didacta-Themendienst

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Lehrermangel, Pflegenotstand und Azubi-Krise. In Deutschland fehlen Fachkräfte über alle Branchen hinweg. Dabei spielt nicht nur die schrumpfende Anzahl passender Berufsanwärter eine Rolle, sondern auch die Schwierigkeit, diese Fachkräfte länger an Arbeit und Arbeitgeber zu binden.

27.11.2018 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © www.pixabay.com Im Werben um Studierende und Azubis muss mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden. Denn Fachkräfte fehlen nicht nur im Bildungswesen, sondern auch in vielen Ausbildungsberufen und junge Menschen haben viel mehr Entscheidungsmöglichkeiten.

    Dieses Bild steht unter pixabay.com/de/konzept-mann-papiere-person-planen-1868728/ zum Download bereit. Bitte beachten Sie die Nutzungshinweise auf www.pixabay.de.

Deutschland gehen die Lehrkräfte aus. Rund 32.000 Lehrerinnen und Lehrer werden laut Kulturministerkonferenz (KMK) pro Jahr bis 2030 gebraucht. Jedes Jahr könnten Hunderte dieser Lehrerstellen unbesetzt bleiben.  „Wir müssen unterm Strich festhalten, dass ohne neue Anstrengungen der Länder für Deutschland bis zum Jahr 2030 insgesamt weniger ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen als benötigt werden“, moniert Helmut Holter, amtierender KMK-Präsident und thüringischer Kultusminister.

Länder locken Lehrer

So übertreffen sich die Länder gegenseitig dabei, jungen Menschen den Einstieg ins Lehramt und den späteren Berufsverbleib schmackhaft zu machen. Sachsen hob beispielsweise zuletzt die Gehälter für Grundschullehrer an und auch Lehrkräften im ländlichen Raum winkt neuerdings eine Zulage. In Berlin müssen neue Lehrer hingegen erst gefunden werden, bevor man sie durch derlei Anreize binden könnte. Das Berliner Lehramt-Stipendium lockt Studierende mit 500 Euro monatlich, wenn sie nach dem Bachelor in Mathe, Physik, Chemie, Biologie oder Informatik doch noch ein Lehramtsstudium in diesen Fächern aufnehmen. In Nordrhein-Westfalen startet die Landesregierung indes eine zwei Millionen Euro teure Charmeoffensive. „Lehrer in NRW zu werden heißt, einen Beruf mit besten Zukunftsaussichten zu ergreifen. Darauf möchten wir auf allen Kanälen und mit verschiedenen Mitteln aufmerksam machen“, erklärt Bildungsministern Yvonne Gebauer das offensive Werben.

© Bertelsmann Stiftung 2018 Im Werben um Studierende und Azubis muss mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden. Denn Fachkräfte fehlen nicht nur im Bildungswesen, sondern auch in vielen Ausbildungsberufen und junge Menschen haben viel mehr Entscheidungsmöglichkeiten.

Selbstverwirklichung schlägt Gehalt

Um Arbeitskräfte für einen Beruf zu begeistern und langfristig halten zu können, reichen finanzielle Anreize allein jedoch nicht aus. Darauf lassen die Ergebnisse einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag von McDonald‘s schließen. Weil die Mehrzahl der jungen Leute heute keine unmittelbare Sorge um einen Platz in Ausbildung und Beruf mehr haben muss, verschieben sich laut Studie ihre Wünsche immer mehr in Richtung Selbstverwirklichung. Im Werben um Studierende und Azubis muss dementsprechend mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden. Denn Fachkräfte fehlen nicht nur im Bildungswesen, sondern auch in vielen Ausbildungsberufen. Dem soll zum Beispiel eine Initiative der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie der Handwerkskammern entgegenwirken, die sogenannte Ausbildungsbotschafter in die Schulen schickt. Bei diesem Projekt werden Auszubildende geschult, um vor Schülern ihren jeweiligen Ausbildungsberuf vorzustellen. Azubis stärken so ihre sozialen Kompetenzen und werden von den Gleichaltrigen besser akzeptiert, berichtet Wolfgang Trefzger von der IHK NRW. „Die Azubis haben einen Riesenvorteil: Authentizität. Die Schüler können durch die Altersnähe viel mehr mitnehmen als bei älteren Beratern.“

Pflegekind Pflege

Auch in der Pflege herrscht akuter Fachkräftemangel. Nach Statistiken der Bundesagentur für Arbeit sind 11.000 Krankenpflegestellen unbesetzt. Ein neues Pflegeberufegesetz sieht eine generalistische Ausbildung vor, die den Wechsel zwischen den drei bisher getrennten Berufen Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger vereinfachen soll. Das erntet Kritik. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe bemängelt beispielsweise, dass die geplante Ausbildung an der Realität scheitern könne: Die Pflegeschulen würden sich schwertun, „eine Ausbildung zu planen, die viele unterschiedliche Interessen bedienen soll und bis Ende des zweiten Ausbildungsjahres kaum kalkulierbar bleibt.“

Fachkraft finden und binden

Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewinnt im Werben um Fachkräfte immer mehr an Bedeutung. Eine Betriebskita kann bei berufstätigen Eltern den Ausschlag für die Jobwahl geben und zudem auf betriebliche Bedürfnisse, wie Öffnungs- und Arbeitszeiten, Rücksicht nehmen. Dies zu initiieren stellt Unternehmen jedoch vor das Problem, das Ringen um Fachkräfte erneut zu beginnen. Denn auch in der frühkindlichen Bildung fehlen der Bertelsmann-Stiftung zufolge 100.000 zusätzliche Vollzeitkräfte. Und die müssen erstmal gefunden und gebunden werden. Anreize dafür soll eine Fachkräfteoffensive für Erzieher liefern, die der Bund begleitend zum Gute-Kita-Gesetz starten wird. Für das Gesetz investiert er 5,5 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren bis 2022.

Kurzes TV-Statement darüber, wie die „Generation Z“ die Arbeitswelt gestalten möchte, von Univ.-Prof. Dr. Christian Scholz, Direktor des Europa-Instituts der Universität des Saarlands. Das vollständige Interview, geführt auf der didacta 2018, können Sie sich auf bildungsklick TV anschauen.

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen.

Diese Veranstaltungen könnten Sie interessieren:

Forum Bildung
Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen: Talente entdecken, Potenziale fördern, beste Bildung gestalten!

  • Yvonne Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen

19.02.2019
13:30 bis 14:30 Uhr
Halle 7, Stand D 40/E 41
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung
Lehrermangel in NRW: Was tun?

  • MD Christoph Gusovius, Leiter der Abteilung 1 des Ministeriums für Schule und Bildung NRW
  • Prof.‘in Dr. Petra Herzmann, Empirische Schulforschung Universität zu Köln
  • Dorothea Schäfer, Vorsitzende der GEW NRW
  • Moderation: Lothar Guckeisen, Journalist

21. 02.2019
14:45 bis 15:45 Uhr
Halle 7, Stand D 40/E 41
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Interview: Quo vadis Deutschland - Akademisierungswahn versus Berufsausbildung

  • Hans-Peter Wollseifer, Zentralverband des Deutschen Handwerks

19.02.2019
11:15 bis 12:00 Uhr
Halle 6, Stand E 71
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Forum Berufliche Bildung
Podium: Was sind uns die Azubis wert?

  • Matthias Anbuhl, Deutscher Gewerkschaftsbund
  • Sven Breitbach, Azubibotschafter
  • Dr. Barbara Dorn, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

20.02. 2019
12:30 bis 13:30 Uhr
Halle 6, Stand E 71
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Forum Berufliche Bildung
Podium: Pflegenotstand in Deutschland: Was kann das Pflegegesetz 2019?

  • Heike Lorenz-Wittiber, Evangelisches Krankenhaus Kalk
  • Irene Maier, Deutscher Pflegerat e.V.
  • Helga Nattebrede, Akademie für Pflegeberufe und Management Dortmund
  • Stephanie Terbrüggen, Terbrüggen Show-Produktion GmbH
  • Wolfgang Trefzger, IHK NRW

21.02.2019
14:00 bis 15:00 Uhr
Halle 6, Stand E 71
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Forum Berufliche Bildung
Interview: Arbeitswelt 4.0 – Geht uns die Arbeit aus?

  • Johannes Klapper, Agentur für Arbeit Köln

22.02.2019
11:15 bis 12:00 Uhr
Halle 6, Stand E 71
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

Forum Qualifizierung
ddn-Demographietag
20.02.2019
Beginn ab 09:30 Uhr
Halle 6, Stand F 139
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

 

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info@bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2019 finden Sie im Dossier.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden