Gastbeitrag

Lehrerausbildung in der Kritik

Prof. Bettina Hannover: „Studierende müssen an die Praxis herangeführt werden.“ Vor sechs Jahren kritisierte der Aktionsrat Bildung das Bildungssystem: ausgebrannte Lehrkräfte, ausgebrannte Dozenten – und mangelnde Professionalität bei der Lehrerausbildung. Was hat sich seitdem verändert? Von Tina Sprung

08.01.2018 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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didacta Infodienst sprach mit Bettina Hannover, Mitglied im Aktionsrat für Bildung und Professorin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin.

Was muss passieren, um eine angemessene Vorbereitung auf den Lehrerberuf zu garantieren?
Inhaltlich ist wichtig, dass der Lehrernachwuchs nicht nur in den Unterrichtsfächern ausgebildet wird, sondern auch andere Kompetenzen erwirbt, beispielsweise Führung einer Schulklasse. Lehrkräfte müssen mit unruhigen und undisziplinierten Klassen umgehen können. Diese Ausbildungsinhalte hat die KMK bereits festgelegt. Die Universitäten haben außerdem die Aufgabe, berufsspezifische Kompetenzen zur Burnout-Prävention und Steigerung der Qualität der Arbeit von Lehrkräften zu fördern.

Gibt es in den letzten Jahren positive Entwicklungen?
Die Praxisanteile im Studium wurden an vielen Universitäten erhöht, auch an der Freien Universität Berlin. In der Vergangenheit war es üblich, dass die angehenden Lehrer nur für drei bis vier Wochen während des Studiums an Schulen unterrichten. Nun haben wir ein Halbjahrespraktikum für Master-Studierende eingeführt. Auf diese Weise sollen die Studenten schon früher erfahren, ob sie den Herausforderungen der Praxis gewachsen sind und sich vor einer Klasse wohlfühlen.

Angehende Lehrkräfte sollen in ihrer Ausbildung verstärkt lernen, individualisierten Unterricht anzubieten. Wie können Universitäten das bewerkstelligen?
Studierende müssen lernen, wie man Aufgaben auf unterschiedliche Kompetenzniveaus zuschneidet und wie man Individualisierung durch Lernformen ermöglichen kann, in denen die Schülerinnen und Schüler ihr Lernen selbst steuern. Dieses Thema kommt bei den Unis an – aber umgesetzt ist es noch nicht überall. Wir an der Universität Berlin beginnen beispielsweise gerade, neue Professuren wie Sonderpädagogik zu besetzen, um Kompetenzen zu vermitteln, Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in einer Regelklasse zu unterrichten. Aber solche Prozesse dauern. Nicht nur die Lehrerausbildung steht in der Kritik. Um berufliche Anforderungen realistisch einschätzen zu können und mit persönlichen Zielen, Stärken und Schwächen abzugleichen, sollten Studierende die Möglichkeit haben, Aufnahmegespräche – nicht Auswahlgespräche – mit den Lehrbeauftragten zu führen, noch vor dem Studienbeginn.

Und wie sieht es aus mit den Lehrern, die sich bereits im Schuldienst befinden?
Sie sollten an Fortbildungen teilnehmen. Ein Beispiel: Grundsätzlich sind Lehrkräfte dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht gegenüber positiv eingestellt, wie das neue MINT-Barometer 2017 zeigt. Aber sie fühlen sich oft nicht hinreichend gut vorbereitet, selbst diese Medien zu nutzen. Dabei bieten digitale Medien neue Möglichkeiten für die Individualisierung des Lernens, auch in gruppenbasierter Instruktion.

Welchen Beitrag soll die Politik hier leisten?
Die Politik sollte Maßnahmen zur Organisationsentwicklung im Bildungswesen unterstützen. Dazu zählen neben Supervision und Weiterbildung des Leitungspersonals die Förderung von Kooperation im Team und zwischen Leitung und Team. Zudem sollte an den Schulen ein Gesundheitsmonitoring eingeführt werden, um die Belastung des Personals an Schulen zu erfassen. Das ist in der freien Wirtschaft schon üblich.

didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 3/2017, S. 7, www.didacta.de


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