
  5. einen neuen Lern- und Leistungsbegriff etablieren,
  6. individualisierte Lehrpläne zulassen,
  7. Voraussetzungen schaffen, damit die Schulen eigenverantwortlich und frei agieren können,
  8. Diagnose- und Fördermöglichkeiten von Lehrern stärken.

"Individuelle Förderung scheitert in Bayern schon allein aufgrund des Personalmangels, der vielen Schulen gerade noch gestattet, den Pflichtunterricht aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig stehen tausende junge Lehrer/innen ohne Beschäftigung auf der Straße. Es ist also zumindest ein Widerspruch, von der Notwendigkeit und dem Ausbau individueller Förderung zu sprechen und gleichzeitig das dafür erforderliche Personal nicht bereit zu stellen", so Wenzel.


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