Kultusministerium setzt auf Pädagogik im 45-Minuten-Takt

Die Bildungsgewerkschaft GEW nennt die Reaktion des Kultusministeriums auf die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zur Neubewertung der Lehrer/innenarbeit eine "Beerdigung dritter Klasse".

06.03.2008 Baden-Württemberg Pressemeldung GEW Baden-Württemberg

"Kultusministerium und die Lehrerverbände des Beamtenbunds wollen weiter die Arbeitszeit alleine anhand der gehaltenen Unterrichtsstunden bewerten. Die 45-Minuten-Unterrichtsstunde bleibt weiter das Maß aller Dinge. Statt die vielen guten Ergebnisse der Modellversuche aufzugreifen und eine Veränderung der Lehrerarbeit zur Chefsache zu machen, wird auf Häppchen-Pädagogik gesetzt. Wieder einmal fehlt Kultusminister Helmut Rau offenbar der Mut, sich von veralteten Regelungen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zu verabschieden und neue Arbeitsformen für die Schule der Zukunft zu entwickeln", sagte am Donnerstag (06.03.) in Stuttgart Rainer Dahlem, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die GEW wird weiter für eine grundlegende Neubewertung der Arbeit von Lehrer/innen werben.

Der GEW hat sich gestern in der Arbeitsgruppe dafür eingesetzt, die vielen guten Ideen für neue Arbeitsformen aufzugreifen und weiter zu entwickeln, wie das auch bei anderen Modellversuchen wie zum jahrgangsgemischtem Unterricht üblich war. "Das Desinteresse des Kultusministers zeigt, dass in der Landesregierung derzeit Bildungspolitik nur verwaltet wird, schöne Broschüren gedruckt werden, aber der Mut für Innovationen fehlt", sagte Dahlem. Bei der Vorstellung der Ergebnisse des Landesinstituts für Schulentwicklung waren weder Rau noch sein Staatssekretär Georg Wacker vertreten.

"Ein grundlegend neues Arbeitszeitmodell wäre ein wichtiger Schritt, um sich vom Lernen im 45-Minuten-Takt zu verabschieden, neue Lern- und Lehrformen dauerhaft zu etablieren und die Lehrkräfte zu entlasten. Andere Arbeitszeitregelungen sind dafür eine entscheidende Voraussetzung", so Dahlem.

GEW will Neubewertung seit 1995

Die GEW hatte bereits 1995 auf ihrem Gewerkschaftstag eine Neubewertung gefordert und 2002 nach Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse erneut das Kultusministerium aufgefordert, mit einer Neubewertung der Lehrer/innenarbeit die Einführung anderer Arbeits- und Lernformen zu unterstützen. Auf Druck der GEW setzte Kultusministerin Annette Schavan eine Arbeitsgruppe zum Thema ein, die 2005 die Modellversuche beschloss. Die GEW lobt die sorgfältige Begleitung der 18 Modellschulen und die wissenschaftliche Auswertung durch das Landesinstitut für Schulentwicklung.

Einige Vorschläge der GEW zur Neubewertung

Eine Neubewertung der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern soll einen Beitrag dazu leisten, dass:

  • alle Tätigkeiten von Lehrerinnen und Lehrern als Bestandteil der Arbeit akzeptiert und mit präzise zu definierenden Zeitbudgets versehen werden.
  • eine enge Verbindung zwischen der Reform des Unterrichts und des Lernens auf der einen und der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern auf der anderen Seite erreicht wird. Neue Formen der Zusammenarbeit und der Teamarbeit sollen begünstigt werden.
  • die Qualität der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern erhöht wird.
  • Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Arbeit entlastet werden und dadurch eine höhere Arbeitszufriedenheit entsteht.
  • die Arbeit transparenter und deren Begrenzung sichtbarer wird als dies bei der traditionellen Bewertung der Lehrerinnen und Lehrerarbeit durch das Pflichtstundenmodell möglich ist.
  • das Pflichtstundenmodell mittelfristig überwunden und durch eine neue Arbeitszeitregelung abgelöst wird, die den tatsächlichen Anforderungen von Schule besser gerecht wird.

Weitere Informationen: www.gew-bw.de

Ansprechpartner

GEW Baden-Württemberg

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