Inklusion

"Inklusion ist eine pädagogische Herausforderung auf hohem Niveau"

"Auf einmal platzt der Ball mit einem lauten ..?" Luca hat den Text vorgelesen, jetzt suchen alle Kinder nach dem passenden Reimwort. Ali weiß die Antwort: "Knall" ruft er und liest stolz den kompletten Text vor. Es ist kurz nach elf, auf dem Stundenplan in der jahrgangsübergreifenden Eingangsklasse der Grundschule Mastbrook im schleswig-holsteinischen Rendsburg steht das Fach Deutsch. Hier lernen neben 13 Regelschulkindern auch vier Kinder mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung und ein Kind mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Unterrichtet werden sie von zwei Lehrkräften: einem Grundschullehrer und einer Sonderschullehrerin.

23.09.2010 Artikel
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Nach dem Unterrichtsstart mit der gesamten Klasse setzt sich Nina Werner mit einigen Schülern in den Nachbarraum. Die Sonderschullehrerin führt dort mit einem Brettspiel das Thema Reimen fort. Die anderen Kinder arbeiten an ihren Arbeitsblättern. Immer wieder kommt ein Schüler ins Spielzimmer, um von ihr zu erfahren, ob seine Ergebnisse auf dem Arbeitsblatt richtig sind. Denn für die Kinder gibt es keine Trennung zwischen Klassenlehrer und Sonderschullehrerin. Beide sind für alle Schüler da. Den Kindern ist der Unterschied gar nicht bewusst. "Ich bin Lehrerin, egal für wen."

"Wir müssen uns dem Thema stellen"

Eigentlich müssten Szenen wie diese längst zum Schulalltag in Deutschland gehören, denn in Deutschland ist die UN-Behindertenkonvention, die ein inklusives, allgemeines Bildungssystem für alle Kinder vorsieht, seit März 2009 in Kraft. Seither wird in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich intensiv an Umsetzungsmodellen gearbeitet. Eine Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz hat auch bereits ein erstes Rohpapier vorgelegt und spätestens im nächsten Frühjahr will die KMK dann ein entsprechendes Reformpapier verabschieden. Zu den Bundesländern, die in Sachen Inklusion weiter sind als andere zählen Bremen, Rheinland-Pfalz und auch Schleswig-Holstein.

"Wir wissen, wir müssen uns diesem Thema stellen", sagt Thomas Albert, Rektor der Schule Mastbrook, ganz pragmatisch. "Aber das Thema ist für uns so neu nicht. Wir haben viele schwache Kinder. Wir wissen um die Probleme in diesem Stadtteil, wir identifizieren uns mit unseren Kindern und stehen auch voll hinter der Integration." Bereits seit vielen Jahren werden hier Kinder mit dem Förderschwerpunkt Sprache und Lernen integrativ beschult.

Die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch im Stadtteil Mastbrook. In manchen Schulklassen kommt beinahe die Hälfte der Kinder aus einer Hartz IV Familie. Viele alleinerziehende Mütter leben hier und rund 40 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. Die Schule ist vergleichsweise gut ausgestattet, doch lediglich in der Inklusionsklasse unterrichten die Lehrer in Doppelbesetzung. In allen übrigen Klassen muss die Schule mit wenigen Kooperationsstunden klarkommen. Das heißt, nur zeitweise wird der Klassenlehrer von einem Sonderschulpädagogen unterstützt.

Strukturen verändern

"Inklusion ist kein Selbstläufer", warnt denn auch Prof. Rolf Werning von der Leibniz Universität Hannover. "Das ist eine pädagogische Herausforderung auf hohem Niveau", erklärt der Pädagoge, "man muss die Strukturen so verändern, dass man sonderpädagogische Ressourcen und Professionen in die Regelschulen bringt und man muss Teamstrukturen entwickeln."

Bislang ist das deutsche Sonderschulwesen höchst ausdifferenziert. Bis zu zehn verschiedene Sonderschultypen gibt es in den einzelnen Bundesländern. Der Anteil der Sonderschüler an allen Schülern liegt bei knapp fünf Prozent. Und die wenigsten dieser Schüler beenden ihre Schullaufbahn mit einem Abschluss. So erreichten im Jahr 2006 gerade mal gut 20 Prozent den Hauptschulabschluss, während knapp 80 Prozent der Schüler die Förderschulen ohne Schulabschluss verließen, schreibt die KMK in ihrer Dokumentation "Sonderpädagogische Förderung in Schulen 1997 bis 2006" vom April 2008. Die meisten Förderschüler gibt es im Förderschwerpunkt Lernen, rund 60 Prozent aller Förderschüler besuchen diese Schulform, die es international in vergleichbaren Staaten gar nicht gibt.

"Auch die starken Schüler profitieren"

Im Moment, so Rolf Werning, könnten in Deutschland die entscheidenden Weichen für die Inklusion gestellt werden. Falsch wäre es jedoch, jetzt nur ganz bestimmte Schulen, etwa die Hauptschulen als Inklusionsschulen ausrufen. "Das wäre kontraproduktiv oder man könnte sagen, es wäre ein Kunstfehler. Man kann aber ein Gemeinschaftsschulsystem etablieren, das stark genug ist, um eine wirkliche Heterogenität zu gewährleisten, die auch leistungsförderlich ist. Eine Schule also, in der genügend starke Schüler gemeinsam mit schwächeren Schülern unterrichtet werden." Nicht nur zum Nutzen der leistungsschwachen Schüler, denn "auch die starken Schüler profitieren. Wenn sie die schwachen Schüler unterstützen, strukturieren sie ihr Wissen um und das führt zu einer Vertiefung."

Weniger Ressourcen für die Förderung

In Mastbrook verliert man auch die starken Schüler nicht aus den Augen. "Das ist die hohe Kunst, für alle Kinder das Angebot zuschaffen, das sie brauchen. Da haben wir manchmal etwas Bauchschmerzen", gesteht Thomas Albert, "vor allem in Klasse drei und vier, weil es dort eben so wenig Doppelbesetzungen gibt." Denn Albert beobachtet, dass die Ressourcen für die Förderung der lernbehinderten und sprachbehinderten Schüler in Schleswig-Holstein seit Jahren zurückgeht. "Die Integration wird auf dem Rücken der Kinder und der Kolleginnen der Grundschulen ausgetragen." Die lernschwachen Kinder werden in solchen Konstellationen, wo es an Lehrkräften fehlt, schnell auch mit Misserfolgen konfrontiert.

Das passiert im jahrgangsübergreifenden Unterricht seltener, weiß Nina Werner. "Hier sind die Kinder mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung auch mal die Starken. Es ist großartig, wenn sie den Schulanfängern sagen können, ich zeige dir alles, ich kenne mich hier aus." Die Pädagogin hat auch an Sonderschulen unterrichtet und sie weiß um die Vorteile des gemeinsamen Lernens: "Die Kinder leben hier mit ganz anderen Vorbildern zusammen und erleben eine ganz andere Schule mit Fachunterricht und 45-Minuten-Rhythmus. Sie sehen, wie andere Kinder lernen, und lernen so auch viel eher selbstständig zu arbeiten."

Nina Werner kennt aber auch die Probleme. "Anfangs hatten einige Kinder Schwierigkeiten mit der Größe der Schule und konnten sich kaum orientieren. Und ihre Eltern hatten Angst vor einer möglichen Überforderung - aber inzwischen sind alle sehr zufrieden."

Positive Modelle

"Dem Thema Inklusion müssen sich alle stellen", erklärt Klaus Metzger. Der Regierungsschulrat aus Schwaben hat jetzt in der Cornelsen Lehrerbücherei Grundschule das Buch "Inklusion – eine Schule für alle" herausgegeben. Lehrer erfahren hier, welche Erfahrungen andere Kollegen mit Inklusion und Integration gemacht haben – und zwar schon lange vor der UN-Konvention. "Es werden eine ganze Reihe positiver Modelle vorgestellt, Kooperationsmodelle ebenso wie Einzelinklusionen in den verschiedenen Fächern. Es wird auch ganz pragmatisch der Frage nachgegangen, wie die anderen Kinder reagieren und wie man Mut gewinnen kann für die Aufgabe, die vor uns liegt."

Eine hundertprozentige Inklusion garantieren auch andere Ländern, die führend im gemeinsamen Unterrichten sind, nicht. Denn es gibt auch Kinder, die zeitweise nicht in Gruppen gefördert werden können, sondern therapeutische Unterstützung brauchen. Auch gehörlose Schüler entscheiden sich durchaus für die Förderschule, weil sie hier mit der Gebärdensprache ihre eigene Verständigungsbasis haben. Generell aber, so Rolf Werning, "liegt die Grenze für Inklusion nicht bei den Schülern, sondern im System: Wie integrationsfähig sind Schulen?"

Restlaufzeit für Sonderschulen

"Wenn man es mit der Inklusion tatsächlich ernst nimmt, dann muss eine politische Entscheidung getroffen werden", sagt er und wählt einen Ausdruck, der gegenwärtig in einer anderen politischen Diskussion eine große Rolle spielt: Restlaufzeit. "Wir könnten sagen, in fünf Jahren gibt es diese Schulform nicht mehr. In dieser Zeit müssten dann die anderen Schulen in die Lage versetzt werden, diese Kinder angemessen zu fördern."

Die Schule in Mastbrook versucht jetzt schon, diesen Anspruch zu erfüllen – trotz knapper Ressourcen: Das komplette Kollegium steht hinter dem Konzept von Inklusion und Integration. "Die Welt können wir nicht bewegen aber vielleicht ein klein wenig gemeinsam in Mastbrook. Wir beugen auch mal das Recht, bevor wir ein Kind beugen. Wenn wir das Gefühl haben, es ist für das Kind besser, wenn wir pädagogisch etwas so entscheiden, obwohl das Schulgesetz das gar nicht vorsieht, dann machen wir das. Aber immer in Absprache mit den Eltern", sagt Albert und ergänzt: "Es ist notwendig, dass man als Schule selbstbewusst ist."

Literaturhinweis: Klaus Metzger/Erich Weigl (Hrsg), Inklusion – eine Schule für alle, Lehrerbücherei Grundschule,Cornelsen, ISBN 978-3-589-05164-9


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