Bayern

Grundschullehrkräfte zwischen Hoffen und Bangen

Viele Grundschullehrkräfte befürchten, dass der neue Grundschullehrplan nicht die erhofften Verbesserungen bringen wird. Das geht aus einer Internetumfrage des BLLV unter seinen Mitgliedern hervor. Diese wünschen sich mehr individuelle Förderung und ein nachhaltigeres Lernen, aber nur ein Bruchteil glaubt, dass sich das in die Tat umsetzen lässt.

17.07.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Er ist noch in Arbeit und sorgt bereits für Unruhe: Der neue Grundschullehrplan. Vor allem die Vorgehensweise des Kultusministeriums stößt bei vielen Lehrkräften auf Kritik: Sie fühlen sich zu wenig eingebunden. Der LehrplanPlus rückt die Kompetenzen der Schüler, die sie am Ende eines Schuljahres haben sollen, in den Mittelpunkt. Das finden die Lehrkräfte zwar gut, doch sie wissen auch, dass ein solcher Lehrplan bestimmte Rahmenbedingungen erforderlich macht. Diese sind an den Grundschulen aber nicht gegeben und daran wird auch der neue Lehrplan nichts ändern. "Die Kritik hat uns veranlasst, im April 2013 eine Internetbefragung durchzuführen", informierte BLLV-Präsident Klaus Wenzel heute in München. An der Befragung beteiligten sich rund 2500 Grundschullehrerinnen und -lehrer aus ganz Bayern.

Die Ergebnisse spiegeln die Bedenken der Lehrerschaft wieder: So wünschen sich fast 100% einen Lehrplan, der es möglich macht, die "Nachhaltigkeit des Gelernten" zu stärken und die "Möglichkeiten individueller Förderung" auszuweiten. Nur ein Viertel räumen der Realisierung individueller Förderung aber gute Chancen ein. "Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist auch in vielen weiteren Punkten enorm", sagte Wenzel. Sie führe bei vielen zu Demotivation und Frust. So erkläre sich auch, dass die Meinungen zum neuen Lehrplan geteilt sind: Während gut die Hälfte (53%) lieber mit dem bisherigen Lehrplan weiterarbeiten würde, geben 55% an, sich ´mehr oder weniger´ auf den neuen Lehrplan zu freuen. Zehn Prozent stehen ihm ablehnend gegenüber.

Kompetenzorientierung gelingt nur mit besseren Rahmenbedingungen "Für diejenigen, die den neuen Lehrplan ablehnen, dürften Mühen und Belastungen im Vordergrund stehen, möglicherweise begleitet von geringen Hoffnungen auf bessere Lernerfolge bei den Schülern", sagte Wenzel. Die Befragung mache nicht nur deutlich, dass die Meinungen auseinandergingen, sie zeige auch, dass viele bis heute nicht wüssten, was sie erwartet. "Das nährt Spekulationen und Ängste." Wenzel forderte das Kultusministerium auf, rasch für Klarheit zu sorgen. "Die Pädagogen haben ein Recht darauf, zu erfahren, was auf sie zukommt.

"Wenn der neue Lehrplan ein Erfolg werden soll, dann muss das Kultusministerium auch dafür sorgen, dass alle Grundschullehrerinnen und -lehrer die Rahmenbedingungen vorfinden, die zur Umsetzung eines kompetenzorientierten Lehrplans nötig sind", stellte er klar. Dazu gehörten zahlreiche Bausteine, wie zum Beispiel individualisierte Förderpläne für jedes Kind, eine neue Feedbackkultur oder die kritische Auseinandersetzung mit der Vergabe von Noten - "an der wird nicht gerüttelt, obwohl sie kompetenzorientierten Unterricht erschwert, wenn nicht unmöglich macht."

Ein interessantes Ergebnis der BLLV-Befragung sieht Wenzel auch darin, dass 51% der Befragten eine Reduzierung der Stofffülle im neuen Grundschullehrplan erwarten, weitere 31% halten eine Reduzierung für "wichtig". Das Thema überbordender Lehrpläne sei nicht nur an den Gymnasien virulent: "Wir überfrachten unsere Kinder bereits an den Grundschulen mit zu viel totem Faktenwissen und wundern uns, wenn sie die Lust am Lernen verlieren. Das muss dringend überdacht werden.

Lehrkräfte wünschen sich größere Gestaltungsspielräume

"Neben klaren Kompetenzbeschreibungen wünschen sich über die Hälfte der befragten Grundschullehrkräfte (56%) lediglich Rahmenvorgaben durch den neuen Lehrplan. Diese sollten dann an der jeweiligen Schule konkretisiert und ergänzt werden dürfen. Fast alle wollen Migrantenkinder besser integrieren (98%) und Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besser unterstützen (92%). Dazu, und zur Einführung kooperativer Lernformen in Kleingruppen - für sie sprechen sich 93% der Befragten aus - bedarf es aus Sicht der Befragten aber mehr Lehrerwochenstunden (97%).

Das Bildungsverständnis bayerischer Grundschullehrerinnen und -lehrer ist eindeutig: Im Vordergrund steht der Wunsch nach mehr Individualisierung, Nachhaltigkeit, Handlungsorientierung und selbständigem Lernen. "All das erfordert natürlich entsprechende Rahmenbedingungen, vor allem Personal und Zeit", betonte Wenzel. Unter den gegebenen Umständen sei eine Umsetzung nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Die Pädagogen fühlten sich blockiert: "Dreiviertel der Befragten sehen ´kaum bis keine Möglichkeit´, an ihrer Schule den Inklusionsgedanken umsetzen zu können. Gleiches gilt für die Individualisierung (71%) und für die Integration von Migrantenkindern (62%).

"Der LehrplanPlus sieht auch ein digitales Lehrplaninformationssystem, kurz LIS vor. 90 Prozent der Befragten halten dies für durchaus sinnvoll und wichtig. "Das zeigt", so Wenzel, "dass Lehrerinnen und Lehrer Hilfestellungen bei der Anwendung neuer Unterrichtsmethoden wollen." Generell seien der Fortbildungsbedarf und der Ruf nach Unterstützung groß. Dem müsse das Kultusministerium möglichst rasch Rechnung tragen. Bei den Fortbildungen müsse allerdings über die Form nachgedacht werden: Pflichtfortbildungen seien wenig effektiv.


Das Kultusministerium hat das Institut für Schulqualität und Bildungsforschung mit der Erstellung eines neuen Lehrplanes für alle bayerischen Grundschulen beauftragt. Im Schuljahr 2013/14 geht der Lehrplan in die Anhörungs- und Erprobungsphase, im Schuljahr 14/15 soll er in den Jahrgangsstufen 1 und 2, im Schuljahr 2015/16 in Jahrgangsstufe 3 und im Schuljahr 2016/17 in Jahrgangsstufe 4 verbindlich eingeführt werden. Mit dem neuen Lehrplan sollen die von der Kultusministerkonferenz verabschiedeten Bildungsstandards umgesetzt werden. Ziel ist es, den Unterricht kompetenzorientiert zu gestalten. Es sollen im Unterricht nicht nur Fakten und Wissen vermittelt, sondern darauf geachtet werden, was bei den Schülern "ankommt" und dass sie das Gelernte auch anwenden können.

Weitere Ergebnisse der Befragung unter: www.bllv.de/Lehrplan-Befragung-2013.9316.0.html


Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden