Lernbehindert

Eine unhaltbare sonderpädagogische Konstruktion mit nachweislich schädlichen Folgen

(Brigitte Schumann)- Mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ist die Frage nach der Berechtigung des deutschen Sonderschulsystems in das Zentrum der bildungspolitischen Auseinandersetzung gerückt. Insbesondere geht es um die Zukunft der ehemaligen Sonderschule für Lernbehinderte, die mittlerweile in fast allen Bundesländern rhetorisch zur Förderschule (mit dem Schwerpunkt "Lernen") avanciert ist.

11.01.2012 Artikel

Sie stellt die größte Sonderschulart in Deutschland dar und steht schon seit den 1970er Jahren in der Kritik wissenschaftlicher Untersuchungen. In der aktuellen Studie von Lisa Pfahl über "Techniken der Behinderung" wird sie nicht nur als Sonder-Institution in Frage gestellt. Auch die sonderpädagogisch vermittelte Klassifizierung der "Lernbehinderung" wird von der Wissenschaftlerin hinterfragt und als "Technik der Behinderung" kenntlich gemacht.

Pfahl kann auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen, wenn sie feststellt, dass mit der Klassifizierung "lernbehindert" die Betroffenen immer schon beschädigt wurden. In der heutigen Wissensgesellschaft mit ihren gestiegenen Erwartungen und Anforderungen an junge Auszubildende sind sie jedoch als bildungsarme und gering qualifizierte Sonderschulabgänger nach Einschätzung der Wissenschaftlerin einer erheblich größeren Stigmatisierungsgefahr ausgesetzt als früher. In ihrer eigenen Analyse von Befragungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die Sonderschule abgeschlossen haben, geht Pfahl der Frage nach, wie sich das Identitätsangebot der Sonderpädagogik für die als "lernbehindert" Klassifizierten auf die Selbstwahrnehmung und auf die (berufliche) Handlungsfähigkeit auswirkt. In den Mittelpunkt stellt sie veranschaulichend die sozialwissenschaftliche Auswertung von vier Fallstudien.

"Lernbehinderung" im Diskurs der Sonderpädagogik

Dazu stellt Pfahl in ihrer Diskursanalyse fest, dass sich die Zuschreibungen der Sonderpädagogik hinsichtlich ihrer Klientel im Zeitverlauf zwar begrifflich verändert haben. Diese Veränderungen markieren jedoch aufgrund gleichbleibender Schlussfolgerungen lediglich einen "rhetorischen Wandel". "Eine eindeutige inhaltliche Definition von "Lernbehinderung" lag und liegt dabei nicht vor, aufgrund einer letztlich fehlenden klinisch-wissenschaftlichen Begründbarkeit einer solchen sozialen Kategorie." "Lernbehinderung" wird ausschließlich relational als negative Abweichung von den Durchschnittsleistungen der Kinder der betreffenden Klasse, Schule oder im betreffenden Altersjahrgang bestimmt. Sie wird immer mit individuellen Defiziten begründet.

Mit der Individualisierung der Schulprobleme von "Lernbehinderten" werden sowohl die Probleme des Systems Schule als auch die gesellschaftlich bedingten Armutsprobleme der Betroffenen unsichtbar gemacht, kritisiert die Wissenschaftlerin. "Lernbehinderte" können sich im "Schonraum" der Sonderschule nicht als arm und sozial benachteiligt erfahren und reflektieren. Sie sind Objekte reduzierter Erwartungen, die in einem geschützten Territorium außerhalb der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft mit eingeschränkten Bildungsangeboten gefördert werden. Bis heute werden sie wegen ihrer "Leistungsschwäche" auf ihre "Hilfsbedürftigkeit" festgelegt und reduziert.

"Lernbehinderung" im bildungsbiografischen Vollzug

In der Biografienanalyse stellt Pfahl fest, dass die befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich die sonderpädagogische Zuschreibung auf unterschiedliche Weise zu Eigen gemacht haben. Die Fallbeschreibungen verdeutlichen, dass die Befragten ihre Schulerfahrungen als individuelle Schwierigkeiten begreifen. Pfahl kann zeigen, dass die Verinnerlichung der sonderpädagogischen Ideologie zu "Selbsttechniken der Behinderung" führt. Diese gehen sowohl mit reduzierten Selbstansprüchen als auch mit einer Einschränkung der (beruflichen) Handlungsfähigkeit einher. Selbst wenn die Betroffenen in beruflichen Zusammenhängen erfolgreich sind, haben sie Selbstzweifel, die sie wiederum in inferiore Rollen zwingt. Sie schreiben sich selbst die "Lernbehinderung" lebenslang zu und fordern eine darauf abgestellte Sonderbehandlung ein. Ihrer psychologischen Konditionierung als "lern- und leistungsschwach" im "Schonraum" der Sonderschule wird im Rahmen des beruflichen Übergangssystems heute mit der Folge entsprochen, dass sich ihre abhängigen und hilfebedürftigen Subjektrollen auch nach der Schulzeit weiter verfestigen.

In der Zusammenführung der diskursanalytischen und biografienanalytischen Ergebnisse verdeutlicht Pfahl, wie im Prozess der sonderpädagogisch vermittelten Fremd- und Selbstzuschreibung soziale Ungleichheit reproduziert wird. Zusammenfassend lautet ihr Ergebnis: "Techniken der Behinderung fungieren als Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit, die den eigentlichen Schulbesuch weit überdauern und die biografische Arbeit am eigenen Selbst und seine gesellschaftlichen Chancen maßgeblich strukturieren. Die Kategorie Lernbehinderung wird am sozialen Ort Schule konstruiert, an dem sie festgestellt, aufgeschrieben und im wechselseitigen Handeln inszeniert wird."

Forderungen an die Bildungspolitik

Lisa Pfahl begründet mit ihrer Studie die Notwendigkeit, die Sonderschule mit dem Förderschwerpunkt "Lernen" aufzulösen und die behinderungsspezifische Etikettierung und Klassifizierung der Schülerinnen und Schüler im Rahmen der individuellen Feststellungsdiagnostik zu beenden, als unausweichlich für eine verantwortungsvolle Bildungspolitik.

Diese Position wird auch in den Gutachten von Klemm / Preuss-Lausitz für die Bundesländer Bremen und NRW argumentativ untermauert und zur Grundlage für die strategische Umsetzung der UN-BRK erhoben. Die Bildungsforscher verbinden die Auflösung der Sonderschule mit dem Förderschwerpunkt "Lernen" und der ihr verwandten Sonderschularten mit den Förderschwerpunkten "emotionale und soziale Entwicklung" sowie "Sprache" mit der Einführung der systemischen sonderpädagogischen Ressourcenzuweisung und plädieren dezidiert für den Verzicht der herkömmlichen individuellen Feststellungsdiagnostik. Diagnostische Verfahren sollen aus ihrer Sicht ausschließlich der Lernprozessförderung dienen. Die Gutachter lehnen nachdrücklich das Elternwahlrecht für diese Förderschwerpunkte ab.

Pfahls Untersuchung legt ebenso eindringlich nahe, dass die Sonderpädagogik mit dieser ideologischen Ausrichtung als wissenschaftliche Disziplin keine Zukunft haben darf. Für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern muss aus Sicht der Wissenschaftlerin generell gelten, dass sie sich an dem Recht auf Inklusion orientiert und damit an einer gemeinsamen und gleichberechtigten Bildung für alle.

Mit Blick auf die KMK- Empfehlungen "Inklusive Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Schulen" vom 20.11. 2011 und die konkrete bildungspolitische Umsetzung der UN-Konvention in den Bundesländern ist uneinsichtiges Festhalten an der Existenz der Sonderschulen und deren Schonraum-Ideologie seitens der Verantwortlichen festzustellen. Die Diskrepanz zwischen dem bildungspolitisch Notwendigen und dem tatsächlichen bildungspolitischen Handeln könnte nicht größer sein.

Die Studie ist 2011 im transcript Verlag unter dem Titel erschienen: Techniken der Behinderung. Der deutsche Lernbehindertendiskurs, die Sonderschule und ihre Auswirkungen auf Bildungsbiografien.

Zur Person

Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


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