Lehrkräftemangel

Mit „Untertunnelungsmaßnahmen“ allein ist es nicht getan

Baden-Württemberg: Das am Freitag von Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann vorgelegte Maßnahmenpaket zur Lehrergewinnung verdeutlicht, wie brisant die Unterrichtsversorgung an den Schulen des Landes ist.

17.07.2017 Baden-Württemberg Pressemeldung Philologenverband Baden-Württemberg
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Die Kultusministerin „zieht alle Register“, um mehr Lehrkräfte dorthin zu bekommen, wo sie dringend gebraucht werden. So löblich dieses Bemühen angesichts der Sachlage ist, so klar ist aber auch, dass diese Maßnahmen nicht bedeuten können, dass deshalb die Stellenstreichungspläne, deren Aussetzung die Kultusministerin schon seit geraumer Zeit fordert, nunmehr aufrecht erhalten werden können.

Bei einigen der heute vorgestellten Maßnahmen dürfte die erwartete Wirkung gering ausfallen. Wer Teilzeit arbeitet, wird dafür seine Gründe haben und nicht aufstocken wollen, und eine frühzeitige Rückkehr aus der Beurlaubung dürfte für viele mit der individuellen Familien- bzw. Lebensplanung kollidieren. Der „Laufbahnzugang für Lehrkräfte aus Drittstaaten“ wird sich ja wohl aus Gründen der Qualitätssicherung und Fairness gegenüber den hierzulande Ausgebildeten an den in Baden-Württemberg geltenden Bedingungen zu orientieren haben.

Besonders problematisch ist die Rücknahme von Abordnungen. Ist es einsichtig, dass aufgrund des Aussetzens der Fremdevaluation die Evaluatorinnen und Evaluatoren zumindest bis zu einer Neukonzeption der Evaluation ihre frühere Unterrichtstätigkeit wieder aufnehmen, so problematisch ist doch die Vorstellung, man könne Lehrkräfte, die beispielsweise ans Kultusministerium oder ein Regierungspräsidium abgeordnet sind, mit einem Federstrich dort abziehen und zurück in den Unterricht schicken. Das würde ja bedeuten, dass die Arbeit dieses Personenkreises an ihrer jetzigen Dienststelle völlig verzichtbar ist, dass also ihre Abordnung gänzlich überflüssig und sinnlos war.

Viele der avisierten Maßnahmen würden als kurzfristige Überbrückungsmaßnahmen, also zur „Untertunnelung“ einer vorübergehenden Situation taugen. Die Entwicklung der Schülerzahlen (siehe auch jüngste Erhebung der Bertelsmann-Stiftung) sowie der Pensionierungszahlen sind jedoch langfristige Entwicklungen, die eine nachhaltige Lehrerversorgung erfordern.

Es ist deshalb unerlässlich, dass zusätzlich zu den nun vorgelegten Maßnahmen der geplante Abbaupfad bei den Lehrerstellen gestoppt wird. Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann sollte an ihrer schon vor Wochen erhobenen Forderung festhalten, das Stellenstreichungsprogramm umgehend auszusetzen.

Am kommenden Sonntag tagt die Haushaltsstrukturkommission der Landesregierung, um den Doppelhaushalt 2018/19 zu beraten. Frau Eisenmanns Forderung muss am Sonntag Vorrang vor den Wunschlisten der anderen Ministerien haben. Sie trägt die Verantwortung für die Lehrerversorgung im Land und ihre Kabinettskolleginnen und Kabinettskollegen dürfen sie bei dieser so wichtigen Frage nicht im Stich lassen.

Für das Gymnasium sind in vielen Fächern die Einstellungszahlen katastrophal. Wir fordern einen Einstellungskorridor für unsere befähigten Referendarinnen und Referendare. Dass sie an den Schulen dringend gebraucht werden, zeigt die Tatsache, dass mancherorts schon jetzt Krankheitsvertretungen für den September eingestellt werden, weil die Schulen für einen konkreten Bedarf keine reguläre Stellenzuweisung erhalten.

Seit einem Jahr zerbricht man sich in Baden-Württemberg den Kopf darüber, wie die Schülerleistungen wieder verbessert werden können. „Ist nicht die naheliegendste Maßnahme, dass der Unterricht überhaupt stattfindet?“ fragt Bernd Saur und fügt hinzu: „Am Sonntag haben die grün-schwarzen Landespolitiker die einmalige Chance, uns allen zu zeigen, dass es neben – vor allem in Wahlkampfzeiten – oft gehörten Sonntagsreden auch Sonntagstaten gibt. Mein Vorschlag für die gute Tat am Sonntag: Lehrerstellen schaffen anstatt sie zu streichen.“


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