Lobbyismus

Konzerne als Pädagogen?

Autokonzerne sollen Lehrer ausbilden, um die Digital-Technik in Schulen schneller durchzusetzen. Das kündigt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in einem Zeitungsinterview an.

30.07.2018 Bundesweit Pressemeldung Bündnis für humane Bildung
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Das „Bündnis für humane Bildung“ und das anthroposophische Netzwerk ELIANT kritisieren dieses Vorhaben scharf: „Bildung muss frei von Konzern-Interessen bleiben! Sie ist in der Demokratie vor allem eine staatliche Aufgabe, weil Schule dem Allgemeinwohl zu dienen hat“, sagt Prof. Ralf Lankau vom „Bündnis für humane Bildung“. Schüler sollten sich zu kritischen Bürgern entwickeln, ohne einseitige Einflussnahme durch Industrie-Verbände. Unter dem Deckmantel „Digitale Bildung“ werde der Lobbydruck immer stärker, „Bildungsinhalte zu privatisieren und möglichst hohe Renditen abzuschöpfen“, so Dr. Michaela Glöckler, Kinderärztin und Präsidentin von ELIANT.

Diese Kritik entzündet sich an einer Äußerung von Kretschmann gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ (24.07.2018): „Wir brauchen doch eine digitale Pädagogik und nicht nur Tablets. Darum bin ich froh, dass die Autofirmen uns dabei jetzt unterstützen und ein Bündnis für die digitale Bildung entwickeln, bei dem pädagogisches Personal direkt bei den Unternehmen geschult wird.“

„So bereitet der Ministerpräsident die Übernahme des Bildungssystems durch die Privatwirtschaft vor“, kritisiert Prof. Lankau. Die Wirtschaft dürfe auf keinen Fall, „Lehrer ‚direkt bei den Unternehmen‘ ausbilden, weil so ein Einfallstor für Lobbyarbeit ent-steht“, ergänzt Dr. Glöckler. Diese Ideen stehen für einen Trend, der sich bereits in anderen Bundesländern beobachten lässt. Digital-Technik wird ohne demokratische Legitimation in Schulen gedrückt, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern – ausgerechnet mit Spenden: Die „Calliope gGmbH“ verschenkt den Mini-Computer „Calliope“ tausendfach an Schulen, wobei sie bewusst demokratische Prozesse unterläuft und mit Hardware harte Fakten schafft. Hinter dem gemeinnützigen Unternehmen stehen IT-Riesen wie Google, Microsoft oder SAP, wie die Autoren Gerald Lembke und Ingo Leipner im Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“ (2018, 3. Aufl.) belegen.

„Auf diese Weise mogeln sich die ‚edlen Spender’ am Landtag vorbei und lancieren Unterrichtsinhalte, die der Lehrplan bisher nicht kennt“, sagt dazu Prof. Lankau. „Das ist Lobbyarbeit durch die Hintertüre, was auch bei Kretschmanns Plänen in Baden-Württemberg zu befürchten ist.“ Bildung muss aber eine öffentliche Aufgabe bleiben: „Sie ist einzubetten in demokratische Prozesse“, fordert Dr. Glöckler, „damit junge Menschen nicht nur in der Filterblase der IT-Industrie groß werden.“


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