Stellungnahme

Ganztags-Rechtsanspruch für Grundschulkinder

Der im Koalitionsvertrag angekündigte Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder ist ein Hoffnungsschimmer. Er könnte dem qualitativen und quantitativen Ausbau ganztägiger Angebote neuen Schub verleihen und so zu einer chancengerechten und guten Bildung beitragen. Von Dirk Zorn

22.02.2019 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Im Moment stehen dem Vorhaben jedoch drei große Hürden im Weg: Es fehlt ein gemeinsames Konzept, es fehlen pädagogische Fachkräfte und es fehlen finanzielle Mittel. Wenn es mit dem Rechtsanspruch wirklich klappen soll, muss etwas passieren – und das möglichst schnell.

Nach Auslaufen des Ganztagsschulprogramms »Zukunft, Bildung und Betreuung« des Bundes im Jahr 2009 ist die Ausbaudynamik beim Ganztag erlahmt. Während der ganztägige Besuch einer Kita im Vorschuljahr immer mehr zur Normalität geworden ist, öffnet sich mit dem Übergang zur Grundschule für viele Eltern eine Betreuungslücke. Selbst dort, wo es den Ganztag gibt, werden Kinder oft nur verwahrt; viele Angebote werden den Ansprüchen an eine bestmögliche individuelle Förderung nicht gerecht. Das zeigen Elternumfragen, das belegen aber auch Bildungsforscher_innen. Bisher konnte keine Studie nachweisen, dass sich der Besuch einer Ganztagsschule positiv auf die fachliche Kompetenzentwicklung von Kindern auswirkt. Gerade der Ganztag sollte es aber ermöglichen, unterschiedliche Ausgangslagen, Stärken und Interessen zu berücksichtigen. Die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft ließe sich dadurch verringern. Das ist bislang nicht geschehen. Die Hoffnung auf mehr Chancengerechtigkeit durch den Ausbau von Ganztagsschulen wurde enttäuscht.

Quantität statt Qualität?

Dass der Bund sich nun nach jahrelanger Abstinenz erneut des Themas annimmt, sollte eigentlich Anlass zur Freude sein. Den Eltern von Grundschulkindern hatte die Große Koalition versprochen, dass sie einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung ihrer Kinder bekommen. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die entsprechende Absichtserklärung im Koalitionsvertrag erste Kritiker_ innen auf den Plan rief: So wird befürchtet, dass Länder und Kommunen aufgrund des Rechtsanspruchs primär in zusätzliche Betreuungskapazitäten investieren und die Qualität der Angebote vernachlässigen. Der gewählte rechtliche Umsetzungsrahmen verleiht dieser Sorge zusätzlichen Auftrieb: Die Große Koalition hat festgelegt, dass der Ganztagsanspruch im Rahmen des Sozialgesetzbuches VIII umzusetzen ist. Damit liegt er im Zuständigkeitsbereich der Kinder- und Jugendhilfe. Anhänger_innen einer schulorientierten Ganztagsgestaltung befürchten, dass dadurch verstärkt Betreuungsangebote in kommunaler Verantwortung (bzw. in freier Trägerschaft) entstehen, ohne dass die Schulen angemessen beteiligt werden. Die Kluft zwischen schulischen Angeboten und den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe könnte sich dadurch verstärken.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Flickenteppich Ganztag

Die Versorgung mit Ganztagsangeboten für Kinder im Grundschulalter gleicht derzeit einem Flickenteppich. Nicht nur zwischen den Bundesländern gibt es große Abweichungen bei der Gestaltung und Qualität. Auch innerhalb der Länder sind die Unterschiede enorm. Statt am realen Bedarf von Eltern und Schüler_innen orientieren sich die meisten Ganztagsangebote an den zumeist knappen finanziellen Möglichkeiten von Land und Kommune. Die Ganztagssituation in den Ländern wird dadurch so unübersichtlich, dass vergleichende Aussagen praktisch unmöglich sind. Auch die amtlichen Berichtssysteme bringen hier kein Licht ins Dunkel. Im Gegenteil, Kultusministerkonferenz-Statistik und Kinder- und Jugendhilfestatistik sind inkonsistent und jeweils lückenhaft. Ihnen stehen Umfrageergebnisse gegenüber, die zu stark abweichenden Zahlen kommen – allein was den Anteil von Kindern im »Ganztag« betrifft (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2018, S. 99).

Immer weniger Pädagog_innen für immer mehr Kinder

Die zweite große Sorge beim Rechtsanspruch auf Ganztag betrifft den zunehmenden Mangel an pädagogischen Fachkräften. Aktuell wird davon ausgegangen, dass 2025 allein im vorschulischen Bereich bis zu 300.000 Erzieher_innen fehlen. Ein Ausbau des Ganztagsangebots für Kinder über sechs Jahre würde die Situation verschärfen, denn auch hier wird um die gleichen Fachkräfte gebuhlt. Hinzu kommt der Mangel an Grundschullehrkräften. In einigen Bundesländern ist er bereits akut. In den übrigen ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch dort Lehramtsabsolvent_innen knapp werden. Die Zahl der Grundschüler_innen steigt wieder. Nach unseren Berechnungen fehlen deshalb bis zum Jahr 2025 allein für die Unterrichtsversorgung bis zu 16.000 studierte Grundschullehrkräfte (Klemm/Zorn 2018). Vor diesem Hintergrund scheint es nur schwer möglich, ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote für Grundschüler_innen qualitätsorientiert mit pädagogischen Fachkräften auszustatten – sei es mit Lehrkräften oder mit Erzieher_innen.

Geplante Finanzierung reicht nicht aus

Bislang ebenfalls ungelöst ist die dritte Herausforderung: Wie nämlich lässt sich ein bedarfsgerechtes Ganztagsangebot finanzieren? Zunächst einmal fehlen einheitlich pädagogische Zielsetzungen und damit verbunden auch einheitliche Qualitätskriterien (etwa für den Raum- und Personalbedarf). Die für den Ausbau des Ganztags erwarteten Gesamtkosten lassen sich deshalb nur grob abschätzen. Klaus Klemm und ich haben dies im Herbst 2017 beispielhaft getan (Klemm/Zorn 2017). Schon bei dieser Berechnung wurde schnell klar: Die vom Bund in Aussicht gestellten Mittel in Höhe von zwei Milliarden Euro reichen bei weitem nicht aus. Sie reichen allein deshalb nicht aus, weil sie ausschließlich für Investitionen eingesetzt werden dürfen, also etwa zur Schaffung zusätzlicher räumlicher Kapazitäten in den Kommunen. Die entscheidende Frage nach einer Lastenteilung bei der dauerhaften Finanzierung des notwendigen Personals ist nach wie vor ungeklärt.

Lösungsansätze für guten Ganztag an Grundschulen

Unklare pädagogische Zuständigkeiten und Zielsetzungen, Fachkräftemangel sowie eine unzureichende Finanzierung: Was können wir angesichts dieser Herausforderungen tun, um den geplanten Rechtsanspruch auf Ganztag im Sinne bestmöglicher Entwicklungschancen für unsere Kinder umzusetzen? Drei Dinge sind aus meiner Sicht erforderlich, um zumindest mittelfristig den Weg für hochwertige Ganztagsangebote zu bahnen: Zunächst müssen wir ein gemeinsames pädagogisches Konzept mit klaren Zielsetzungen entwickeln. Dann gilt es, die Bedarfsplanung, insbesondere für die benötigten Fachkräfte, systematisch auf neue Füße zu stellen. Schlussendlich muss auch der Bund sich dauerhaft an den anfallenden Kosten beteiligen.

Die Einführung des Rechtsanspruchs ist der Anlass, um den Flickenteppich Ganztag auf eine solide, gemeinsame Grundlage zu stellen. Ganztagsgestaltung muss dabei konsequent auf die kindlichen Interessen und Bedarfe ausgerichtet werden – nicht auf die jeweilige Logik von Schule oder der Kinder- und Jugendhilfe. Erst eine gemeinsame pädagogische Konzeption bietet Chancen für eine neue, zeitgemäße Lern- und Lebenswelt.

Personalbedarf genauer bestimmen

Ein klares pädagogisches Konzept ist auch zentrale Grundlage dafür, den künftigen Bedarf an pädagogischen Fachkräften bestmöglich abzuschätzen. Viele Prognosen kranken daran, dass sie sich nur auf einzelne Bereiche beziehen – etwa auf den Erzieher_innenbedarf im frühkindlichen Bereich oder auf den Lehrkräftebedarf für die reine Unterrichtsversorgung. Für eine gute Bedarfsprognose müssen aber zunächst einmal die generellen zeitlichen und personellen Leitplanken des Ganztags geklärt werden. Zusätzlich gilt es zu ermitteln, wie viele Schüler_innen den Ganztag überhaupt in Anspruch nehmen werden. Neben den steigenden Schüler_innenzahlen muss hier auch die Dynamik des Ganztagsausbaus im frühkindlichen Bereich berücksichtigt werden: Eltern, die bereits vor dem Schuleintritt ihrer Kinder eine ganztägige Bildung und Betreuung gewöhnt sind, werden diese auch nach der Einschulung erwarten.

Um bereits heute die Weichen für den zukünftigen Fachkräftebedarf stellen zu können, brauchen wir also Standards für die Personalausstattung im Ganztag und realistische Prognosen für die Inanspruchnahme. Das sollte schnellstmöglich passieren, denn der zeitliche Vorlauf ist erheblich: Ausbildungskapazitäten in Fach- und Hochschulen müssen erweitert, zusätzliche Personen die fünf- bis siebenjährige Qualifikation erst einmal durchlaufen, um zur Verfügung zu stehen. Dass viele Bundesländer die Zahl der Studienplätze für das Grundschullehramt derzeit erhöhen, ist für den Rechtsanspruch ab 2025 eine gute Nachricht.

Lasten fair verteilen

Klare und einheitliche Standards in der Personalausstattung ermöglichen es schließlich, den erforderlichen Finanzbedarf seriös zu ermitteln. Kommunen, Länder und Bund erhalten eine realistische Vorstellung davon, welche zusätzlichen Kosten sie schultern müssen – ob für die qualitative Entwicklung bereits bestehender Angebote oder für neue Angebote bzw. Ganztagsplätze. Eines ist zumindest schon jetzt klar: Kommunen und Länder werden die dauerhaften Kosten für das zusätzliche Personal nicht allein stemmen können. Sie benötigen die Unterstützung des Bundes. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern müsste dafür nicht mal aufgehoben werden. Für den Staat lohnt es sich auf jeden Fall, in den Ausbau ganztägiger Angebote für Grundschulkinder zu investieren. Wie eine aktuelle volkswirtschaftliche Simulation im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, führt dieser Ausbau zu einer gesteigerten Erwerbsbeteiligung der Mütter von Grundschulkindern. Langfristig profitieren auch die Kinder selbst durch größere Teilhabechancen – vorausgesetzt, die Qualität der ganztägigen Angebote stimmt und sie werden in ihrem gelingenden Aufwachsen unterstützt (Krebs et al. 2019).

Unterm Strich erscheint die faire Verteilung der finanziellen Lasten und Renditen, die mit dem Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulbereich verbundenen sind, als das am leichtesten zu lösende Thema. Einer viel größeren Kraftanstrengung wird es jedoch bedürfen, um sich auf ein gemeinsames pädagogisches Konzept und eine tragfähige Lösung der Fachkräftefrage zu einigen. Die Zukunftschancen unserer Kinder sollten es uns wert sein, diese Aufgaben unverzüglich anzupacken.

"Lust und Last der Ganztagsbetreuung an deutschen Grundschulen" zum Weiterlesen in Ausgabe 1–2.2019 (S.50-52)

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