Didacta-Themendienst

Lernräume: Wenn die Bildung kopfsteht

Neben Lehrkräften sowie Mitschülerinnen und Mitschülern gilt der Klassenraum als „dritter Pädagoge“. Auch Lernorte außerhalb von Schule und Kita gewinnen an Bedeutung. Können alternative Raum- und Unterrichtskonzepte Deutschlands Bildungsinstitutionen für neue Herausforderungen rüsten?

30.01.2018 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © www.pixabay.de Man muss die Bildung nicht auf den Kopf stellen, um Lernräume zu optimieren.

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Die Schulklasse steht auf dem Kopf! Was wie das Werk einer unausgelasteten Schülerschar klingt, hat tatsächlich Methode: Im „flipped classroom“ oder „umgedrehten Klassenzimmer“ wird der Lehrerinput aus der Schule nach Hause verlagert. Die Hausaufgaben werden in der Schulstunde erledigt. Das aus den USA stammende Verfahren bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, Inhalte selbstbestimmt und im eigenen Lerntempo zu erfassen – beispielsweise per Erklärvideo. Das umgedrehte Klassenzimmer ist nur eines von verschiedenen Unterrichtskonzepten, die die gewohnte Ordnung von Lernräumen und -prozessen herausfordern.

Fabrikgebäude Schule

Neue Ideen für die Gestaltung schulischer Lernsettings seien bitter nötig, mahnen Bildungsexperten wie der emeritierte Professor für Allgemeine Pädagogik Olaf-Axel Burow. Im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur vergleicht er die deutschen Schulgebäude mit „Preußenkasernen“ oder Industrieanlagen: „Die Schule ist nach dem Modell der Fabrik aufgebaut. Die Schüler werden nach Alterskohorten sortiert, die fließbandmäßig vorrücken, wobei der Ausschuss aussortiert wird.“ Gelingen könne Lernen dagegen nur in einem Rhythmus von Konzentration, Entspannung und Bewegung, wie Tanzen und an die frische Luft gehen. Festinstallierte Tische, die den Raum vollstellten, stünden dem entgegen, davon ist Burow überzeugt. Wenn es nach ihm ginge, müssten Schulen viel mehr mit Theatern und Museen kooperieren.

Solche außerschulischen Lernorte ermöglichen es den Schülern, Unterrichtsstoff über vielfältige Praxiserfahrungen zu begreifen. Ein Besuch im Zoo oder ein Ausflug ins Grüne kann Studien zufolge mitunter mehr Wissen vermitteln als eine gewöhnliche Unterrichtsstunde. Außerschulische Lernorte können unter anderem Museen und Themenwelten, Bauernhöfe oder Unternehmen sein. Beispielsweise bieten die im Didacta Verband zusammengeschlossenen Unternehmen Lernerlebnisse aus den Bereichen Natur, Technik, Gesellschaft, Geschichte, Sport und Kultur an. Diese können in den Lernalltag integriert werden und Lehrkräfte bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen.

Ganztag als Herausforderung

Flexible Klassen und Köpfe erfordert auch die Tendenz zur Ganztagsbetreuung. Laut der Kultusministerkonferenz der Länder besuchten im Schuljahr 2015/2016 bundesweit 39,3 Prozent der Schüler eine Ganztagsschule. Der Ganztag stellt neue Anforderungen an die Schulgebäude: Mensen, Sportmöglichkeiten und an den Ganztag angepasste Lernräume werden dringend benötigt. Das zeigt eine vom Bundesbildungsministerium geförderte Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen, wonach etwa 40 Prozent der Schulen von unzureichender Ausstattung berichten. Seit das Investitionsprogramm des Bundes für Ganztagsschulen im Jahr 2009 endete, haben die Bemühungen um den Bau adäquater Unterrichtsräume nachgelassen.

Vorbild frühe Bildung

Michael Fritz, ehemaliger Geschäftsführer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm, betont die Bedeutung von stimulierenden Lernumgebungen: „Lernen kann man nur selbst, es erfolgt am besten in der Auseinandersetzung mit der Sache. Nach dem Prinzip ‚form follows function‘ müssen Lernräume deshalb den Lernenden unterstützen.“ Als Inspiration kann hier die frühkindliche Bildung dienen: Leseecken, Außenspielplätze, spezielle Lern-, Essens- und Ruheplätze sind schon lange Bestandteil deutscher Kitas. Angesichts begrenzter Mittel müssen Pädagogen aber nicht verzagen. Die Studie „Schüler richtig motivieren“ der Vodafone Stiftung zeigt, dass selbst kleine Reize aus dem direkten Lernumfeld große Leistungssteigerungen bewirken können. Lehrkräfte müssen ihre Klasse also nicht auf den Kopf stellen, um etwas auszurichten.

Vom 20. bis 24. Februar 2018 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Hannover zusammen.

Zu den Referenten gehört auch Prof. em. Dr. Olaf-Axel Burow. Diese Veranstaltungen könnten Sie interessieren:

Forum Unterrichtspraxis
Positive Pädagogik - Wege zu Lernfreude und Schulglück
Prof. em. Dr. Olaf-Axel Burow lehrte Allgemeine Pädagogik an der Universität Kassel und ist Autor zahlreicher Fachbücher zu Pädagogik, Organisationsentwicklung und Kreativitätsforschung
Mittwoch, 21. Februar 2018
14:00 - 15:00 Uhr
Halle 12, Stand D46
Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Qualifizierung
Lernräume der Zukunft - Exzellente Trainingskunst in einer digitalisierten Welt
Barbara Messer, Trainerin/Rednerin
Mittwoch, 21. Februar 2018
13:00 - 13:25 Uhr
Halle 13, Stand E50
Veranstalter: Didacta Verband e.V. 

Sonderschau
Nachhaltigkeit 360° - Lernorte für die Zukunft
Auf der Sonderschau zeigen Ausgezeichnete des Weltaktionsprogramms, wie ganzheitliche Ansätze Lernorte für die Zukunft rüsten.
Dienstag, 20. Februar bis Samstag 24. Februar
Halle 12, Stand F57
Veranstalter: Deutsche UNESCO-Kommission e.V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2018 finden Sie unter www.didacta-hannover.de und www.facebook.com/didacta.bildungsmesse.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2018 finden Sie im Dossier.


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