Bildungsrepublik

Scheitert das Modellprojekt der Schule Berg Fidel am fehlenden politischen Willen?

(Brigitte Schumann) Die [Grundschule Berg Fidel](http://www.ggs-bergfidel.de/) in Münster hat sich durch den gleichnamigen Dokumentarfilm von Hella Wenders inzwischen in ganz Deutschland als Vorreiterschule für Inklusion und gute Pädagogik einen Namen gemacht. Diese kleine Grundschule im Brennpunkt Berg Fidel hat bei vielen Menschen den Wunsch nach einer durchgängigen Schule für alle ohne Beschämung, Kategorisierung, Sortierung und Trennung geweckt bzw. verstärkt. Eigentlich müsste das kein frommer Wunsch in Münster bleiben.

08.05.2013 Artikel
  • © Grundschule Berg Fidel

Berg Fidel hat nämlich ein Konzept für eine Schule von 1-13 entwickelt und sich damit für die Teilnahme am Modellversuch PRIMUS beworben, den das Land ausgeschrieben hat und der vom Schulträger beantragt werden muss. Dieser Versuch sieht die Erprobung von gemeinsamem Lernen von Kl. 1-10 vor, dem sich entweder eine eigene Oberstufe oder eine Kooperation mit einer bestehenden Oberstufe anschließt. Nachdem die Kommune sich auf das Schulkonzept 1-10/13 eingelassen und dazu eine Elternbefragung durchgeführt hat, droht das Projekt in letzter Minute zu scheitern.

Wo hakt es?

Spätestens seit der stadtweiten Elternbefragung ist klar, dass die Nachfrage nach einer Modellschule von Klasse 1 bis 10 in Münster für die Errichtung einer zweizügigen Schule reicht. Das Schulministerium geht in seinen Eckpunkten für das Modellvorhaben jedoch von der Vorgabe der Dreizügigkeit aus. Auch die Standortfrage ist seitens des Schulträgers nicht im Sinne der ministeriellen Vorgaben zu erfüllen. Zwar sind grundsätzlich auch Konzeptionen mit zwei Standorten genehmigungsfähig, dabei sollen aber die Klassen 4 und 5 nicht voneinander getrennt werden. Eine Erfüllung dieser Vorgabe wäre nur mit einer Neubaumaßnahme möglich. Eine solche hat der Rat der Stadt aber mit Blick auf die angespannte Haushaltslage kategorisch abgelehnt.

Angesichts der bestehenden Differenzen zwischen den kommunalen Möglichkeiten und den ministeriellen Vorgaben hat die zuständige Schuldezernentin der Stadt Münster, Dr. Andrea Hanke, sich am 18.4. zu einem Brief an die Schulministerin veranlasst gesehen, um "vor einer Befassung der Ratsgremien zur Frage der Beantragung einer Teilnahme am Schulversuch Klarheit zur Haltung des Ministeriums in diesen grundlegenden Fragen zu gewinnen". Sie führt an, dass ein Ratsbeschluss zur Teilnahme nur angestrebt und erreicht werden kann, "wenn zumindest in den grundsätzlichen Fragen Übereinstimmung zwischen dem Schulkonzept und den Anforderungen des Schulversuchs besteht".

Ob dann alle Fraktion im Stadtrat tatsächlich zustimmen, ist noch nicht sicher. Möglicherweise befürchten manche die Kosten der Inklusion für den städtischen Haushalt. Immerhin deutet Hankes Brief an, dass neben den beiden genannten Eckpunkten des PRIMUS-Modells noch ein weiterer Punkt für die Projektentwicklung und vor dem eigentlichen Anmeldeverfahren zu klären sei. Es sei nicht auszuschließen, "dass Anmeldungen an dieser Modellschule in deutlich höherer Zahl von Eltern mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf aller Förderschwerpunkte überlegt werden". Das Eckpunktepapier des Ministeriums mache aber zur Zusammensetzung der Schülerschaft und zur personellen Ausstattung und Finanzierung keine Aussagen.

Hankes Bitte um eine "möglichst kurzfristige Beantwortung" zur Vorbereitung der Ratssitzung am 12. Juni ist das Ministerium bis heute nicht nachgekommen.

Das Konzept erfüllt hohe pädagogische Qualitätsansprüche.

Mit fehlender Qualität des Konzeptes kann das Schweigen des Ministeriums nicht begründet werden. Schließlich hat auch ein mehrtägiger Kongress im November 2012, der sich aus Wissenschaftlern und Schulpraktikern zusammensetzte, die konzeptionellen Bausteine in Workshops diskutiert. Die Kongressteilnehmer/innen haben sich in einer Abschlusserklärung dezidiert für die Umsetzung des Schulkonzeptes ausgesprochen. Nicht zuletzt hat die Grüne Landtagsfraktion in einer Veranstaltung im Düsseldorfer Landtag die Arbeit von Berg Fidel als beispielhaft für gelungene inklusive Schulpraxis herausgehoben und dazu den Film gezeigt. Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, die Deutsche UNESCO-Kommission, die Sinn-Stiftung und die Bertelsmann Stiftung haben gemeinsam der Schule einen Anerkennungspreis verliehen und ihr gedankt "für ihren herausragenden Beitrag zur Bewusstseinsbildung für inklusive Bildung". Außerdem begrüßen sie die Absicht von Berg Fidel zu einer "Schule für Alle" von der ersten bis zur dreizehnten Klasse zu werden.

Münsteraner Elterninitiative und Grüne Ratsfraktion unterstützen das Schulkonzept

Die grüne Fraktion im Rat der Stadt Münster hat schon im Vorfeld der Elternbefragung den Versuch gemacht, die grüne Ministerin auf die Problematik anzusprechen, aber auch sie hat weder eine Auskunft noch eine Einladung zu einem Gesprächstermin bekommen. Die Elterninitiative, die für dieses Schulkonzept massiv öffentlich geworben hat und weiterhin wirbt, ist bitter enttäuscht von der Politik des Ministeriums. Sie kritisiert das Festhalten des Ministeriums an starren bürokratischen Vorgaben. "Primus droht in Düsseldorf zu scheitern und nicht in Münster oder anderen Städten", so Dr. Eva Dammann für die Initiative. Schließlich habe die rot-grüne Landesregierung die Leitidee des längeren gemeinsamen Lernens zur Verwirklichung von mehr Bildungsgerechtigkeit zu ihrem Programm erhoben. Dann müsse auch eine Modifikation der Vorgaben an die örtlichen Verhältnisse möglich sein.

Sollte Berg Fidel wirklich am MSW scheitern können? Es ist kaum zu glauben. Ein Schulmodell, das das ehrgeizige Ziel verfolgt, für alle Schüler mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Schulabschlüsse zu erreichen, wie der Schulleiter der Grundschule Berg Fidel, Dr. Reinhard Stähling, zu bedenken gibt.

Wer scheitert hier, wenn diese Schule 1-13 nicht an den Start gehen würde? Berg Fidel ist ein bundesweites Symbol für eine inklusive Schule geworden, in der grundsätzlich alle Schülerinnen und Schüler willkommen sind und zu erstaunlichen Schulerfolgen geführt werden. Besucher aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland haben hier hospitiert und im Austausch mit Pädagogen, Kindern und Eltern Mut für den eigenen Weg zur inklusiven Schule mitgenommen. Vom Umgang mit dieser Schule hängt die Glaubwürdigkeit des Schulministeriums über die Landesgrenzen von NRW hinaus ab.

Zur Person

Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


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