Forderung

Fremdsprachenlernen in der Grundschule

Über den längst als minimal befundenen Nutzen des frühen Fremdsprachenlernens flammte die Diskussion in den vergangenen Jahren immer wieder auf, ohne dass bisher etwas verändert wurde.

21.07.2017 Baden-Württemberg Pressemeldung Philologenverband Baden-Württemberg
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Kultusministerin Dr. Eisenmann möchte jetzt baldmöglichst den Beginn des Fremdsprachenlernens von der 1. in die 3. Klasse der Grundschule verschieben. Da sich die Grünen laut ihrer bildungspolitischen Sprecherin Sandra Boser erst nach der Sommerpause mit diesem Thema befassen können, wird sich die Entscheidung nun erneut verzögern.

Im Jahre 2003 hat Baden-Württemberg als erstes Bundesland für alle Erstklässler verpflichtend den Fremdsprachenunterricht eingeführt. In dem von Frau Prof. Dr. Erika Werlen und ihrem Forscherteam an der Universität Tübingen 2007 vorgelegten Schlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung der Pilotphase heißt es: „Durch die wissenschaftliche Begleitung wurde das Fremdsprachenkonzept von Baden-Württemberg bestätigt.“ Dies sahen Betroffene jedoch schon bald anders. So forderte der Landeselternbeirat (LEB) bereits 2009 das Kultusministerium auf, „den Nutzen des Fremdsprachenunterrichts in der Grundschule zu evaluieren“.

  • Gymnasiale Fremdsprachenlehrerinnen und Fremdsprachenlehrer stellten und stellen ernüchtert fest, dass vor Einführung der Grundschulfremdsprache Fünftklässler am Ende von Klasse 5 nicht weniger weit waren als nach deren Einführung, der Nutzen von zwei Wochenstunden Fremdsprachenunterricht je Grundschulklasse also äußerst minimal ist und sie nicht etwa auf ein verbindliches Fundament aufbauen können, sondern quasi von vorne anfangen müssen.

Als der PhV BW 2009 forderte, „erst in Klasse 3, aber dann richtig“ zu beginnen, wies das Kultusministerium diese Kritik als „völlig überzogen und ungerechtfertigt“ zurück, um nun – acht Jahre später – zumindest den ersten Teil dieser Forderung umsetzen zu wollen, alldieweil die anfängliche wissenschaftlich fundierte Euphorie relativ einhelligen, aber eben anderslautenden Erkenntnissen weichen musste.

  • Studien von Sprachdidaktikern aus Eichstätt, Leipzig, Gießen, Dortmund und Zürich weisen alle in dieselbe Richtung. Die Studie der Dortmunder Forscher belegt, dass Kinder, die ab der ersten Klasse Englisch lernen, sieben Jahre später sogar schlechter sind als diejenigen, die erst in der 3. Klasse damit angefangen haben. Die Züricher Forscherin Simone Pfenninger meint sogar, dass das frühe Fremdsprachenlernen die Muttersprache beeinträchtige und plädiert dafür, nicht vor der 5. Klasse zu beginnen, dann aber intensiv mit 6-8 Wochenstunden. Für die Dortmunder Forscher wäre ein Beginn ab Klasse 3 oder Klasse 5 mit dann mehr Wochenstunden eine Lösung.

Hinweise auf solche Erkenntnisse und sich daraus ergebende Konsequenzen waren bislang vom Kultusministerium Baden-Württemberg nicht zu hören. Auch kein Wort darüber, was denn an den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Frau Prof. Werlen, auf deren Grundlage Abermillionen Euro für Unterrichtsmaterialien ausgegeben wurden, falsch war.

Es wird lediglich vorgerechnet, dass man bei einem Beginn ab der 3. Klasse 630 Stellen einsparen könnte, die man „als Poolstunden zur weiteren Stärkung von Lesen, Schreiben und Rechnen in der Grundschule belassen“ wolle. 

  • Die neueste Befundlage sagt aber nicht nur „später“, sondern sagt „später und mehr“, was selbstverständlich bedeuten würde, dass bei einem Beginn in Klasse drei mehr als nur die jetzigen je zwei Wochenstunden vorgesehen werden müssen („später, aber dann richtig“).
  • Auch müssten Fremdsprachenstunden an das Gymnasium zurückgegeben werden, dem bei der Einführung von G8 gerade in diesem Bereich massiv Stunden genommen wurden, und man weiß, dass dort ein außerordentlich effizienter Fremdsprachenunterricht erteilt wird.

„Ich fordere das Kultusministerium auf, diesen Fakten Rechnung zu tragen sowie über die Stundenverteilung hinaus darzulegen, was an der bisherigen wissenschaftlichen Fundierung offensichtlich falsch war und wie eine aktualisierte fachdidaktische Konzeption aussieht“, so der Vorsitzende des PhV BW Bernd Saur, der abschließend hinzufügt: 

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass weitreichende Entscheidungen, die auch enorme finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen, gefällt werden, ohne dass fundierte Erkenntnisse zugrunde liegen und eine klare, evidenzbasierte und nachvollziehbare Konzeption vorgelegt wird.“


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