Legasthenie: Methodenstreit auf dem Rücken der Kinder?

(bikl) Das Schicksal Legasthenie könnte vielen Kindern erspart bleiben. So das Ergebnis des groß angelegten hessischen Modellversuchs "Schriftsprach - Moderatoren" ([bildungsklick.de berichtete darüber.](http://bildungsklick.de/serviceText.html?serviceTextId=15898)) Die Studie unter Leitung des renommierten Legasthenie-Experten Dr. Gerd Schulte-Körne hatte zwei Konzepte untersucht, von der nur eines den erhofften Erfolg brachte: Lollipop, ein Lehrwerksverbund des Berliner Schulbuchverlags Cornelsen. Die Rechtschreibwerkstatt, ein Konzept des Schulpsychologen Norbert Sommer-Stumpenhorst, erwies sich hingegen als ungeeignet.

11.07.2005 Artikel

Doch Ministerium und Schulamt gehen bislang mit diesen Ergebnissen mehr als zurückhaltend um. Stattdessen, so berichtete die Frankfurter Rundschau in ihrere Ausgabe vom 9. Juli, "lässt das hessische Kultusministerium die Rechtschreibwerkstatt weiterhin testen. An der Universität Gießen untersucht eine Arbeitsgruppe um Professor Ulrich Glowalla, wie gut sich Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten durch Sommer-Stumpenhorsts Methode verhindern lassen."

"Innovationen im Lese- und Schreibunterricht (ILSU)" heißt dieses Gießener Modellprojekt. Unter der Überschrift "Land unterstützt zweifelhafte Studie" meldet die Rundschau allerdings Zweifel an der Objektivität jener an, die diese Studie derzeit erstellen. "Professor Glowallas Ehefrau ist Geschäftsführerin der Lerndesign GmbH, die Material für die "Rechtschreibwerkstatt" herstellt und dieses über den Collishop von Diplom-Psychologe Norbert-Stumpenhorst im Internet vertreibt."

In Auftrag gegeben oder nicht?

Sieht so unabhängige Forschung aus? Auch stellt sich die Frage, warum überhaupt eine zweite Studie in Auftrag gegeben wurde. Hatte vielleicht die erste Untersuchung die Überlegenheit der Rechtschreibwerkstatt beweisen sollen und man war mit dem Ergebnis nicht zufrieden?

Auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau ging das Kultusministerium jetzt auf Distanz und will gar nicht Auftraggeber der Gießener Studie sein. Auf den Interseiten der Hochschule taucht das Ministerium allerdings bis heute (11.07.2005) in eben dieser Funktion auf.

Vom Erfolg der Rechtsschreibwerkstatt war Professor Glowalla übrigens schon zu Beginn seines Forschungsprojekts überzeugt: "Ein Kind, das das Programm durchgearbeitet hat, wird keine Probleme mehr bei der Rechtschreibung haben", hatte er damals gegenüber der örtlichen Presse erklärt.

Konsequenzen ziehen

Die Ergebnisse der Marburger Studie geben keinen Anlass für diese Euphorie. Schließlich hat die Rechtschreibwerkstatt hier eine miserable Quote erzielt, im Gegensatz zu Lollipop. Daraus, so Dr. Gerd Schulte-Körne, ließen sich schon jetzt Konsequenzen ziehen. "Die Frage ist, inwieweit die Politik, die einzelnen Ministerien das umsetzen wollen."

Eine berechtigte Frage, wird doch seit der ersten PISA-Studie nahezu verzweifelt nach Methoden gesucht, wie Kinder erfolgreicher das Lesen und Schreiben lernen können. Die Marburger Wissenschaftler scheinen eine Antwort gefunden zu haben. Und die Gießener hätten wohl gern eine andere.

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