Gastbeitrag

„Keiner dieser Kritiker würde heute eine Abiturprüfung bestehen“

Ties Rabe ist Hamburgs Senator für Schule und Berufsbildung. Er war Präsident der Kultusministerkonferenz, für die er seit 2015 die Koordination der SPD-regierten Bundesländer für Bildung und Wissenschaft übernimmt. Im Interview mit Anika Wacker sprach er über Noten im deutschen Bildungssystem und den Wert des Abiturs.

13.07.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG
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Herr Rabe, wenn man die vergangenen zehn Jahre betrachtet, fällt auf, dass es immer mehr Abiturienten und Fachabiturienten gibt. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Zunächst einmal hat sich die Berufswelt erheblich verändert: Vor allem der Anteil an Berufen, die einen einfachen Schulabschluss voraussetzen, hat deutlich abgenommen. Im Zuge der Globalisierung sind in Deutschland dagegen jede Menge zusätzlicher Berufe und Berufsfelder dazugekommen, die einen hochwertigen Schulabschluss voraussetzen. Ein weiterer Punkt ist, dass wir uns von der OECD jahrelang vorhalten lassen mussten, dass andere Länder im europäischen Vergleich eine höhere Studierendenquote hatten als wir. Und drittens haben offensichtlich auch die vielen Besserungen in der Schulbildung im letzten Jahrzehnt dazu geführt, dass Schüler zielgenauer gefördert wurden und dadurch tatsächlich mehr das Abitur geschafft haben. Was die Verbesserung des Schulunterrichts betrifft, hat sich das deutsche Schulwesen, glaube ich, einen großen Schritt nach vorne bewegt. All diese Entwicklungen haben erheblich dazu beigetragen, dass immer mehr junge Menschen das Abitur machen wollen. Grundsätzlich müssen wir uns von der Vorstellung lösen, dass der Anteil der Abiturienten „biologisch“ begrenzt ist. Im Gegenteil, wir haben dieses Jahr bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gesehen: Bei guter Förderung gibt es auch deutlich mehr Spitzenleistung. 

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Hochschulen?
In der Tat ist die Neigung junger Menschen zu studieren riesig, auch weil uns jahrzehntelang vorgehalten wurde, wir hätten im europäischen Vergleich zu wenig Hochschulabsolventen. Diese Entwicklung stimmt mich allerdings zunehmend nachdenklich, denn dieser europäische Vergleich übersieht, dass wir in Deutschland ein hervorragendes Berufsausbildungssystem haben. Insbesondere die duale Berufsausbildung ist ein Erfolgsmotor unserer deutschen Volkswirtschaft und wird weltweit bestaunt. Je mehr Schüler aber nach ihrem Abschluss studieren gehen, desto weniger werden in diese hochwertigen Berufe wie Immobilien- oder Speditionskaufleute gehen. Bei einer derart wachsenden Zahl von Studierenden weiß ich aber nicht, ob sich die Hoffnung erfüllen kann, später beruflich erfolgreicher zu sein. Das galt sicherlich zu der Zeit, in der ich noch studiert habe und 10 bis 15 Prozent eines Jahrgangs studierten. Aber wenn jetzt die Hälfte aller Schulabsolventen an die Hochschulen geht, dann ist unsicher, ob auch in Zukunft die Prognose gilt: Wer studiert, bekommt auf jeden Fall einen guten Job. Deswegen müssen wir eher darüber nachdenken, wie wir die duale Berufsausbildung stärken und für die Abiturienten attraktiver machen können.

Die teils guten Notenvergaben bei Abiturprüfungen bieten immer wieder Zündstoff für Diskussionen. Kritiker sprechen sogar von einer „Noteninflation“. Wie stehen Sie dazu?
Es gibt eine „Noteninflation“, aber nicht so sehr an den Schulen, sondern eher an den Universitäten. Es wundert mich, dass das im öffentlichen Diskurs und in den Medien nie untersucht worden ist. In Hamburg stellen wir beispielsweise für das Referendariat inzwischen oft nur noch Lehrer ein, die einen Durchschnitt von 1,0, 1,1 oder 1,2 haben, weil wir mittlerweile eigentlich keinen Kandidaten mehr mit einem schlechteren Notendurchschnitt als 2,0 haben. Das finde ich schon seltsam, was dort passiert. Bei den Schulen haben wir sehr genaue Untersuchungen, die zeigen, dass sich der Notendurchschnitt nur sehr leicht verbessert hat. Es geht dabei um marginale Verbesserungen: Innerhalb von fünf Jahren hat sich der Durchschnitt von 2,5 auf 2,42 verbessert. Das sind Entwicklungen, die sicherlich nicht besorgniserregend sind. Mit zentral vorgegebenen Prüfungsvorgaben wird hier zudem gegengesteuert. Das Problem der „Noteninflation“ sehe ich in der Tat eher an den Universitäten und in bestimmten Studiengängen.

Was würden Sie Kritikern entgegnen, die behaupten, dass das heutige Abitur nicht mehr die gleiche Qualität aufzeigt wie früher?
Keiner dieser Kritiker würde heute eine Abiturprüfung bestehen. Als ich Schulsenator wurde, und wir haben hier in Hamburg zentrale Prüfungen, habe ich gesagt: „Ich will die Abiprüfungen vorher sehen.“ Ich selber war früher Jahrgangsbester und habe einen Notendurchschnitt von 1,2. Das war damals eine Sensation. Ich kann Ihnen ganz offen sagen: Ich finde viele Aufgaben, die den Schülern heute vorgelegt werden, sehr schwer. Wenn sich all die Kritiker diese Abiturprüfungen wirklich angucken würden, wäre die Frage schnell erledigt.

Ist das Abitur in Ihren Augen auch heute noch ein valides Reifezeugnis?
Ja, aber sehr.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 4-2016 veröffentlicht.


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