Offener Brief

"PISA gefährdet Wohlbefinden von Schülern und Lehrern"

(red) "Wir sind offen gestanden tief besorgt über die negativen Folgen der PISA-Rankings": Was vor knapp zwei Wochen mit gut einhundertdreißig Erstunterzeichnern und einer Veröffentlichung im Guardian begann, zieht Kreise: Der Offene Brief des an New Yorker State University lehrenden Erziehungswissenschaftler Heinz-Dieter Meyer und der Direktorin der Linden Ave Middle School in New York an den OECD-Koordinator der Pisa-Studien Andreas Schleicher.

16.05.2014 Artikel
  • © OECD

In Deutschland haben sich dem Aufruf mittlerweile rund 400 Unterzeichner angeschlossen: Professoren, Lehrer, Vertreter von Lehrerverbänden.

"Wir können nicht verstehen, wie die OECD zum globalen Schiedsrichter über Mittel und Ziele von Bildung in der ganzen Welt werden konnte", heißt es in dem Schreiben. Die enge Ausrichtung der OECD auf standardisierte Tests drohe Lernen in Pedanterie zu verwandeln und Freude am Lernen zu beenden. Durch den von PISA stimulierten internationalen Wettlauf um Testergebnisse habe die OECD die Macht erhalten, weltweit Bildungspolitik zu bestimmen, ohne jede Debatte über die Notwendigkeit oder Begrenztheit der OECD-Ziele. "Durch das Messen einer großen Vielfalt von Bildungstraditionen und -kulturen mit einem engen und einseitigen Maßstab kann am Ende unseren Schulen und unseren Schülern irreparabler Schaden zugefügt werden", warnen die Autoren. PISA habe den ohnehin schon hohen Grad an Stress an den Schulen weiter erhöht und gefährde das Wohlbefinden von Schülern und Lehrern.

Als Organisation für wirtschaftliche Entwicklung sei die OECD naturgemäß auf die ökonomische Rolle der öffentlichen Schulen fokussiert. Aber die Vorbereitung auf einträgliche Arbeit könne nicht das einzige Ziel öffentlicher Bildung und Erziehung sein. "Unser Schulwesen muss Schülerinnen und Schüler auch auf die Mitwirkung an der demokratischen Selbstbestimmung, auf moralisches Handeln und auf ein Leben in persönlicher Entwicklung, Reifung und Wohlbefinden vorbereiten."

Die Autoren warnen vor dem "PISA-Regime": "Um PISA und eine große Zahl daran anschließender Maßnahmen durchzuführen, ist die OECD "Public Private Partnerships" und Allianzen mit multinationalen, profitorientierten Unternehmen eingegangen, die bereitstehen, um aus jedem von PISA identifizierten – realen oder vermeintlichen – Bildungsdefizit Profit zu schlagen. Einige dieser Firmen verdienen an den Bildungsdienstleistungen die sie für öffentliche Schulen und Schulbezirke bereitstellen. Diese Firmen verfolgen u. a. auch Pläne, eine profitorientierte Grundschulbildung in Afrika zu entwickeln, wo die OECD derzeit plant, PISA einzuführen."

Schließlich werden in dem Brief auch mögliche neue Wege aufgezeigt. So seien aussagekräftigere und weniger sensationsheischende Wege für Bildungsvergleiche zu finden. Es mache zum Beispiel weder pädagogischen noch politischen Sinn, Entwicklungsländer, in denen 15-Jährige regelmäßig zur Kinderarbeit verpflichtet werden, mit Ländern der Ersten Welt zu vergleichen. Auch sollten alle relevanten Akteure einbezogen werden: Eltern, Pädagogen, Vertreter der Bildungsverwaltung, Studenten und Schüler ebenso wie für Wissenschaftler aus Disziplinen wie der Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Philosophie, Linguistik wie auch der Kunst und den Geisteswissenschaften. Um Zeit für die Diskussion all dieser Aspekte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu gewinnen, heißt es, wäre es nützlich, den nächsten PISA-Zyklus auszusetzen.

Unterschrift zur Petition
Offener Brief an Andreas Schleicher


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