Interview

Mobil sein muss man lernen

Verkehr ist überall, aber in Schule und Kita kaum Thema. didacta sprach mit dem Bildungssoziologen Dietmar Sturzbecher darüber, warum Mobilitätsbildung in die Bildungspläne gehört. Das Interview führte Vincent Hochhausen.

05.12.2018 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Kommt Verkehrserziehung  aus Ihrer Sicht derzeit zu kurz?
Ja, ganz klar. In vielen Bundesländern sind Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung in den Bildungsplänen der Kitas nicht ausreichend verankert. Es gibt zwar zahlreiche Angebote von Verkehrsorganisationen und der Polizei, die von Kitas und Schulen genutzt werden, aber einzelne Projekte können eine systematische und kontinuierliche Umsetzung der Mobilitätsbildung nicht ersetzen.

Sondern?
Verkehrserziehung muss als Querschnittsaufgabe in den Kita- und Schulalltag integriert werden. Das geht nur, wenn sie in die Ausbildung des pädagogischen Fachpersonals und in die Bildungs- und Lehrpläne verlässlich und systematisch integriert wird. Wir haben an unserem Institut im Auftrag des ADAC eine Studie zur Mobilitäts- und Verkehrserziehung in der Sekundarstufe I durchgeführt und dabei die curricularen Grundlagen sowie Expertenmeinungen erfasst. Es zeigte sich, dass das Thema häufig nur ein Randgebiet der schulischen Bildung und Erziehung ist und es den Lehrkräften an Ressourcen für eine systematische und wirkungsvolle Umsetzung fehlt. 

Dietmar Sturzbecher ist Professor für Familien-, Jugend- und Bildungssoziologie sowie Direktor des Instituts für angewandte Familien-, Kindheits-, und Jugendforschung (IFK) an der Universität Potsdam. Er beschäftigt sich unter anderem mit Mobilitäts- und Verkehrserziehung in Kindergärten und Schulen.

Wie sieht gute Verkehrsbildung  in der Praxis aus?
Für das Training von Verkehrskompetenz gibt es viele Möglichkeiten. Dazu zählen das Spazierengehen mit der Kita-Gruppe, das Einkaufen mit den Eltern und nicht zuletzt das Schulwegtraining. Wie in vielen Bildungsbereichen müssen aber die Lern- und Verhaltensvoraussetzungen der Lernenden berücksichtigt werden. 

Können Sie ein Beispiel nennen?
Vorschulkinder haben beispielsweise noch kein voll entwickeltes Hörvermögen und können nicht unterscheiden, ob sich ein Auto entfernt oder nähert. Aufgrund ihrer Körpergröße fehlt ihnen der für Erwachsene selbstverständliche Überblick über Verkehrssituationen. Zudem fällt es ihnen schwer, ihre Aufmerksamkeit auf Besonderheiten von Verkehrssituationen zu konzentrieren und die Absichten anderer Verkehrsteilnehmer zu erkennen. Wenn beispielsweise an einer vielbefahrenen Kreuzung ein Spielzeugladen oder ein Eisstand ist, dann sind Kinder natürlich davon abgelenkt und vergessen schon einmal, dass sie den abbiegenden Verkehr beobachten müssen. Deshalb müssen sie insbesondere lernen, welche Gefahrensituationen ihr Kita- beziehungsweise Schulweg hat.

Halten Sie es für sinnvoll, dass Eltern die Kinder zur Schule bringen?
Es ist der falsche Weg, Kinder übermäßig zu behüten und ihnen zu wenig zuzutrauen. In der Fahrausbildung gibt es das Motto „Fahren lernt man durch Fahren“. Damit ist gemeint, dass der Fahrerfahrungsaufbau im realen Straßenverkehr einen starken Beitrag zur Verringerung des Unfallrisikos und zum nachhaltigen Kompetenzaufbau bei jungen Fahrern leistet. Analog ist auch bei Kindern davon auszugehen, dass man das achtsame und kompetente Zurücklegen des Schulweges nicht im Auto der Eltern erlernt, sondern indem man mit ihnen gemeinsam den Schulweg erkundet und die potenziellen  Gefahren erörtert. 

Was gehört außer dem Thema Sicherheit noch zur Verkehrsbildung?
Die Vermittlung von Verkehrsregeln und Verkehrssicherheitseinstellungen ist wichtig und sie muss im Fokus der Verkehrserziehung bleiben. Zusätzlich ist aber in den letzten Jahrzehnten die Mobilitätsbildung als Ziel des Erwerbs von Mobilitätskompetenz hinzugekommen. 

Was umfasst Mobilitätskompetenz?
Es geht dabei um Umweltaspekte, um die Wahl wenig umweltschädigender Verkehrsmittel und nicht zuletzt um Verkehrsvermeidung. Menschen müssen zwar mobil sein, um soziale Kontakte zu pfl egen und berufl ich voranzukommen. Ohne Führerschein hat man heute – zumindest auf dem Land – kaum Chancen, im Alltag zurecht zu kommen. Aber es ändert sich derzeit viel in der Mobilität, und das sollte sich auch auf die Mobilitätsbildung auswirken.

Inwiefern?
Kinder sind heute nicht mehr nur mit dem Fahrrad und mit Inlineskatern unterwegs, sondern auch mit Kettcars, Segways und Hoverboards. Diese Wandlungsprozesse müssen bei der Mobilitätsbildung für Kinder und Jugendliche berücksichtigt werden. Beispielsweise könnte man anhand eines Trainings-Parcours auf Schulhöfen verdeutlichen, dass mit jedem neuen Verkehrsmittel auch neuartige Herausforderungen im Straßenverkehr verbunden sind, und zwar für die Nutzer wie auch für die anderen Verkehrsteilnehmer. Wo und wie schnell kann mit einem Hoverboard gefahren werden und wird man mit einem Kettcar hinter parkenden Autos gesehen? Derartige Fragen müssen bei der Mobilitätsbildung aufgegriffen werden, damit Kinder und Jugendliche lernen, sich in andere Verkehrsteilnehmer hineinzuversetzen und aktuelle Verkehrsentwicklungen zu berücksichtigen. Zu den neuartigen Herausforderungen gehören übrigens auch das Erkennen geräuscharmer Elektrofahrzeuge und die Ablenkung durch Smartphones.

Wie können Schulen Mobilitätsbildung denn verankern?
Wir haben in der Studie für den ADAC vier Empfehlungen abgegeben: Erstens müssen bei der Planung von Angeboten der Entwicklungsstand und die speziellen Entwicklungsaufgaben von Kindern unterschiedlichen Alters berücksichtigt werden. Zweitens ist eine wirksame Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung nur mit Unterstützung durch externe Partner aus der Verkehrssicherheitsarbeit möglich. Drittens sollten an allen Bildungseinrichtungen Fachverantwortliche benannt und als Multiplikatoren regelmäßig fortgebildet werden, um Angebote zu planen und durchzuführen. Und viertens brauchen wir Expertennetzwerke und Lehr-Lernplattformen, um Erfahrungen und Materialien auszutauschen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2018, S. 26-29, www.didacta-magazin.de


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