Interview

„Man kann Schulpolitik nie ohne Sozialpolitik verstehen.“

Prof. Dr. Rita Nikolai hat in der gemeinsam mit Marcel Helbig verfassten Studie „Die Unvergleichbaren“ den Wandel der Schulpolitik in den Bundesländern von 1949 bis 2010 beleuchtet. Im Gespräch mit Karoline Estermann und Andreas Müllauer spricht sie über fehlende Bildungsgerechtigkeit in den Städten und über Länder, die sich gerne profilieren.

02.04.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer, Karoline Estermann
  • © Foto-Atelier Schild-Vogel, Berlin

Frau Prof. Dr. Nikolai, was war das zentrale Ergebnis Ihrer Studie?
Die Bundesländer haben zwar in der Nachkriegszeit ein gegliedertes Schulsystem festgeschrieben, aufgrund ihrer Gestaltungshoheit haben sie sich hinsichtlich ihrer Schulstrukturen und ihrer pädagogischen Grundausrichtung aber seit 1949 so unterschiedlich entwickelt, dass wir es nicht mit einem, sondern mit 16 Schulsystemen zu tun haben. Ein Beispiel: Das zweigliedrige Schulsystem ist in 11 von 16 Bundesländern vertreten, aber die Schultypen werden in jedem Bundesland anders bezeichnet. In Sachsen als Oberschule, in Thüringen als Regelschule. Jedes Bundesland möchte sich profilieren und zeigen, dass etwas Eigenes geschaffen wurde. Hier wird deutlich, dass es in Bundesländern in Deutschland aufgrund eines Wettbewerbsföderalismus relativ schwierig ist, länderübergreifend Ähnlichkeiten in der Bildung zu schaffen. Der Bund versucht ab und an, eine Art Standardisierung herzustellen. Zum Beispiel beim Digitalpakt. Dort hat man aber gesehen, dass es gerade von den reichen Bundesländern massiven Widerstand gab, während die ärmeren Bundesländer den Pakt eher akzeptiert hätten. Die könnten die Digitalisierung der Schulen ohne Bundeshilfe gar nicht voranbringen. 

Stichwort Wettbewerbsföderalismus. Was ist damit gemeint?
Eigentlich ist der Föderalismus in Deutschland von der Idee her so gestaltet, dass jedes Bundesland sein eigenes System schafft, man voneinander lernt und sich dann das beste System durchsetzt. Aber das ist im Bildungsbereich de facto nicht der Fall. Man orientiert sich sehr wenig an Best-Practice-Beispielen. Niemand wirft einen Blick darauf, welches Bundesland vielleicht ein gutes Modell implementiert hat, das man nachahmen könnte. Dafür fehlt die Bereitschaft. Man versucht eher, sich durch die eigene Schulpolitik zu profilieren. Beispiel Zentralabitur: Viele der neuen Bundesländer haben nach 1990 an der Zentralabitur-Idee und auch an G8 festgehalten, weil die Erweiterte Oberschule im DDR-Schulsystem nur zwei Jahre und nicht drei Jahre dauerte. Als es dann darum ging, in den westdeutschen Bundesländern von G9 auf G8 umzustellen, folgte eine große Diskussion über die Machbarkeit. Man hat sich dabei jedoch kaum an den ostdeutschen Bundesländern orientiert, obwohl G8 dort schon seit Jahren funktionierte. 

Welche Herausforderungen sehen Sie grundsätzlich für den Bildungsföderalismus?
Eine Herausforderung ist die Kluft zwischen dem öffentlichen und dem privaten Schulsystem. Unsere Studie hat gezeigt: Gerade im städtischen Raum, beispielsweise in Schwerin oder Rostock, sind ein Drittel aller Grundschulen nicht mehr in öffentlicher, sondern in privater Hand. So wird schon früh eine soziale Spaltung aufgebaut. Die zweite Herausforderung ist der Umgang mit dem Mangel an Lehrkräften in den Bundesländern. Viele der Bundesländer versuchen Programme für den Quereinstieg zu entwerfen, aber das löst nicht das grundlegende Problem, dass wir viel zu wenig Lehrkräfte haben. Es findet jetzt schon ein Wettbewerb zwischen den Bundesländern statt, die sich gegenseitig mit höheren Gehältern oder Verbeamtung die Anwärter streitig machen. Eine weitere Herausforderung stellt der Zuzug von zugewanderten Kindern und Jugendlichen dar. Hier ist die Frage, wie wir Unterricht gestalten können, wenn eine zunehmende Anzahl der Kinder nicht mehr Deutsch als erste Sprache, sondern vielleicht als zweite oder dritte Sprache spricht. Sprachförderung ist deswegen eine massive Aufgabe für die Schulsysteme. Einige Bundesländer sind in diesem Bereich auf einem guten Weg, aber es fehlt noch an gemeinsamen Konzepten für die Grund- und Primarschule. 

Sie sprechen in Ihrer Studie von Bildungskonjunkturen, welche die Bildungspolitik einige Jahre prägen, wie beispielsweise der Pisa-Schock. Beeinflussen solche Studien auch heute noch die Politik?
Der Pisa-Schock hat vor allem in den 2000er Jahren sehr viel bewegt. Auch in den 2010er Jahren ist die Aufregung noch groß, wenn der Bildungsbericht der OECD kommt oder die nächste Pisa Studie veröffentlicht wird. Aber mittlerweile verpufft das schon sehr schnell. So ein Bericht ist vielleicht ein bis zwei Tage in der Presse relevant und dann kehrt wieder Ruhe ein. Ich habe den Eindruck, dass in letzten Jahren die Aufregung zu den Bildungsberichten abgenommen hat und vielmehr andere Fragen eine Rolle spielen: Wie kann man die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund bewältigen, die nicht Deutsch als erste Sprache sprechen? Oder wie bekommt man die zunehmende soziale Segregation in den Griff? Diese Diskussionen fußen nicht auf Bildungsberichten und finden nicht mehr so hysterisch wie in den 2000er Jahren statt.   

Welche Erkenntnisse konnten Sie bei Ihren Untersuchungen in puncto Bildungsgerechtigkeit gewinnen?
Ein Indikator für Bildungsgerechtigkeit ist der Einfluss, den die soziale Herkunft auf den Besuch der Schulform hat. Wir haben festgestellt, dass viele Bundesländer, die auf ein dreigliedriges Schulsystem setzen, in diesem Bereich Schwierigkeiten haben. In Bayern oder Baden-Württemberg wird das aber nicht so deutlich, weil dort nicht so eine große soziale Spaltung vorherrscht. Aber in den größeren Städten wie Hamburg, Bremen oder Berlin konnte die Hauptschule nicht mehr aufrechterhalten werden. Denn dort hat sich diese Schulform in eine Art „Restschule“ entwickelt und dadurch Bildungschancen verhindert - gerade von Kindern mit Migrationshintergrund. Man kann Schulpolitik also nie ohne Sozialpolitik verstehen. Bundesländer, die eine starke soziale Segregation aufweisen, sind mit der Überlegung auf einem guten Weg, Schulformen zu integrieren und die Hauptschule als eigenständige Schulform abzuschaffen. 

Was wäre Ihrer Meinung nach für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland notwendig?
Auf jeden Fall Schulformintegration. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Nur so kann nicht nur im städtischen, sondern auch im ländlichen Raum Schulinfrastruktur angesichts der zurückgehenden Schülerzahlen aufrechterhalten werden. Wenn ich auf dem Land lebe und die nächste Schule mit einer gymnasialen Oberstufe mit dem Bus eine Stunde weit entfernt ist, werde ich eher von einem Besuch abgeschreckt. Das mindert die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen. Aber solange die Sozialpolitik nicht als ein wichtiger Bestandteil in der Schulpolitik angesehen wird, ist es schwierig, sich für mehr Bildungsgerechtigkeit einzusetzen. Denn wenn sie die Armut in Stadtteilen oder in der Gesellschaft nicht verringern, dann können sie damit auch die Bildungsgerechtigkeit nicht verändern.

Ist es die Lösung, den Föderalismus abzuschaffen?
Nein. Der Föderalismus ist eine gute Einrichtung. Ich bin kein Verfechter davon, dass die Probleme in Deutschland mit einer zentralen Organisation gelöst wären. Denn andere Länder, die zentralstaatlich organisiert sind, haben auch mit Problemen bei der Bildungsgerechtigkeit zu kämpfen. Aber die Frage ist schon, inwieweit der Bund gerade bei ärmeren Bundesländern Unterstützung leisten kann. Den Föderalismus abzuschaffen bringt in diesem Fall gar nichts. Es geht darum, ihn gut zu gestalten, sodass Länder und Bund zusammen an ihren Herausforderungen arbeiten können. Die Idee eines Wettbewerbsföderalismus ist an sich nicht schlecht - wenn er richtig gelebt und gemacht wird.

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Über die Studie:
In „Die Unvergleichbaren“ wird anhand von 60 Indikatoren untersucht, wie sich die schulrechtlichen Regelungen in den Bundesländern von 1949/50 bis 2009/10 entwickelt haben. Drei Dimensionen werden dabei berücksichtigt: Die Dimension „Strukturen“ beschreibt, in welcher Art und Weise die Bundesländer Bildungsgänge differenzieren und mit welchen Regularien Schülern der Zugang zum Schulsystem ermöglicht wird. Die Dimension der „Kontrolle von Inhalten“ fächert auf, nach welchen Kriterien die Bundesländer den Zugang zu den weiterführenden Schulen gestalten und inwieweit Prüfungen und Zertifikate landesweit einheitlichen Standards entsprechen. Die Dimension der „Inhalte“ schließlich zeigt, welcher Stellenwert modernen und traditionellen Unterrichtsinhalten in einem Schulsystem zukommen. 


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