Grundschulreform verhindert innovatives Lernen

Viele Grundschullehrerinnen und -lehrer reagieren fassungslos auf die Grundschulreform, die das Kultusministerium auf den Weg gebracht hat. "Sie sehen insbesondere in der Fixierung von Probe- und Lernphasen einen Angriff auf ihre pädagogische Freiheit und sind der Meinung, dass die Reform modernes Lernen verhindert", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, und kündigte Widerstand an.

05.10.2009 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Der Eindruck erhärtet sich, dass sich die bayerische Schulpolitik mehr und mehr von einer Pädagogik verabschiedet, die die Bedürfnisse von Kindern in den Mittelpunkt stellt." Hinzu kommt, dass sich die Lehrerschaft von der Verwaltung des Kultusministeriums übergangen fühlt: "Viele Lehrkräfte empfinden die Vorgehensweise als restriktiv. Reformen werden ohne ihre Expertise entwickelt und sollen kritiklos umgesetzt werden. Mit der verbindlichen Festlegung von Probe- und Lernphasen wird der Lernrhythmus aller vierten Klassen in ganz Bayern fixiert. Individuelle Lernphasen, projektorientierte Lernformen oder flexible Stundengestaltung werden dadurch erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Mit einer kindgerechten Grundschule hat die Reform nichts zu tun, im Gegenteil, sie degradiert die Grundschule zu einer Einrichtung, die nur ein Ziel kennt: Die Vorbereitung auf den Übertritt!" Die Lehrer/innen fordern jetzt eine Reform der Reform unter Berücksichtigung anspruchsvoller pädagogischer Kriterien.

Wenzel verwies auf den "Deutschen Schulpreis": Alle preisgekrönten Schulen zeigen, was gute und moderne Schulen ausmacht. Sie werden demokratisch geführt, es gibt hohe Entscheidungskompetenzen, ein hohes Maß an Mitbestimmung und pädagogischer Freiheit. Die Reform des Kultusministeriums läuft in die entgegen gesetzte Richtung und untergräbt innovative Schulpolitik - verständlich, dass der Zorn bei den Grundschullehrerinnen und -lehrern immens ist."

Wenzel sieht sich in seiner kritischen Haltung vom kompletten Landesvorstand des BLLV, aber auch von der BLLV- Basis unterstützt: Schon in der BLLV- Grundschulstudie vom März 2009 hatten sich 63 % der Befragten gegen eine festgelegte Mindestzahl von Proben in der Jahrgangsstufe vier geäußert, weitere 13 % zeigten sich unentschlossen. 87 % sprachen sich für eine längere gemeinsame Schulzeit aus. Befragt wurden 2700 Grundschullehrer/innen aus ganz Bayern. Inzwischen haben sich Pädagogen aus allen bayerischen Bezirken an den BLLV gewandt und ihrer Bestürzung Ausdruck verliehen. Sie verlangen eine umgehende Korrektur der Reform.

"Wir wissen allerdings, dass es auch Eltern gibt, die die neue Regelung begrüßen, weil sie damit die Hoffnung verknüpfen, künftig mit ihren Kindern gezielt auf die jeweiligen Proben lernen zu können. Sie sehen darin eine Möglichkeit, die Chancen für den gewünschten Übertritt auf ein Gymnasium zu erhöhen", erklärte der BLLV- Präsident. "Hier wird pervertiertes Lernen auf die Spitze getrieben", betonte er, will aber den Eltern keinen Vorwurf machen: "Es muss jedem klar sein, warum sie sich so verhalten. Sie sind - genauso wie Schüler und Lehrer - Opfer eines Schulsystems, die sich auf Selektion und nicht auf Förderung konzentriert. Sie wissen, dass am Ende der vierten Klasse die Weichen für die Bildungsbiografie ihrer Kinder gestellt werden. Deshalb sind sie dankbar für Strukturen, die scheinbare Objektivität, Transparenz und Planbarkeit schaffen. Mit einem Lern- und Leistungsverständnis, das sich am Bedürfnis des Kindes orientiert, hat das nichts zu tun." Durch die Fixierung von Proben- und Lernphasen werde Unterricht künftig reglementiert. "Alles wird von außen verordnet, so dass Pädagogik eine untergeordnete Rolle spielt. So eine Schule können wir nicht wirklich wollen."

Darüber hinaus ist die Grundschulreform des Kultusministeriums "eine schallende Ohrfeige" für alle, die die Petition der BLLV- Grundschulaktion "Unsere Kleinen ganz GROSS" unterschrieben haben. Die über 100 000 Unterzeichner/innen hatten darin ihren Wunsch nach Verbesserungen an bayerischen Grundschulen bekräftigt und u .a. eine neue Lern- und Leistungskultur sowie eine längere gemeinsame Schulzeit gefordert. Erst im Juli wurde die Petition an den Bayerischen Landtag übergeben. Im Oktober steht sie auf der Tagesordnung. Mehr Infos unter www.grundschule.bllv.de.


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