Schul- und Unterrichtsentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern

Bildungsminister Prof. Dr. Dr. med. Hans-Robert Metelmann stellt auf der Landespressekonferenz das pädagogische Konzept zum längeren gemeinsamen Lernen vor.

11.05.2005 Mecklenburg-Vorpommern Pressemeldung Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern

Warum längeres gemeinsames Lernen?

In den internationalen Vergleichsstudien haben die deutschen Schülerinnen und Schüler die größte Leistungsstreuung gezeigt. Zum einen soll durch das längere gemeinsame Lernen die Differenz zwischen den schlechtesten und den besten Schülerinnen und Schülern verringert und das Leistungsniveau insgesamt gehoben werden. Zum anderen wird ein solches Anregungsmilieu für schwächere Schülerinnen und Schüler geschaffen, dass sie Ansporn und Unterstützung erfahren, und für stärkere Schülerinnen und Schüler, dass sie in ihrer Unterstützungs-, Selbstständigkeits- und Leistungskompetenz gefördert werden.

Zudem werden Prognosen darüber, für welche Schulart sich ein Kind besonders eignet, mit fortschreitender Entwicklung verlässlicher. Damit erhöht das längere gemeinsame Lernen die Bildungschancen der Schüler, so dass sie sich urteilsfähiger in die für sie wichtige Schullaufbahnentscheidung einbringen können.

Das Lernen in heterogenen Gruppen ist besonders geeignet, um alle Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen in der Wissensgesellschaft vorzubereiten. Neben Wissen muss auch die Kompetenz vermittelt werden, selbstständig, selbst organisiert und gemeinsam mit anderen, in anderer Weise begabten Schülerinnen und Schülern zu lernen.

Neben der pädagogischen Notwendigkeit zwingt uns die demographische Entwicklung in unserem Land zu einer Konzentration der Schulstandorte. Nur so kann auch in Zukunft die Qualität von Schule und Unterricht garantiert werden, nur so wird es in unserem Bundesland für jedes Kind in der Nähe seines Wohnortes eine Schule geben, in der es entsprechend seinen Fähigkeiten umfangreich gefordert und gefördert werden kann.

Was ändert sich für die Lehrerinnen und Lehrer?

Für das längere gemeinsame Lernen werden die in der Jahrgangsstufe unterrichtenden Lehrkräfte als Team verantwortlich sein. Damit sind die Lehrkräfte nicht mehr ausschließlich für die Erfolge im eigenen Unterricht, sondern gemeinsam für die Gesamtentwicklung des einzelnen Schülers oder der einzelnen Schülerin verantwortlich. Um für die Schülerinnen und Schüler eine begrenzte und feste Anzahl von Ansprechpartnern zu garantieren, sollen möglichst wenige Lehrerinnen und Lehrer so viel wie möglich Unterrichtsfächer in den Klassenstufen 5 und 6 abdecken.

Welche Lehrformen kommen zur Anwendung?

Gemeinsames Lernen erfordert erweiterte Formen des Lehrens. Nur so können die Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer unterschiedlichen Begabungen gefordert und gefördert werden. Aus diesem Grund werden verstärkt Lehrformen zur Anwendung kommen, die das selbstständige Arbeiten und damit die Eigenverantwortung stärken, zum Beispiel das Lehren in wechselnden Arbeits- und Sozialformen: Klassenverband, Gruppe, Team bis hin zur individuellen Betreuung.

Wie verändern sich Unterrichtsinhalte?

Alle Schülerinnen und Schüler werden in den Klassenstufen 5 und 6 nach den seit 2001 gültigen Rahmenplänen der Orientierungsstufe unterrichtet. Die Unterrichtsinhalte bleiben damit gleich, es ändert sich jedoch die Art und Weise der Wissensvermittlung. Dem Projekt- und fächerübergreifenden Unterricht wird verstärkte Bedeutung zugemessen.

Wie erfolgt die individuelle Förderung ?

Durch veränderte Lehrformen und zusätzliche Förderstunden wird jedes Kind entsprechend seinen Begabungen gefordert und gefördert. Eine Förderung besonders begabter Kinder sorgt dafür, dass diese sich persönlich angemessen entfalten können. Sie erhalten schwierigere und komplexe, auf ihr Begabungsprofil abgestimmte Aufgaben. Diese lösen sie besonders selbstständig und zielorientiert. Lernschwachen Kindern werden durch spezielle Angebote Ziele gesetzt, an denen sie sich beweisen und an denen sie wachsen können. So entwickeln sie das nötige Selbstvertrauen als Voraussetzung für weitere Lernerfolge.

Über die Verwendung der bereitgestellten Förderstunden entscheidet die Schule. Pro Klassenstufe und Klasse sind vier Wochenstunden Förderunterricht vorgesehen. Für Schülerinnen und Schüler, die im Laufe des Schuljahres deutliche Leistungsrückstände aufweisen und deren Versetzung deshalb gefährdet ist, werden - nach Absprachen mit den Eltern und den betreffenden Schülerinnen und Schülern - individuelle Förderpläne aufgestellt.

Entsprechend der individuellen Möglichkeiten der einzelnen Schule werden Unterrichtsinhalte durch Angebote im Rahmen der Ganztagsbetreuung ergänzt oder erweitert.

Was ändert sich für jede einzelne Schule?

Längeres gemeinsames Lernen bedingt, dass Schulen mehr Entscheidungs- und Gestaltungsfreiraum erhalten, Verantwortung übernehmen und selbstständiger werden. Die Stunden-, Tages-, Wochen-, Monats- und Jahresplanung erfolgt deshalb eigenverantwortlich.

Lernende und Lehrende sollen sich am Lernort Schule wohl fühlen. Dieses Wohlbefinden wird wesentlich durch das Schulklima bestimmt. Deshalb erhält zukünftig das Schulprogramm eine größere Bedeutung als bisher. Alle Schulen sind verpflichtet ein solches Programm zu erarbeiten. Neben spezifischen pädagogischen Zielen legen hier alle an Schule Beteiligten (Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern und Erziehungsberechtigte) die Regeln für ein geordnetes und persönlichkeitsbildendes schulisches Miteinander fest.

Durch welche Maßnahmen unterstützt und kontrolliert das Bildungsministerium die Umsetzung des pädagogischen Konzepts?

Unser Ziel ist die Verbesserung der Unterrichtsqualität. Daher ist ein Qualitätsmanagement dringend notwendig. Das Qualitätsmanagement erfolgt über verschiedene Formen der Evaluation.

Über die interne Evaluation überprüfen die Schulen selber, ob und wie sie ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag auf der Grundlage des Schulprogrammes erfüllen. Das fördert eine schulinterne Diskussion über Leistungsanforderungen, Unterrichtsmethoden, Ziele und Zielerreichung.

Daneben ist auch eine Betrachtung von außen notwendig. Die externe Evaluation erfolgt durch ein Team, welches mehrtägige Schulbesuche durchführt. Diese Teams setzen sich aus Vertretern des L.I.S.A., der Schulaufsicht, gegebenenfalls einem Schulleiter einer vergleichbaren Schule in der Region und Fachberatern zusammen. Das Ergebnis der Evaluation wird der Schulkonferenz in Form eines Berichtes vorgelegt, der die Grundlage für die weitere Arbeit bildet. Der Prozess der Evaluation wird vom L.I.S.A. organisiert und geschäftsführend verwaltet. Der dafür notwendige Umgestaltungsprozess wird zum Beginn des neuen Schuljahres abgeschlossen sein, das verantwortliche Dezernat für Qualitätsentwicklung des L.I.S.A. wird seine Arbeit aufnehmen.

Durch die Teilnahme der Schulen des Landes an Schulleistungsuntersuchungen stellt sich das Schulsystem nationalen und internationalen Vergleichen. Mecklenburg-Vorpommern nimmt daher an Schulleistungsuntersuchungen wie zum Beispiel PISA (Zielgruppe: 15-jährige) und VERA (Schülerinnen und Schüler aus dem 4. Jahrgang der Grundschulen) teil. Damit kann die Entwicklung und der Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler festgestellt werden. Eine zentrale Vergleichsarbeit zum Ende der Klassenstufe 6 belegt den Entwicklungsprozess des einzelnen Schülers und ermöglicht gleichzeitig den Vergleich der Schulen unseres Landes.

Das Bildungsministerium unterstützt die Einführung des längeren gemeinsamen Lernens durch eine verstärkte und zielgerichtete Fortbildung der einzelnen Lehrkräfte und der Schulleitungen. Dafür sind für das Schuljahr 2005/06 zusätzliche Mittel in Höhe von 200.000 Euro vorgesehen. Die Fortbildung beginnt im Schuljahr 2005/2006 mit den Lehrkräften, die im Schuljahr 2006/2007 eine 5. Klasse übernehmen und den Schulleitern. Schwerpunkte der Lehrerfortbildung für die Klassen 5 und 6 sind dabei zum Beispiel Übungen für die Arbeit mit und das Fördern von Gruppenprozessen, Diagnosefähigkeit verbessern, Erfassen der Lernausgangslage, Unterrichtsdidaktische Fragestellungen reflektieren, Didaktische Modelle und ihre Umsetzungsmöglichkeiten in der Praxis prüfen oder Unterrichtsmethoden der Binnendifferenzierung mit Blick auf die individuelle Förderung entwickeln.

Das längere gemeinsame Lernen soll zum Schuljahr 2006/07 beginnend mit der Klassenstufe 5 eingeführt werden. Der so entstehende Mehrbedarf an Lehrkräften wird durch das Bildungsministerium abgesichert: Bis zum Schuljahr 2009/10 werden dafür 230 Stellen zur Verfügung gestellt.

Im Schuljahr 2006/07 erhalten alle Klassen der Jahrgangsstufe 5 4 Teilungs- und Förderstunden. Ab dem Schuljahr 2007/08 sind für alle Klassen der Jahrgangsstufe 5 und 6 4 Teilungs- und Förderstunden vorgesehen.

Wie wirkt sich der längere gemeinsame Unterricht auf die bundesweite Anerkennung des Abiturs aus?

Das in Mecklenburg-Vorpommern abgelegte Abitur entspricht auch zukünftig den gültigen Richtlinien der Kultusministerkonferenz (KMK). Für die gegenseitige Anerkennung der Bildungsgänge und Abschlüsse, einschließlich des Abiturs, ist die Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe - Beschluss der KMK vom 07.07.1972 in der Fortschreibung vom 16.6.2000, Anlagen nach dem Stand der Fortschreibung vom 23.04.2004 - gültig.

Die Vereinbarung stellt fest, dass die Dauer der Schulzeit bis zur Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife nach dem Hamburger Abkommen 13 Jahre beträgt. Gleichzeitig wird festgelegt, dass das Abitur nach 12 Jahren unter der Voraussetzung anerkannt wird, wenn ein Gesamtvolumen von mindestens 265 Wochenstunden für die Sekundarstufe I und für die gymnasiale Oberstufe nachgewiesen wird. "Dabei ist den einschlägigen Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz in quantitativer und qualitativer Hinsicht zu entsprechen." Als "einschlägige Vereinbarung" der KMK, die mit Einführung des längeren gemeinsamen Lernens in den Jahrgangsstufen 5 und 6 für die Anerkennung des Abiturs maßgeblich ist, gilt die "Vereinbarung über die Schularten und Bildungsgänge im Sekundarbereich I", Beschluss der KMK vom 03.12.1993 in der Fortschreibung vom 27.09.1996. Für die Gestaltung der Jahrgangsstufen 5 und 6 ist in dieser Vereinbarung festgelegt:

"Die Jahrgangsstufen 5 und 6 bilden unabhängig von ihrer organisatorischen Zuordnung eine Phase besonderer Förderung, Beobachtung und Orientierung über den weiteren Bildungsgang mit seinen fachlichen Schwerpunkten. Wesentliche Merkmale für die Gestaltung der Jahrgangsstufen 5 und 6 sind

  • ein gemeinsames grundlegendes Bildungsangebot mit einem verpflichtenden Kernbereich von Fächern,

 

  • differenzierte Anforderungen mit dem Ziel, in bestmöglicher Weise die individuelle Leistungsfähigkeit zu fördern und zu entwickeln,

 

  • Maßnahmen zum Ausgleich unterschiedlicher - auch sozial bedingter - Lernvoraussetzungen,

 

  • die Beobachtung der individuellen Leistungsfähigkeit und der Lernfortschritte, auch im Hinblick auf die Anforderungen in den nachfolgenden Bildungsgängen und Jahrgangsstufen."

Mit dem Übergang zum Abitur nach 12 Jahren wurden die Rahmenpläne, beginnend mit der Klassenstufe 5, überarbeitet. Dabei wurden für die Jahrgangsstufen 5 und 6 schulartunabhängige Rahmenpläne erstellt. Die Anforderungen der KMK für ein bundesweit anerkanntes Abitur wurden bereits zu diesem Zeitpunkt berücksichtigt. Mecklenburg-Vorpommern ist seit 2001 dabei, das geforderte Gesamtstundenvolumen von 265 Jahreswochenstunden, beginnend mit der Jahrgangsstufe 5, zu realisieren.

Damit erfüllt Mecklenburg- Vorpommern auch in Zukunft die Bedingungen zur bundesweiten Anerkennung des Abiturs.


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