Gastbeitrag

„Die Schule ist eine Integrationsmaschine“

Gleich und Gleich gesellt sich gern: Das Prinzip gilt auch an Schulen. Doch welche Folgen hat das für die Schüler? Der Soziologe Prof. Dr. Michael Windzio im Interview mit Andreas Müllauer.

25.08.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Andreas Müllauer
  • © www.pixabay.de

Herr Prof. Windzio, nach welchen Mustern bilden Schüler Netzwerke?
Die Schülerschaft ist heterogen, sowohl kulturell als auch sozial. Der engere Freundeskreis ist aber sozial und ethnisch segregiert. Man nennt das Homophilie, also: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“ Nun gibt es Schüler aus privilegierten Elternhäusern und aus weniger privilegierten. Damit gehen natürlich die Unterstützungsmöglichkeiten der Schüler einher.

Prof. Dr. Michael Windzio leitet das Institut für empirische und angewandte Soziologie der Universität Bremen. In zwei Studien hat sein Forschungsteam bei Viert- bis Siebtklässlern sowie bei Abiturienten untersucht, wie sich soziale Netzwerke in der Schule ausprägen. Dazu wurden Schüler an Grund- und Sekundarschulen auf dem Land und in der Großstadt befragt.

Welchen Einfluss hat diese Segregation auf die Zukunft einzelner Schüler?
Nehmen wir beispielsweise eine Person, deren Eltern nicht studiert und auch keine weiterführende Bildung genossen haben. Die Freunde dieser Person sind in einer ähnlichen Situation. Wenn die Mitglieder dieses Netzwerks sich für ein Studium interessieren, werden sie nicht die besten und aktuellsten Informationen darüber bekommen. Sie werden nicht wissen, wie man am besten einen Studiengang auswählt oder sich an der Uni einschreibt. Das wird dann möglicherweise dazu führen, dass sie einen Beruf ergreifen, den sie kennen, also häufig den Lehrerberuf, oder eine Ausbildung machen.

Wie wirken sich Netzwerke auf die schulischen Leistungen aus?
Wenn es einen Effekt gibt, ist der viel geringer ausgeprägt als derjenige, den die Lehrkraft auslöst. Die Lehrkräfte haben einen erheblichen Einfluss auf die Schülerleistungen, er ist wohl deutlich ausschlaggebender als diese Netzwerke.

Welche Rolle spielt die kulturelle Herkunft der Eltern?
Die ethnische Segregation ist bei den Eltern noch deutlich stärker ausgeprägt als bei den Schülern. Bei Besuchen zu Hause oder Geburtstagseinladungen sind die Eltern involviert. Weil die Segregation so stark ist und die Eltern sich nicht kennen, herrscht da aber Zurückhaltung. Das heißt, auch wenn die Kinder interethnisch befreundet sind – also Kinder mit und ohne Migrationshintergrund –, erschweren es ihnen die Eltern manchmal, den Kontakt zu intensivieren. Nicht bewusst oder böswillig, sondern weil kein Kontakt zwischen den Eltern besteht.

Was können Schulen unternehmen, damit Schüler auch an Netzwerke anknüpfen, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten?

Die Schule integriert. Sie ist eine Integrationsmaschine, weil sie Kinder zusammenbringt und sie trotz unterschiedlicher Herkünfte gemeinsam beschult. Um das zu verstärken, muss man Situationen herstellen, in denen Kinder unterschiedlicher sozialer oder kultureller Gruppenzugehörigkeiten in Kontaktbeziehungen eintreten: etwa Sportmannschaften oder eine Projekt-AG. Durch diese Kontakte werden Vorurteile reduziert.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2017 veröffentlicht.


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden