Mogeln in Zeiten des Internets

(Eigenbericht) Das war eine Facharbeit, wie jeder Lehrer sie sich wünscht, mit soliden Fakten, klar strukturiert, gut ausformuliert. Der Osnabrücker Oberstudienrat hätte seinem Schüler Carsten\* dafür die höchst mögliche Punktzahl geben müssen, wären ihm nicht berechtigte Zweifel gekommen. Noch drei Tage vor Abgabeschluss hatte der Abiturient nichts vorweisen können und auch sonst gehörte er nicht gerade zu den Besten im Kurs.

28.04.2004 Artikel

Doch Zweifel allein reichen nicht aus, um Schüler oder Studenten der sogenannten vollendeten Täuschung zu überführen. Dafür braucht es Beweise. Und die zu finden, ist nicht einfach. In Zeiten des Internets, so befürchten viele, sei dies sogar noch wesentlich schwieriger als früher. Schließlich wird im World Wide Web beinahe alles angeboten, was Schülerherzen höher schlagen lässt: fertige Hausarbeiten zum Thema Magnetismus, Zellenlehre, Differentialgleichungen oder über den Aufbau des klassischen Dramas. Braucht es also tatsächlich nur ein paar Mausklicks und Referate und Facharbeiten sind erledigt?

Kein Mogelboom

"Ganz so einfach ist es nicht", meint der Lehrer und macht sich wenig Sorgen um einen Mogelboom. Er betreut die Computer-AG und die Homepage seiner Schule. Die aktuellen Methoden des Schummelns sind ihm also nicht fremd. "Der Zugriff zu fertigen Texten, Hausarbeiten und Referaten ist natürlich außerordentlich einfach geworden. Aber das ist nur die eine Seite. Die Schüler müssen auch differenzieren können, die Qualität der Texte einschätzen, sonst holen sie sich schlechte Arbeiten aus dem Netz. Und das ist ja nicht gerade in ihrem Sinne. Dazu kommt: ich kenne als Lehrer doch meine Schüler und weiß was ich erwarten kann. Und schließlich muss der Schüler seine Arbeit noch halbwegs glaubhaft präsentieren können."

Auf der Suche nach Plagiaten

Das sieht man an etlichen amerikanischen Colleges offensichtlich anders und verlässt sich lieber auf strenge Kontrolle als auf das Know How der Lehrers. Und zwar mit www.plagiarism.org. Dort überprüft eine Software, ob die Schüler Abgekupfertes als ihr eigenes Werk ausgeben. Und das funktioniert ganz simpel: die Schülertexte werden zum Internetdienst geschickt und dort mit mehr als 100.000 anderen Arbeiten sowie mit entsprechenden Archiven im Internet verglichen. Heraus kommt dann, ob die Schüler alles, einiges oder so gut wie gar nichts abgeschrieben haben. Der Lehrer bekommt außerdem Links zu den Seiten, wo seine Schüler "fündig" geworden sind.

Das Handy: noch untauglich

Und wie sieht es mit dem Handy aus, das unterdessen beinahe in jeder Schultasche zu finden ist? Zwar könnte per Kurznachricht oder auch mit einem Telefonat auf der Toilette das eine oder andere Ergebnis abgefragt werden, aber zum kompletten Outsourcen einer Arbeit reicht das nicht. Und noch ist es viel zu mühsam und wenig Erfolg versprechend, sich mit einem Handy die entscheidenden Informationen für den Mathetest aus dem Internet zu holen. Um den riesigen Fundus der im Netz angebotenen Referate, mathematischen Lösungen oder Beschreibungen chemischer Experimente nutzen zu können, braucht´s schon einen PC und ausreichend Zeit zum Suchen. Denn selten sind die Angebote mit wenigen Mausklicks zu finden und allzu häufig führen Links ins Leere oder zu unbrauchbaren Texten.

Und für das, was schließlich gefunden wird, gibt es kein Qualitätssiegel, auch wenn angeblich nur gute Arbeiten veröffentlicht werden. Ein Blick allein auf die Größe der Datei, so der Lehrer, verrät schon viel. Wenn dahinter lediglich eine Seite Text steckt, kann es sich wohl kaum um ein Spitzenreferat handeln. Und von dieser Sorte gibt es auf den einschlägigen Seiten eine ganze Menge.

Gefährliche Schätze

Natürlich lassen sich auch wahre Schätze aus dem Internet fischen, so wie jene Facharbeit seines Schülers. Sie war - der Aufgabenstellung gemäß - nicht auf Papier sondern als Internetpräsentation erstellt worden. Dumm nur, dass der Oberstudienrat seinem Schüler in Sachen PC einiges voraus hatte.

"Wären wir bei traditionellen Methoden geblieben und irgendein Experte hätte die Facharbeit für den Schüler geschrieben, ich hätte die Täuschung kaum beweisen können, übrigens auch nicht, wenn er ein Referat aus dem Internet in seiner Textverarbeitung nachbearbeitet und in Papierform abgegeben hätte", gibt der Lehrer zu.

Keine Frage: Die Chancen, sich mit fremden Federn aus dem Internet zu schmücken, steigen. Und nicht jeder Betrug wird aufgedeckt. Doch je selbstverständlicher Lehrer mit PC und Internet umgehen, um so eher kommen sie auch den schwarzen Schafen unter ihren Schülern auf die Spur.

Traditionsbewusst

Die Kurznachricht per Handy, das Referat oder die komplette Hausaufgabe aus dem Netz - der technologische Fortschritt bietet potentiellen Moglern neue Möglichkeiten. Doch wirklich ausgereift sind sie noch nicht - anders als die von vielen Schülergenerationen erprobten Täuschungstricks: Vokabeln auf der Handfläche oder dem Lineal, der Spickzettel im Pausenbrot oder der Einsatz der kompetenten Verwandtschaft als Ghostwriter für die Facharbeit. Sie sind nach wie vor beliebt und werden ausgerechnet durchs Internet gepuscht. Unter homeworxx.de zum Beispiel finden sich mehr als 40 Tipps zum Spicken. Angefangen vom Spickzettel in der Schuhsohle bis zum Text auf dem Papiertaschentuch. Schule ist wohl auch in diesem Bereich noch traditionsbewusst.

*Name von der Redaktion geändert

Weiterführende Links

www.plagiarism.org
Suche nach Plagiaten
www.schule-im-netz.de
Sammlung mit kommentierten und nach Alter sortierten Internetseiten zu vielen Schulfächern.


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