Armutsrisiko

Kinder haben ein Recht auf beste Bildung

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann sieht Handlungsbedarf: „Kinder aus einkommensschwachen Familien dürfen nicht benachteiligt werden.“

18.12.2017 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.
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Wer einmal arm ist, bleibt es in der Regel auch. Leider gilt dies auch für das reiche Bundesland Bayern. Und auch hier steigt - wie überall in Deutschland - das Risiko, arm zu werden. Für die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, besteht Handlungsbedarf. „Kinder aus einkommensschwachen Familien haben ein Recht auf beste Bildungs- und Erfolgschancen“, erklärte sie in München. Fakt sei jedoch, dass diese Kinder häufig benachteiligt und ausgegrenzt werden - „leider auch in unseren Bildungseinrichtungen.“ Wo die Zeit und das Personal für individuelle Förderung fehle, könnten Defizite nicht ausgeglichen werden. Und privat finanzierte Nachhilfe könnten sich diese Familien nicht leisten. Armut werde so zementiert. „Das Problem darf nicht länger unter den Teppich gekehrt werden, nur weil der Anteil armer Menschen in Bayern vergleichsweise gering ist“, forderte Fleischmann. Die Tendenz sei steigend - darauf habe erst vor kurzem auch eine Bertelsmann Studie zur Armut in Deutschland hingewiesen. „Weil Chancengleichheit ein wesentlicher Bestandteil einer stabilen demokratischen Gesellschaft ist, müssen wir Sorge tragen, dass arme Kinder die gleichen Bildungs- und Erfolgschancen haben wie Kinder aus gut situierten Familien.“ Gute Bildung könne wirksam und nachhaltig helfen, der Armutsfalle zu entkommen.

Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit vom November 2017 sind derzeit mehr als eine halbe Million Kinder und Jugendliche unter 15 seit mindestens vier Jahren auf Hartz IV angewiesen. Das sind 2,8 Prozent mehr als vor einem Jahr. Wenige Wochen zuvor, im Oktober 2017, machte eine Studie der Bertelsmann Stiftung darauf aufmerksam, dass sich rund 21 Prozent aller Kinder in Deutschland über eine Zeitspanne von mindestens fünf Jahren dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage befinden. Für weitere zehn Prozent sei dies ein kurzzeitiges Phänomen. Trotz regionaler Unterschiede nimmt die Armut bundesweit zu. Bayern weist zwar im bundesweiten Vergleich relativ niedrige Armutsquoten auf - dennoch sind auch hier die Zahlen steigend. Laut einer weiteren Bertelsmann Studie vom September 2016 um 0,4%. Auch im reichen Bayern sind demnach immer mehr Familien und Kinder arm - mit allen Folgen.

Armut bedeutet vor allem Verzicht. Sie schließt junge Menschen von zahlreichen sozialen und kulturellen Aktivitäten aus. Je länger Heranwachsende in Armut leben, umso gravierender sind die Folgen. Häufig sind sie sozial isoliert, materiell unterversorgt und auch gesundheitlich beeinträchtigt. Ihr Bildungsweg ist weitaus beschwerlicher als der von Kindern aus Familien mit gesichertem Einkommen.

Bekanntlich weisen Kinder aus armen Familien auch weniger Schulerfolge auf. Häufig sind sie es, die eine Klassen wiederholen müssen oder die Schule abbrechen. Sie verfügen über geringere Kompetenzen und haben in der Regel schlechtere Schulabschlüsse. Das führt zu geringeren Chancen für eine qualifizierte Berufsbildung. „Eine solide, qualifizierte Berufsausbildung ist heute jedoch unerlässlich. Wer darüber nicht verfügt, ist kaum in der Lage, ein eigenständiges Leben zu führen“, betonte Fleischmann. Ohne qualifizierte Bildung hätten Jugendliche geringere Beschäftigungs- und Einkommenschancen und damit ein höheres Risiko künftig wieder in Armut zu leben bzw. letztlich dort zu verbleiben. So gibt es in Bayern immer mehr Familien, die bereits in der dritten Generation von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind.

Fleischmann forderte neben der materiellen Unterstützung armer Kinder auch konkrete Maßnahmen im Bildungssystem wie eine möglichst frühe und gezielte Förderung, um Defizite auszugleichen. Dringend erforderlich sei zudem ein flächendeckendes, am Bedarf orientiertes Angebot rhythmisierter Ganztagsplätze an allen Schulen. Eltern armer Kinder müssten zudem mit entsprechenden Angeboten unterstützt und begleitet werden, damit sie sich besser integrieren und sozialisieren können. Die BLLV-Präsidentin schlug außerdem vor, an den Schulen Unterrichtsinhalte anzubieten, die armutsspezifische Probleme aufgreifen, z.B. im Bereich Gesundheitserziehung, Ernährung, Freizeitgestaltung oder Berufsorientierung. „Auch das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl armer Kinder muss professionell gestärkt werden.“

Armut führe zu Benachteiligung. Benachteiligung führe zu Ausgrenzung und Ausgrenzung führe letztlich zu Diskriminierung. Dieser Kreislauf sei verhängnisvoll und könne nicht nur depressives oder aggressives Verhalten auslösen. Er führe auch dazu, dass einem Teil der Bevölkerung Zugänge und Partizipationsmöglichkeiten verwehrt sind. „Es gibt also gute Gründe, ihn zu durchbrechen.“


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