Social Media

Nachrichtenkompetenz: mangelhaft

Informationen im Netz kritisch hinterfragen zu können, ist eine der Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts. In der Schule kommt das zu kurz, so didacta. Von Rebecca Renatus

27.09.2018 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Facebook, Instagram, YouTube – soziale Netzwerke sind wichtige Nachrichtenquellen für Jugendliche. Um aus der Flut an Inhalten verlässliche Informationen herausfiltern und sich auf dieser Basis eine fundierte Meinung zu gesellschaftlichen Prozessen bilden zu können, braucht es Nachrichtenkompetenz: Die Fähigkeit, journalistische Inhalte verstehen, kritisch beurteilen und effektiv nutzen zu können. Das ist die Grundvoraussetzung im Umgang mit Falschmeldungen, Hetzkampagnen und politischer Einflussnahme – und damit Grundlage für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen. Kinder und Jugendliche werden in der Schule jedoch nur mangelhaft auf den kompetenten Umgang mit Informationen und Nachrichten vorbereitet. Das belegt die aktuelle Studie „Nachrichtenkompetenz durch die Schule“.

Rebecca Renatus arbeitet seit 2012 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden und forscht zum Thema Medien- und Nachrichtenkompetenz.

In Schulen kaum Thema

Die Studie, die im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse im Zeitraum von 2015 bis 2017 am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden durchgeführt wurde, untersuchte die Voraussetzungen für eine nachrichtenkompetente Ausbildung in der Schule auf verschiedenen Stufen: So wurden politische Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK), Lehrpläne der Bundesländer, Unterrichtsmaterialien in Schulbüchern, Projektbeschreibungen von Landesmedienanstalten sowie Studienordnungen von Lehramtsstudiengängen untersucht. Zudem wurden die medienpädagogischen Einstellungen und Kompetenzen von Lehramtsstudierenden im höheren Semester in einer Befragung erhoben. Das Ergebnis: Die Nachrichtenkompetenz ist nirgends ausreichend berücksichtigt. Die KMKVorgaben setzen sich zwar umfassend mit verschiedenen Dimensionen der Medienkompetenz auseinander. Auf den kompetenten Umgang mit Medien im Kontext von Information und Meinungsbildung gehen sie jedoch kaum ein.

Die Lehrpläne sind den politischen Vorgaben der KMK voraus. Der Stellenwert der Nachrichtenkompetenz ist hier deutlich höher, aber nicht zufriedenstellend. Weniger als die Hälfte der untersuchten Lehrpläne für die Schulfächer Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Ethik thematisieren Aspekte der Nachrichtenkompetenz, wobei es deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern gibt. Auffällig ist, dass die Analysefähigkeit und Nachrichtenkunde deutlich häufiger thematisiert werden als die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit Informationsangeboten. Im Blickpunkt stehen also die Vermittlung von Grundlagenwissen – beispielsweise die Merkmale journalistischer Textsorten oder der Aufbau einer Zeitung – sowie die inhaltliche Auseinandersetzung mit journalistischen Inhalten. Eine explizite Bewertung von Informationsangeboten im Hinblick auf Qualität oder Vertrauenswürdigkeit wird hingegen noch zu selten als Unterrichtsthema vorgeschrieben. In den Schulbüchern wird der Nachrichtenkompetenz bereits ein deutlich höherer Stellenwert zugeschrieben. Jedes zweite Schulbuch thematisiert Aspekte im Umgang mit Nachrichten und journalistischen Angeboten. Dabei geht es aber kaum um die öffentliche Aufgabe der Medien und deren Rolle für die freie Meinungsbildung. Auch kommen digitale Wege der Nachrichtenvermittlung – etwa soziale Netzwerke und Blogs – nur selten vor.

Insgesamt zeigt sich, dass die untersuchten Vorgaben und Materialien zum Schulunterricht dem aktuellen Nachrichtennutzungsverhalten von Jugendlichen nicht gerecht werden. Insbesondere die gesellschaftliche Relevanz von Nachrichten und die Bedeutung der Nachrichtennutzung für die eigene Informiertheit werden in den Vorgaben und Materialien zur schulischen Bildung noch stark vernachlässigt. Schülern fehlt es an Motivation, sich gezielt und regelmäßig über das Weltgeschehen zu informieren. Auch der Anspruch einer fächerübergreifenden Medienbildung spiegelt sich in den fächerspezifischen Dokumenten noch nicht ausreichend wider. Sowohl in den KMK-Dokumenten als auch in den Lehrplänen und Schulbüchern liegt der Fokus der Nachrichtenkompetenzvermittlung vorwiegend auf dem Schulfach Deutsch.

Starker Nachholbedarf bei der Lehrerausbildung

Bei der Lehrerausbildung spielt Nachrichtenkompetenz nahezu keine Rolle. Auch Medienkompetenz kommt viel zu kurz. Medien werden wenn dann vor allem im didaktischen Zusammenhang thematisiert. Im Blickpunkt der Medienbildung zukünftiger Lehrkräfte steht der Einsatz von Medien im Unterricht. Vor diesem Hintergrund liegt der Fokus hier auch stärker auf Fernsehen und Internet. Pressemedien werden fast gänzlich ignoriert. Die fehlende Thematisierung von Medien- und Nachrichtenkompetenz in der Lehrerausbildung führt zu Wissenslücken zukünftiger Lehrkräfte. Zwar halten Lehramtsstudierende Nachrichtenkompetenz für wichtig, faktisch haben sie jedoch große Defizite, die im Studium nicht ausgeglichen werden. Vor allem im Hinblick auf die jugendliche Mediennutzung und die Grundstrukturen des Mediensystems fehlen den befragten Lehramtsstudierenden grundlegende Kenntnisse. Weniger als die Hälfte der Befragten konnte beispielsweise aus einer Liste mit Zeitungen die Welt als Pressemedium mit konservativer Ausrichtung richtig identifizieren. Nur ein Drittel wusste, dass Journalisten in Deutschland keine Lizenz brauchen, um ihren Beruf auszuüben.

Weitere Forschung notwendig

Die Voraussetzungen für eine nachrichtenkompetente Ausbildung in der Schule sind mangelhaft. Diese Schlussfolgerung lässt sich aus der mehrstufigen Studie der Dresdner Kommunikationswissenschaftler ziehen. Die fehlende Verbindlichkeit der Nachrichtenkompetenzförderung an Schulen legt den Schluss nahe, dass die tatsächliche Vermittlung von Kompetenzen im Umgang mit journalistischen Inhalten im Schulunterricht stark von dem individuellen Engagement und Wissensstand der Lehrkräfte abhängt. Bislang liegen keine Erkenntnisse vor, welchen Stellenwert die Nachrichtenkompetenzförderung im Unterricht tatsächlich hat und wie es um die Kompetenz von Lehrkräften steht. Diese Fragen wollen die Dresdner Kommunikationswissenschaftler nun klären.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2018, S. 14-16, www.didacta-magazin.de


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