Modellversuch Selbstständige Schule

Kultusminister Jürgen Schreier stellte in der heutigen Landespressekonferenz den Modellversuch "Selbstständige Schule" vor.

20.06.2006 Saarland Pressemeldung Ministerium für Bildung und Kultur Saarland

Freiheit und Verantwortung sind die Leitbegriffe einer neuen inneren Souveränität der Schulen. Subsidiarität als anerkanntes Ordnungsprinzip unseres Staatswesens soll verstärkt auch für die Schulen gelten. Das bedeutet: Der Eigenverantwortung soll soweit als möglich Vorrang vor einer staatlichen und kommunalen Regulierung eingeräumt werden.

Die Schulen erhalten durch eine sich selbst zurücknehmende, distanzierte Administration größere Freiheiten, die mit einer verantworteten Qualitätssicherung verbunden sind. Denn Selbständigkeit von Schule mindert nicht die grundsätzliche Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass die gesetzten Standards auch erfüllt werden. Der Aufbau einer konsequenten Qualitätssicherung von innen und von außen läuft daher parallel zur Abgabe von administrativen Kompetenzen an die Bildungseinrichtungen.

Viel neues Denken, Reformbereitschaft und Energie werden notwendig sein, unsere Schulen zu verbessern. Größere Handlungsfreiheit durch eine sich selbst zurück-nehmende Verwaltung wird zu den wichtigsten Rahmenbedingungen einer Qualitäts-verbesserung gehören. Denn dadurch wird ein neues Schulgefühl entstehen, das neue Initiativen und Impulse freisetzt.

Der Weg zu mehr Selbstständigkeit muss wohl bedacht sein. Es geht nicht um Veränderung um ihrer selbst willen. Denn mehr Freiheit macht die Schulen nicht von selbst besser. Es müssen Erfahrungen gewonnen werden, an welchen Stellen mehr Freiheit die Qualität verbessert, und wo die Pflicht des Staates, allen Schülern ver-gleichbare Bedingungen zu garantieren, der Freiheit Grenzen setzt. Im Modellversuch Selbstständige Schule werden drei bis fünf Schulen je allgemein bildender Schulform weitgehende Freiheiten erproben können

  • bei der Unterrichtsorganisation und Unterrichtsgestaltung,
  • bei der Auswahl ihres Personals und
  • bei ihrem Schulbudget.

Die Teilnahme wird rechtzeitig ausgeschrieben, sodass die Schulen mit Schuljahresbeginn 2007/2008 starten können. Schulen, die sich beteiligen wollen, reichen einen qualifizierten Antrag ein. Ein Gutachtergremium wählt die Schulen aus. Die Modellschulen schließen dann Zielvereinbarungen über zusätzliche Rechte und Pflichten mit dem Ministerium und ihrem Schulträger ab.

So verpflichten sich die teilnehmenden Schulen beispielsweise, besondere Akzente in den Bereichen Qualitätsentwicklung und Rechenschaftslegung zu setzen. Auch richten sie Schulbeiräte ein, denen Lehrkräfte, Vertreter der Eltern und Schüler, der Schulträger sowie Partner angehören, die sich mit der Schule besonders verbunden fühlen (z.B. Ehemalige, Vertreter der Wirtschaft, der Kultur, der Kirchen, der aus-ländischen Mitbürger, der Jugendhilfe).

Der Schulbeirat unterstützt die Schule in ihrer Arbeit und gibt Anregungen für die Qualitätsentwicklung. Der Versuch startet zum Schuljahr 2007/2008. Was sich bewährt, wird auf alle Schulen übertragen. Bereits zum nächsten Schuljahr erhalten alle Schulen größere Handlungsspielräume, und zwar bei der Stundenplangestaltung, der Stoffverteilung und bei der Bildung von Lerngruppen.

Die geplanten Maßnahmen im Einzelnen

Die geplanten Maßnahmen bedürfen der rechtlichen Umsetzung. Insbesondere die haushalts-, personal- und schulmitbestimmungsrechtlichen Fragen erfordern eingehende Erörterungen.

Bei allen Maßnahmen des Bereichs Unterrichtsorganisation und Unterrichtsgestal-tung sind die Anforderungen zentraler Leistungsuntersuchungen und Abschlussprü-fungen zu berücksichtigen, damit die Anerkennung der Abschlüsse gesichert bleibt. Die mit * gekennzeichneten zusätzlichen Freiräume sollen allen Schulen mit Beginn des nächsten Schuljahres offen stehen. Die anderen möglichen Maßnahmen sind den Schulen im Schulversuch vorbehalten.

1. Unterrichtsorganisation und Unterrichtsgestaltung

Stoffverteilung

  • Die Schule kann Lehrplaninhalte in benachbarte Klassenstufen verlagern.\* Die Zustimmung der Schulkonferenz ist erforderlich. Die Anforderungen der Standards und Lehrpläne müssen am Ende eines Zwei-Jahres-Zeitraums erreicht sein.

Klassen- und Kursbildung

  • Die Schule kann, was die Schülerzahlen betrifft, im Rahmen der zugewiesenen Lehrerstunden bei der Klassen- und Kursbildung von den geltenden Vorgaben abweichen.\*
  • Die Schule kann klassen- und jahrgangsübergreifende Lerngruppen bilden.\*
  • Die Schule kann bildungsgangübergreifende Lerngruppen bilden.

Bewertung von Schülerleistungen

  • Die Schule kann den Schülerinnen und Schülern schulbezogene Zertifikate über besondere Leistungen oder Aktivitäten ausstellen.\*
  • Die Schule kann in Arbeitsgemeinschaften erbrachte Schülerleistungen auf dem Zeugnis unter "Bemerkungen" ausweisen und verbal bewerten.\*
  • Die Schule kann an die Stelle einer Klassen- oder Kursarbeit pro Jahr andere Prü-fungsformen wie Präsentation, Debatte, Projektarbeit, mündlicher Vortrag oder erfolgreiche Teilnahme an einem Schülerwettbewerb treten lassen.

Stundenplangestaltung

  • Die Schule kann die Fachstunden flexibel über das Schuljahr verteilen. \* Die Gesamtumfang der einzelnen Fächer bleibt erhalten. Die Zustimmung der Schulkonferenz ist erforderlich.
  • Die Schule kann eine Klassenleiterstunde vorsehen.\* Diese Stunde kann im Rahmen des Budgets gegeben werden. Sie kann aber auch in einem festgelegten Rhythmus, beispielsweise im Wochenrhythmus, an die Stelle einer jeweils wechselnden Fachunterrichtsstunde treten ("rollierendes System"). Die Zustimmung der Schulkonferenz ist erforderlich.

Veränderung der Stundentafel

  • Die Schule kann Fachstunden ganz oder teilweise in benachbarte Klassenstufen verlegen.\* Die Zustimmung der Schulkonferenz ist erforderlich. Die Anforderungen der Standards und Lehrplä- ne müssen am Ende eines Zwei-Jahres-Zeitraums erreicht sein.
  • Die Schule kann die Stundenzahl einzelner Fächer stärken.

Zusätzliche Stunden werden durch vorübergehende Reduzierung in anderen Fächern gewonnen. Da grundlegende Anforderungen des Lehrplans, zentraler Leistungsuntersuchungen und Abschlussprü-fungen dennoch zu erreichen sind, kann die Reduzierung pro Fach maximal eine Jahreswochenstun-de im Zweijahreszeitraum betragen. Einstündige Fächer sind von der Kürzung ausgeschlossen. Die Maßnahme bezieht sich auf die Primarstufe und die Sekundarstufe I.

Differenzierung

  • Gesamtschulen und Erweiterte Realschulen können - unter Einhaltung der KMK-Vorgaben - über die Form der Differenzierung selbstständig entscheiden.

2. Personal

Schulspezifische Ausschreibungen

  • Die Schule kann freie Stellen ausschreiben und besetzen. Die Schulleitung kann die Stellenausschreibung selbst formulieren. Sie führt das Beurteilungs- und Auswahlverfahren unter Beachtung der Beurteilungsrichtlinien durch und dokumentiert das Verfahren gerichtsfest. Die Entscheidung über die Stellenbesetzung trifft die Schulleitung. Der Örtliche Personalrat wird an dem Verfahren beteiligt. Dieses Verfahren gilt nicht für Mangelfächer, da das Ministerium für vergleichbare Bedingungen in allen Schulen Sorge tragen muss.
  • Die Schule kann zur Besetzung freigegebene schulische Funktionsstellen (außer den Stellen in der Schulleitung) ausschreiben und besetzen. Die Schulleitung kann die Stellenausschreibung selbst formulieren. Sie führt das Beurteilungs- und Auswahlverfahren unter Beachtung der Beurteilungsrichtlinien durch und dokumentiert das Verfahren gerichtsfest. Die Schulleitung entscheidet welcher Lehrkraft die Funktion übertragen wird. Der Örtliche Personalrat wird an dem Verfahren beteiligt.

"Geld statt Stunden"
Die Schule kann einen Teil ihres Stundenbudgets in ein Geldbudget umwandeln. Die Umsetzung dieser Maßnahme bedarf einer Öffnung des Haushaltsgesetzes. Das Budget kann die Schule für Honorarkräfte (z.B. Honorarlehrkräfte, Experten für AG-Unterricht, Fachvorträge, PC-Betreuung, Bibliothek, Schülerbetreuung etc.) in Anspruch nehmen.

3. Qualitätsentwicklung, Qualitätssicherung und Rechenschaftslegung

  • Die Schulen richten einen Schulbeirat als beratendes Gremium ein.
  • Die Schulen erarbeiten ein Unterrichts- und Erziehungsprogramm.
  • Die Schulen gehen eine Berichtspflicht über die Erfahrungen beim Schulversuch ein.
  • Die Schulen richten ein Qualitäts-Steuergruppen ein.
  • Die teilnehmenden Schulen tauschen ihre Erfahrungen untereinander aus.
  • Die Schulen führen eine Selbstevaluation durch und nehmen an der Schulinspektion teil.
  • Die Schulen erstellen einen Fortbildungsplan.

4. Budgetierung

Budgetierung der Lehrerstunden
Die Schulen im Modellversuch nehmen am Verfahren der budgetierten Stundenzuweisung teil. Sie erhalten Anrechnungsstunden für die Teilnahme am Schulversuch und ein Fortbildungsbudget.

Sachkostenbudget
Anzustreben ist auch eine erweiterte Budgetierung bei der Sachkostenbewirtschaftung. Entsprechende Gespräche werden mit dem Schulträger geführt.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden