Internationaler Lesevergleich IGLU 2006-E: Berliner Schüler lesen im deutschlandweiten Durchschnitt

- Zöllner: Koppelung von Bildungserfolg und Herkunft ist nicht zu akzeptieren - Berliner lesen besser als der internationale Durchschnitt - Mit Qualitätspaket müssen Leseleistungen verbessert werden

09.12.2008 Berlin Pressemeldung Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung

Von den Forschern der internationalen Leseleistungsstudie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, IGLU) wird die Leseleistung der 4.-Klässler in Berlin dem Mittelfeld der Bundesländer zugeordnet. (1) Dieses gilt, obwohl unter den getesteten Berlinern jeder zweite (49,3%) einen Migrationshintergrund hat.

Gleichwohl liegen die Berliner mit ihren Leistungen mit den Stadtstaaten Hamburg und Bremen am unteren Ende der Skala. Im deutschlandweiten Vergleich liegen allerdings Bremen und Hamburg statistisch signifikant unterhalb des deutschlandweiten Durchschnittes. Thüringen liegt statistisch signifikant darüber. Die Leseleistung der Berliner wird von den IGLU-Forschern höher bewertet als der Durchschnitt der 4.-Klässler sowohl in Europa als auch in der OECD. Berlin hat mit 76 die höchste Standardabweichung in Deutschland.

An der internationalen Studie im Frühjahr 2006 beteiligten sich insgesamt 42 Staaten. In Deutschland wurden für die internationalen Vergleiche rund 7900 Schülerinnen und Schüler aus 405 Schulen berücksichtigt. Berlin war in der Studie mit 25 Grundschulen und 625 Schülern vertreten.

Bildungssenator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner: "Obwohl die Berliner im nationalen Vergleich durchschnittlich genauso gut lesen wie andere deutsche Schüler, können wir keineswegs zufrieden sein. Wie bei PISA zeigt sich auch bei IGLU, dass die Spannbreite der Leistungen in Berlin größer ist als in allen anderen Ländern. Wie bei PISA wird auch bei IGLU der sehr hohe Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund deutlich. Beim Leseverständnis schlagen deren Sprachdefizite besonders stark durch. Diese Defizite müssen wir durch konsequentere Sprachförderung deutlich verringern. Die im Jahre 2006 getesteten 4.-Klässler haben zwar noch nicht z. B. vom vorschulischen Sprachtest und der anschließenden Sprachförderung, sehr wohl aber z. B. von der zusätzlichen Deutschstunde in Klasse 2 und zum Teil vom Fortbildungsprogramm Deutsch als Zweitsprache profitiert. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler noch nicht den vollen Umfang der Qualitätsentwicklung in den Grundschulen genossen haben, muss die Effektivität der Förderung überprüft und erhöht werden."

Wichtige IGLU-Einzelergebnisse für Berlin

  • Rund ein Viertel (24,9%) der Berliner Schüler lesen in den niedrigsten beidenKompetenzstufen. Das ist der deutschlandweit höchste Anteil von schwachen Lesern.
    (IGLU 2006-E Kurzfassung, Seite 9)

  • Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern (mehr als 100 Bücher) haben in Deutschland einen deutlichen Leistungsvorsprung vor Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern (weniger als 100 Bücher). In Berlin ist der Kompetenzunterschied mit 70 Punkten am größten.
    (IGLU 2006-E Kurzfassung, Seite 20)

  • Mit 4700 Euro hat Berlin die dritthöchsten Bildungsausgaben pro Grundschulkind. Berlin gibt damit deutlich mehr aus als der bundesdeutsche Durchschnitt (4000 Euro).
    (IGLU 2006-E Langfassung, Seite 32)

  • Hinsichtlich der jährlich aufgewendeten Unterrichtszeit weist u. a. Berlin den höchsten Wert in der Bundesrepublik Deutschland auf.
    (IGLU 2006-E Kurzfassung, Seite 27)

  • IGLU 2006 zeigt, dass der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Kinder und deren Lesekompetenz am Ende der 4. Jahrgangsstufe in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland sehr unterschiedlich ausfällt. Dabei haben Berlin und Hamburg ein sehr großes Maß an sozialer Disparität.
    (IGLU 2006-E Kurzfassung, Seite 29)

  • In der IGLU-Stichprobe hat Berlin mit 49,3% den höchsten Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund (2) (mindestens ein Elternteil im Ausland geboren).
    (IGLU 2006-E Kurzfassung, Seite 29)

  • Mit 53,9% hat Berlin den geringsten Anteil von Schülerinnen und Schüler, die angeben, dass bei Ihnen zu Hause immer Deutsch gesprochen wird.
    (IGLU 2006-E, Seite 118)

Bildungssenator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner: "IGLU hat erneut die besonders schwierige Ausgangslage vieler Kinder in Berlin verdeutlicht. Der starke Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg insgesamt in Deutschland ist eine besondere Herausforderung für Berlin. Trotz des breiten Fächers an Fördermaßnahmen: Unsere Kitas und Schulen werden die Bildungsnachteile einer großen Anzahl von Kindern aus bildungsfernen Familien und Familien, in denen kaum deutsch gesprochen wird, nur dann kompensieren können, wenn die Möglichkeiten des Bildungsprogramms, des Regelunterrichts und die fast 1300 Stellen zur Sprach- und Strukturförderung optimal zur individuellen Förderung genutzt werden.

Diese Koppelung von Bildungserfolg und Herkunft ist nicht zu akzeptieren. Deshalb müssen wir die Qualitätsentwicklung in unseren Kitas und Schulen beschleunigen, in dem wir - wie schon nach PISA angekündigt - ein Paket mit Maßnahmen zur Problemdiagnose und Qualitätsentwicklung zum Anfang des Jahres 2009 vorlegen werden."


(1) "In der Mehrzahl der deutschen Länder erreichen die Schülerinnen und Schüler Werte, die sicht nicht signifikant vom deutschen Mittelwert unterscheiden: In Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland, in Baden-Württemberg, Niedersachen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Hessen und Berlin." IGLU 2006-E, Seite 59.

(2) Da der Mikrozensus für 9-12jährige lediglich einen Anteil von 44% aufweist, dürften Berlinerinnen und Berliner mit Migrationshintergrund in der IGLU-Stichprobe überrepräsentiert sein.


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