Rigoros betriebene Auslese schadet Kindern

"Die schulische Karriere darf nicht über die Bedürfnisse von Kindern gestellt werden. Alle Kinder haben ein Recht auf die Zeit, die sie für erfolgreiches Lernen und den Erwerb vielseitiger Kompetenzen brauchen." Anlässlich des bevorstehenden Weltkindertages am Samstag forderte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Klaus Wenzel, mehr Zeit für individuelle Förderung und persönliche Zuwendung in der Schule. "Unsere Schulen müssen für alle Kinder Lern- und Lebensraum sein. Der Bildungsauftrag muss im Mittelpunkt stehen und darf nicht ständig vom Sortierauftrag verdrängt werden. Verantwortungsvolle Schul- und Bildungspolitik muss die Bedürfnisse der Kinder ernst nehmen und entsprechend auf sie eingehen. Die Fixierung auf Noten und die zu früh einsetzende Auslese von Kindern erschwert diesen Prozess jedoch." Die rigoros betriebene Auslesediagnostik bezeichnete Wenzel als "anachronistisch, pädagogisch kontraproduktiv und schädlich." Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich Rahmenbedingungen, die kindgerechtes Lernen fördern.

18.09.2008 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Der Erwartungsdruck, der an Kinder gestellt wird, ist immens. Viele Schüler werden frühzeitig auf eine fragwürdige Bildungskarriere getrimmt. "Sie wird oft wichtiger genommen als ihre berechtigen Bedürfnisse", erklärte Wenzel. Ständig überforderte junge Menschen sind stark belastet, viele Kinder werden davon krank. Jede Grundschullehrerin und jeder Grundschullehrer kennt die Verzweiflung Zehnjähriger, wenn gewachsene Bindungen zerstört werden, weil Kinder aus ihrer gewohnten Lernumgebung gerissen werden. In vielen Fällen belastet der Übertrittsdruck auch das Familienleben. Der Auslesedruck hört nach der Grundschule nicht auf: Er begleitet viele Heranwachsende die gesamte Schulzeit. Die Noten dienen weniger einer klaren Leistungsrückmeldung sondern werden vor allem als Legitimation dafür verwendet, ob ein Kind bleiben darf oder aussortiert wird.

Wenzel forderte erneut eine deutlich längere gemeinsame Lern- und Förderzeit für alle Kinder sowie einen neuen Leistungsbegriff. "Es genügt nicht, dass Kinder Punkte und Noten sammeln, sie müssen vor allem wichtige Qualifikationen und vielseitige Kompetenzen erwerben. Dabei muss es selbstverständlich sein, dass alle Schülerinnen und Schüler, die Hilfe brauchen, diese auch bekommen - und zwar in der Schule. Das ohnehin schmale Einkommen vieler Familien darf nicht zusätzlich durch teuere Nachhilfe belastet, Mütter nicht zu Nachhilfelehrer der Nation umfunktioniert werden", stellte Wenzel klar.

"Es ist unerträglich, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schlechter gestellten Familien zusätzlich benachteiligt werden, weil die Nachhilfe nicht bezahlt werden kann. Die Schere zwischen sozialer Benachteiligung und Schulerfolg zu schließen, muss die zentrale Aufgabe bayerischer Landespolitik sein."

Durch den Wandel in der Familie sind viele Kinder ohnehin schon extremen Belastungen ausgesetzt. Der Anteil der minderjährigen Kinder, die bei einem allein erziehenden Elternteil oder in Lebensgemeinschaften aufwachsen, ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. "Viele müssen Trennungen ihrer Eltern und schwierige Lebensbedingungen allein bewältigen, das führt oftmals zur Überforderung junger Menschen", erklärte der BLLV-Präsident.

Vom Weltkindertag erwartet sich Wenzel "wertvolle Impulse, die den Kindern Mut machen und positive Perspektiven eröffnen."


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