Nordrhein-Westfalen

Schulversuch ohne innovative Grundschulen

(red) Nordrhein-Westfalen startet zum Schuljahr 2013/14 einen neuen Schulversuch zum längeren gemeinsamen Lernen: PRIMUS. Doch drei Grundschulen mit ambitionierten pädagogischen Konzepten werden nicht mit an den Start gehen.

31.08.2012 Artikel
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(Brigitte Schumann) PRIMUS sieht vor, dass an insgesamt 15 Standorten in NRW mit wissenschaftlicher Begleitung erprobt werden soll, ob durch den Zusammenschluss von Grundschulen mit Schulen der Sekundarstufe zu Schulen von 1-10 die Chancengerechtigkeit verbessert, bessere Schulabschlüsse erzielt und ein wohnortnahes Schulangebot erhalten werden kann. Das Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW) hat die Teilnehmerzahl der Schulen, die zum Schuljahr 2013/14 starten können, auf sieben beschränkt. Weitere Bewerbungen für acht Schulen sind für das Schuljahr 2014/15 vorgesehen.

Originär pädagogisch begründete Bewerbungen fehlen

Im Vorfeld der Antragstellungen war schon deutlich geworden, dass es drei Grundschulen mit ambitionierten pädagogischen Konzepten in NRW gibt, die anstelle einer Fusion mit bestehenden weiterführenden Schulen sich bis Klasse 10 bzw. bis 13 erweitern wollen. Diese drei Grundschulen - eine aus Herzogenrath, zwei aus Münster - werden alle nicht in der ersten Runde an den Start gehen können. Anträge der kommunalen Schulträger werden aus unterschiedlichen Gründen bis zum 15. 9., dem spätesten Abgabetermin für die Bewerbung, nicht vorliegen.

Dies ist besonders bedauerlich, da diese Grundschulen aus eigener Kraft und mit langjähriger reformpädagogischer Erfahrung Konzepte für eine Schule von 1-10 bzw. 1-13 entwickelt haben und nun auf Umsetzung drängen. Bei anderen Bewerbungen geht der Impuls eher von schulorganisatorischen Überlegungen der Schulträger aus und die beteiligten Schulen müssen mit externer Unterstützung pädagogische Konzepte "nachliefern".

In Herzogenrath fehlt es der Gemeinschaftsgrundschule Pannesheide an den notwendigen Räumen. Die Stadt unterstützt zwar das Konzept, sieht sich jedoch nicht in der Lage, den Raumbedarf zu finanzieren. Noch ist die Hoffnung der Grundschule nicht ganz gestorben. Man versucht, Sponsoren zu gewinnen, um in der zweiten Runde dabei sein zu können. Auch die beiden Münsteraner Schulen, die evangelische Wartburgschule und die Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel, haben zusätzlichen Raumbedarf. Während die Wartburgschule sich aber nicht an ihrem Standort ausdehnen kann und erst ein Grundstück dafür erworben werden müsste, hat Berg Fidel dieses Problem nicht. Mitten in der Sommerpause ließ die Münsteraner Schuldezernentin beide Schulleitungen und alle Ratsfraktionen in einem Anschreiben wissen, dass es noch einen umfangreichen Klärungsbedarf gebe, der im Rahmen der Schulentwicklungsplanung aufbereitet werden müsse. Der enge Zeitplan des MSW für eine Teilnahme zum nächsten Schuljahr sei daher nicht einzuhalten. Erst nach abgeschlossener Prüfung sei zu entscheiden, ob die Stadt sich an dem Schulversuch zum späteren Zeitpunkt beteiligen werde.

Fehlendes Interesse der Münsteraner Schulverwaltung?

Was auf den ersten Blick nachvollziehbar klingt und sich als seriöses Verwaltungshandeln ausgibt, bekommt bei näherem Hinsehen einen durchaus zweifelhaften Beigeschmack. Schon im Februar diesen Jahres hatte die Ratsfraktion der Grünen der Verwaltung einen Prüfauftrag erteilt, um die Teilnahme von Berg Fidel am Schulversuch ausloten und vorbereiten zu lassen. In Vorgesprächen mit dem Ministerium, an dem auch Vertreter des Schulträgers teilgenommen hatten, waren die Vorgaben des Landes für die Beteiligung am Schulversuch ebenfalls schon im Februar weitgehend abgeklärt worden. Bis zur Sommerpause aber wurden keine konkreten Schritte seitens der Verwaltung unternommen, um einer Entscheidung näher zu kommen. Nicht einmal eine Prüfung des Raumbedarfs hat bislang stattgefunden.

Dagegen ist es z. B. der Stadt Gütersloh gelungen, den Zeitplan des MSW sehr wohl einzuhalten. Vorbehaltlich der gerade in der Auswertung befindlichen Elternbefragung, mit der der Bedarf nach der neuen Schule nachgewiesen werden muss, wird sich Gütersloh zum nächsten Schuljahr an PRIMUS beteiligen und eine Grundschule mit einer Haupt- und Realschule zusammenführen.

Berg Fidel macht bundesweit Furore, …

… aber in der eigenen Kommune fehlt der Schule bislang die gebührende Resonanz und Unterstützung für ihr Vorhaben. Der mit drei Filmpreisen ausgezeichnete Dokumentarfilm "Berg Fidel – Eine Schule für Alle" von der Regisseurin Hella Wenders läuft ab dem 13. 9. bundesweit in unseren Kinos. Wenders hat Kinder der Grundschule Berg Fidel drei Jahre lang begleitet und zeigt uns, wie sie in einer inklusiven Lernumgebung ihren Schulalltag erleben, in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert und angenommen werden und individuelle Lernfortschritte machen.

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Die Intention der Schule, die Prinzipen der Inklusion, der Altersmischung, des offenen Lernens und der Teamarbeit zur Verbesserung der Bildungs- und Teilhabechancen für die zumeist sozial benachteiligten Kinder des Stadtteils auch über Klasse 4 hinaus in der Sekundarstufe fortzuführen und weiterzuentwickeln, passt hervorragend zu dem Schulversuch des MSW und zum zweitgrößten Standort für Lehrerbildung in NRW. Es kann also nicht im Interesse des Schul- bzw. des Wissenschaftsministeriums sein, dass Berg Fidel an der Schulverwaltung in Münster womöglich scheitert.

Die Schule wird im November einen Kongress unter Beteiligung zahlreicher renommierter Wissenschaftler/innen und reformorientierter Schulpraktiker/innen durchführen. Sie will damit nachdrücklich dokumentieren, dass ihr pädagogisches Konzept einer durchgängigen Schule für alle praxistauglich ist und bildungspolitisch jede Unterstützung verdient.

Zur Person

Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


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