Gastbeitrag

Projekt ist nicht gleich Projekt

Was macht guten Projektunterricht aus? Mehr, als Schülern das Thema zu servieren und sie eine Präsentation machen zu lassen, findet Karlheinz Goetsch. Von Tina Sprung

07.08.2017 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • © sirtravelalot/Shutterstock

Dass Karlheinz Goetsch für seinen Projektunterricht lebt, erkennt jeder, der ein paar Minuten mit ihm über seinen Beruf spricht. Er gerät ins Schwärmen, erinnert sich, wie Schüler freiwillig bis spät abends die Ergebnisse ihrer selbst durchgeführten Umfrage auswerten. Wie sie am Ende des Mathematikunterrichts fragen: „Warum muss es denn jetzt schon klingeln? Wir sind doch noch längst nicht fertig.“ Diese Schülerreaktionen machen Goetsch stolz.

Auf einen Blick

  • Finnland plant, fächerübergreifenden Projektunterricht verpflichtend an Schulen einzuführen.
  • An der Max-Brauer-Schule in Hamburg gibt es bereits seit 2005 keinen Regelunterricht mehr, die Schüler lernen in „Lernbüros“ und ­Projekten.
  • Für einen gelingenden Projektunterricht muss die richtige Balance zwischen Fremd- und Selbststeuerung der Schüler gefunden werden.

Goetsch war 25 Jahre lang Mathematik- und Physiklehrer an der Max-Brauer-Schule, einer Gesamtschule in Hamburg. Heute ist er als Vorsitzender des Vereins Projektdidaktik in Deutschland unterwegs. Er stellt Lehrkräften sein Unterrichtskonzept vor: Lernen mit Projekten. Er führte zusammen mit seinem Kollegium fächerübergreifenden Projektunterricht an seiner ehemaligen Schule ein – dafür bekam die Gesamtschule 2006 den Deutschen Schulpreis. „Jedes Jahr muss die Schule bis zu 90 Kinder wegschicken, weil wir zu viele Anmeldungen haben“, sagt er.

Die Max-Brauer-Schule verzichtet komplett auf Frontalunterricht. In der Primarstufe und Mittelstufe gibt es keine Schulfächer mehr, die Schüler teilen sich selbst ihren Lernstoff ein. In den sogenannten Lernbüros entscheiden sie selbst, wie lange sie an Deutsch-, Mathematik- und Englisch­aufgaben arbeiten wollen. Sie setzen sich an einen Arbeitsplatz, irgendwo in der Schule – allein, zu zweit oder in einer Gruppe. Die Lehrkräfte unterstützen und beraten sie. Auch während der Projekt- und Werkstattarbeit erwerben die Schüler ihr Wissen selbstorganisiert. Wie damals im Unterricht von Goetsch. „Einmal ging es um Statistik, also Umfragen erheben“, erzählt er, „die Schüler wählten, nachdem sie sich in Arbeitsgruppen zusammengeschlossen hatten, selbst ihre Themen aus“. Sie befragten Passanten in der Stadt, beispielsweise zu ihren Lieblingsliedern und Freizeitbeschäftigungen, erforschten ihr Grußverhalten. Sie sammelten die Daten und werteten sie danach aus. In Abschlusspräsentationen zeigten sie ihre Ergebnisse. „Es ist ein Unterschied, ob ein Lehrer kurz vor den großen Ferien schnell ein Projekt in einer Woche durchführt, oder der ganze Unterricht danach ausgerichtet ist“, sagt Goetsch.

Dr. Anne Bender, die ihre Doktorarbeit über „Progressive Projektarbeit“ schrieb, spricht sich dafür aus, Projektunterricht in den Lehrplänen fest zu verankern. Die Voraussetzung dafür sei, dass die Projekte richtig durchgeführt werden. Das sei nicht oft der Fall. Ein Beispiel: Bei einer Theateraufführung am Ende des Schuljahres entscheidet die Lehrkraft, welches Stück aufgeführt wird und verteilt die Rollen. „Schon hier sind die Schüler nicht eingebunden in den Auswahlprozess. Somit handelt es sich hier um kein Projekt“, erklärt Bender. Doch was ist ein richtiges Projekt? Wichtig ist vor allem, dass die Schüler von der Themenfindung bis zur Evaluation miteingebunden werden. Idealerweise ist es in sieben Phasen unterteilt (siehe Kasten). „Die Schüler brauchen dafür genügend Zeit. Die Arbeit sollte auf mindestens 20 Unterrichtsstunden festgelegt sein“, sagt Goetsch.

Auch Schulexperten in Finnland haben das Potential von Projektunterricht erkannt. Sie wollen ihn bis 2020 verpflichtend einführen. „Ich denke, dass das auch in Deutschland funktionieren kann. Was wir dafür brauchen, sind motivierte Lehrkräfte und eine Schulleitung, die hinter dem Konzept steht“, sagt Goetsch. Der Projektunterricht sollte im Schulprofil fest verankert sein. Das Kollegium sollte gemeinsame Vereinbarungen über den Stellenwert des Projektunterrichts und verbindliche Qualitätskriterien erarbeiten. Wenn das gelingt, ist Goetsch überzeugt, lernen die Schüler nicht nur besser, sondern auch motivierter. Und die Pisa- und Abiturergebnisse der Max-Brauer-Schule geben ihm Recht. Die Schule hat dabei überdurchschnittlich gut abgeschnitten.

Mehr auf: www.projektdidaktik.de

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2017, S. 58-60, www.didacta-magazin.de


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