Gesundheit

Sitzen ist das neue Rauchen

Kinder und Jugendliche bewegen sich immer weniger. Dabei hat Bewegung nicht nur einen Einfluss auf die körperliche Gesundheit. Sie fördert auch erfolgreiches Lernen. Aber wie lässt sie sich in den Unterricht einbinden und wie viel Bewegung ist gut?

28.01.2019 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Martin Stengel
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Aufstehen, frühstücken, dann in die Schule und: „Bitte setzen.“ So sieht der Alltag vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland aus. Laut einer Analyse der Universität Heidelberg sitzen 4- bis 20-Jährige unter der Woche rund 10,5 Stunden am Tag. Sie verbringen somit knapp 70 Prozent ihres Alltags sitzend. Dabei sollten sich Kinder und Jugendliche laut Weltgesundheitsorganisation täglich mindestens 60 Minuten bewegen. Die durch das Bundesministerium für Gesundheit geförderte „Nationale Empfehlung für Bewegung und Bewegungsförderung“ geht sogar von einem Minimum von 90 Minuten für die 6- bis 18-Jährigen aus.

Ein langer Weg zum Bewegungsziel

Nach der Empfehlung reicht es aus, wenn von den 90 Minuten eine Stunde durch leichte Alltagsaktivitäten wie Bewegungen im Haushalt, Stehen oder langsames Gehen ausgefüllt werden. 30 Minuten sollten junge Menschen mit leichtem bis anstrengendem Sport verbringen. Trotzdem sind die Heranwachsenden laut der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) von diesem Ziel weit entfernt.

Lediglich 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren sind pro Tag mindestens 60 Minuten körperlich aktiv; Tendenz sinkend. Nach Angaben der Deutschen Krankenversicherungen legt nur noch jeder zweite Schüler den Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Und laut einer Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks spielt nur jedes zweite Kind mehr als 2 Tage pro Woche draußen.

Die ehemalige Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe), Prof. Dr. Renate Zimmer, spricht von einer „Stilllegung des Körpers“: Fernsehen, Computerspiele und Handys erhöhen die Zeit, die Kinder und Jugendliche im Sitzen verbringen. Als Ausgleich sollten nach ihrer Ansicht sogar zwei Stunden moderate bis intensive Bewegung am Tag wie Ballspielen, Laufen oder Radfahren das Minimum sein.

© Prof. Dr. Renate Zimmer „Stilllegung des Körpers“: Sport- und Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer

Den Klassenraum für Bewegung öffnen

Im jungen Alter wirke sich der Bewegungsmangel besonders negativ aus, gibt die Forscherin zu bedenken: „Kinder können ihre Körperlichkeit nicht so entwickeln, wie es für Bewegungswesen wie den Menschen eigentlich ganz natürlich wäre: Fehlendes Körpergeschick und ein Mangel an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten sind nur einige der weitreichenden Folgen.“ Mangelnde Bewegung könne zu einem selbstverstärkenden Effekt werden, der sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt. Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Rückenprobleme könnten die Folge sein. Die Universität Washington kommt zu dem Ergebnis, dass Bewegungsmangel der fünftgrößte gesundheitliche Risikofaktor in Deutschland ist und damit direkt hinter dem Rauchen liegt.

Daher kommt für Renate Zimmer Bewegung im Schulalltag eine große Bedeutung zu. Bewegung habe zudem Auswirkungen auf den Lernerfolg: „Jede Aktivität führt zu einer Aktivierung der Nerventätigkeit im Gehirn, es bilden sich Synapsen aufgrund der Verknüpfung von Nervenzellen. Das ist eine Voraussetzung, um Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten.“ Bewegung führe auch zu einer höheren emotionalen Beteiligung. Schüler hätten mehr Spaß am Lernen, was die Lerneffektivität steigere.

© Antje Spannuth Lehrerin Antje Spannuth entwickelte ein bewegungsfreundliches Unterrichtskonzept.

Bewegung sollte jedoch nicht nur im Sportunterricht stattfinden, sondern auch in den übrigen Unterrichtsfächern, zum Beispiel durch Bewegungspausen, so Zimmer. Diese Pausen finden während des Unterrichts statt und tragen zur Rhythmisierung der Lernprozesse bei. Außerdem fördern sie laut Zimmer die Aufmerksamkeit. Von der Grundschule bis zur Pubertät liege die Aufmerksamkeitsspanne bei 20 bis 30 Minuten. Etwa nach der Hälfte der Schulstunde biete sich daher eine Bewegungspause an.

Lernen und Bewegung gehören zusammen

Um diesen Erkenntnissen Rechnung zu tragen, ist es das Ziel der Kultusministerkonferenz, Schulen bewegungsfreundlicher zu machen. In den verschiedenen Bundesländern heißen sie bewegte, bewegungsfreudige oder bewegungsfreundliche Schulen. Die Geschwister- Scholl-Realschule in Gütersloh ist so eine Schule. Sie verfügt nicht nur über eine förderliche Infrastruktur, wie Sportplatz, Leichtathletikanlage, Fußballfeld oder Lehrschwimmbecken, sondern vor allem auch über ein bewegungsfreundliches Unterrichtskonzept.

„Bewegungspausen, Lernen mit Bewegung, die Schaffung von Bewegungsmöglichkeiten in den regulären Pausen und viele Bewegungstage im Schuljahr gehören bei uns dazu“, erklärt Lehrerin Antje Spannuth, zuständig für Sport und Bewegung. Dabei sei die größte Herausforderung bei der Einführung gewesen, das gesamte Lehrerkollegium davon zu überzeugen, dass Lernen und Bewegung zusammengehören.

Körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland:

© BEGEGNUNG. Deutsche schulische Arbeit im Ausland Anteil der Kinder und Jugendlichen, die täglich mindestens 60 Minuten lang körperlich aktiv sind („WHO-Empfehlung erreicht“) nach Alter.

Viele Möglichkeiten auch ohne Ressourcen

Um die Akzeptanz zu erhöhen, habe sie Schüler, Eltern und Lehrer an der Entwicklung des Konzepts beteiligt. Es wurden immer mehr Bewegungsräume geschaffen: Ein Medienraum wurde zum Fitnesszimmer, ein breiter Gang zur Tischtennisfläche und ein Spieleraum zum Ort für Yoga und Entspannungsübungen.

Doch auch wenn kein Extraplatz zur Verfügung steht, kann Bewegung in den Schulalltag integriert werden. An der Geschwister-Scholl-Realschule hält sie in unterschiedlichen Formen in den Unterricht Einzug. Zu Beginn des Schuljahrs werden in der Jahrgangsstufe 5 sogenannte Bewegungsexperten ausgebildet. Die jungen Experten führen dann in den Bewegungspausen, von Lehrkräften unterstützt, mit der gesamten Klasse selbst erarbeitete Übungen durch.

Lernleistung gesteigert

Spannuth zufolge gibt es viele Möglichkeiten, das Lernen so zu gestalten, dass sich die Schüler dabei bewegen können, sei es nur der Weg in die Bibliothek oder nach draußen, um vor Ort zu arbeiten. Beispielsweise könnten sie in Biologie den Blutkreislauf mit Kreide auf den Pausenhof malen, anschließend hindurchlaufen und dabei die Namen der Blutgefäße lernen.

Bewegung in den gesamten Unterricht zu integrieren habe letztlich auch die Lernleistung der Schüler an der Geschwister-Scholl-Schule verbessert, wie Lernstandserhebungen zeigten. Für Spannuth ist Bewegung daher ein gutes Hilfsmittel für intensiveres Lernen. Sie empfiehlt interessierten Lehrkräften, alle Beteiligten einzubeziehen, mit kleinen Schritten zu beginnen und sich bei der Entwicklung eines eigenen Konzepts Zeit zu lassen. So wird der Weg bereits zum Ziel.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2018 veröffentlicht.


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