Gastbeitrag

„Top-down-regieren klappt nicht“

Fehlende Basiskompetenzen, marode Schulgebäude, mangelnde Chancengleichheit: Bildungspolitiker stehen vor vielen Herausforderungen. Anne Odendahl sprach mit Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft, über das deutsche Bildungssystem, dessen Verlierer und dessen Zukunft.

14.08.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Anne Odendahl
  • © Verband Bildungsmedien e.V./Matthias Heyde

Herr Prof. Tenorth, Sie empfahlen Bildungspolitikern jüngst in einem Vortrag, einfach mal ein Jahr lang nichts zu tun. Wie ist das gemeint?
Tenorth
: Das ist natürlich eine rhetorische Zuspitzung. Aber mein Vorschlag wäre tatsächlich, dass sich die Bildungspolitik einmal dazu durchringt, innezuhalten und sich selbstkritisch zu beobachten. Bei allem, was evaluiert wird – Lehrer, Schulversuche, Schulen – ist die Bildungspolitik selbst das einzige System, das nicht evaluiert wird. Auch sie sollte ein Jahr lang die eigenen Effekte studieren und zudem von außen nüchtern messen lassen.

Was sind für Sie die Grundlagen guter Bildungspolitik?
Ich würde mindestens drei Dimensionen erwarten. Zum ersten eine vernünftige Schulgesetzgebung, die Schulen, Kollegien, Eltern und Schülern das Recht einräumt, ein Schulprofil auszubilden und ihre Arbeit nach eigenen Interessen und Zielen zu koordinieren. Ein Schulgesetz müsste den Mut haben, diese Selbstständigkeit in der Abhängigkeit zuzugestehen. Das zweite ist eine auskömmliche, auch für die Handlungsfähigkeit der Einzelschule förderliche Finanzierung. Ein Beispiel: Berliner Schulen haben ungefähr 500 Euro für die Weiterbildung des Kollegiums pro Jahr – für alle fachdidaktischen, fachwissenschaftlichen, schulbezogenen und diagnostischen Themen. Da veralbert man die Schule. Die Politik sollte auch dafür sorgen, dass Schulen nicht wie verdreckte Armenhäuser aussehen. Drittens sollten Bildungspolitiker kompetente, selbstbewusste Lehrkräfte ermutigen, betreuen und systematisch qualifizieren. Lehrerbildung geschieht nicht allein an Universitäten, sondern auch im Referendariat und im neuen Kollegium. Das kostet Geld und Zeit und ist bei der aktuellen Lehrverpflichtung und hohen Belastung der Referendare nicht realisierbar. Um diese drei Dimensionen – Gesetzgebung, Finanzierung und Sicherung der professionellen Kompetenz – muss sich der Staat kümmern.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Heinz-Elmar Tenorth ist emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin. 1975 promovierte er im Fach Pädagogik an der Universität Würzburg. Danach wurde er Professor für Wissenschaftstheorie und Methodologie der Erziehungswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1991 bis 2011 war Heinz-Elmar Tenorth Lehrstuhlinhaber für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Sein Schwerpunkt ist die Historische Bildungsforschung. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards. Eine Expertise“ und „Reformpädagogik – Erbe und Tradition“.

Warum scheitern Bildungspolitiker daran, diese Dimensionen umsetzen?
Das Dumme ist, dass man mit Bildungspolitik zwar Wahlen verlieren, aber nicht gewinnen kann. Die meisten Bildungspolitiker wollen im Grunde intervenieren und gestalten. Sie verfolgen eine Strategie des Top-down-Regierens. Dann fallen ihnen die kuriosesten Dinge ein, wie Edmund Stoibers Idee, aus G9 G8 zu machen. Aber das klappt nicht.

Kritiker sagen, dass Bildungspolitik zu stark aus dem Bauch heraus gemacht wird, während die Empirie keine Beachtung findet. Stimmt das?
Sie erfolgt nicht aus dem Bauch heraus, sondern nach den Kriterien des politischen Systems. Ein Bildungspolitiker will wiedergewählt werden, kostengünstig arbeiten und sich nicht von außen belehren lassen, denn das wäre störend. PISA und andere Studien sind keine Untersuchungen zur Implementierung von Reformprozessen oder zur Verwirklichung der Qualitätsverwirklichung und -steigerung. PISA erstellt nur eine Defizitdiagnose, ohne zu sagen, wie es besser gehen kann. Das heißt: Die Beobachtung des Bildungssystems durch diese Outcome-orientierten Messungen ist eine wichtige systembezogene Information, aber sie erreicht das Klassenzimmer nicht.

Sie selbst kritisieren PISA als „Störungsnutzen“. Ist das der einzige Mehrwert?
Abgesehen davon, dass man die alte Bequemlichkeit aufgestört und dem deutschen Bildungssystem den Nimbus des besten Systems der Welt genommen hat, ist nicht viel passiert. Schule und Bildungswesen stehen jetzt unter Rechtfertigungszwang. Aber dieser bezieht sich nur auf die Dimensionen, die PISA misst. Also, wo in der Skala der OECD-Länder steht ihr? Ein Punkt, der mich umtreibt, ist die Risikogruppe männlicher Jugendlicher ohne Schulabschluss. Sie kümmert keinen mehr, weil der Mittelwert top ist. Die Anzahl der Schüler ohne Schulabschluss ist in den letzten zehn Jahren tatsächlich deutlich gesunken: von weit über 15 Prozent auf inzwischen um die 7 Prozent. Das sind Schüler, die jetzt offenbar ein Zeugnis bekommen, ohne Kompetenzen nachzuweisen. Einem solchen Zeugnis kann man nur durch den Tod entgehen, spotte ich gerne. Wir lösen das politische Problem, aber die Kompetenzvermittlung – die an sich das Ziel war und die man zertifizieren muss – spielt dabei überhaupt keine Rolle mehr. Die Lehrherren erhalten inzwischen Lehrlinge, die zwar ein Abschlusszeugnis, aber keine Ausbildungsreife haben, weil die Basiskompetenzen fehlen.

Der Übergang von der Schule in den Beruf gelingt häufig nicht so reibungslos wie gewünscht. Werden Schüler in Deutschland ausreichend auf das Berufsleben vorbereitet?
Ausbildungsreife haben sicherlich Abiturienten und die meisten Absolventen der Sekundarstufe I oder beruflicher Bildungsgänge wie der Fachoberschule. Aber die eben genannte Risikogruppe ist bestimmt nicht hinreichend ausbildungsreif. Was die kognitiven, mentalen und sozialen Voraussetzungen für die Ausbildung angeht, ist die Vorbereitung nicht hinreichend für alle.

Könnte eine bessere schulische Berufsorientierung helfen, diese Schüler gezielter auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorzubereiten?
Das ist nicht einfach zu sagen, weil es diese Gruppe der Risikojugendlichen und Nichtausbildungsreifen schon relativ lange im deutschen Bildungssystem gibt. Man beginnt nur allmählich, besondere Programme zu entwickeln. Viele dieser Jugendlichen gehen gar nicht mehr regelmäßig in die Schule. So elementare Voraussetzungen wie eine konstante Beschulung müssten erst gesichert werden.

Ein Blick in die Zukunft des deutschen Bildungssystems: Wie wird die Digitalisierung die Bildung verändern?
Digitalisierung ist in der beruflichen Bildung von großer Bedeutung und wird da auch für gravierende Veränderungen sorgen. In allgemeinbildenden Schulen bin ich, entgegen der allgemeinen Euphorie, eher skeptisch, weil ich noch nicht genau absehen kann, was Digitalisierung eigentlich verändert. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass sie den Erwerb von Sprachkompetenz grundsätzlich anders strukturiert. Man hat vielleicht bessere Übungsmöglichkeiten, aber Schreiben, Lesen oder mathematische Aufgaben durchzuführen wird nicht durch digitalisierte Datenspeicher oder Geräte verändert, auf die ich anders zugreifen kann. Die ersetzen weder Schule noch Lehrer.

Welche Prognose stellen Sie dem Integrationserfolg deutscher Schulen?
Was Schulen im Integrationsprozess gut vermitteln können, sind kulturelle Basiskompetenzen, Sprachfähigkeiten, grundlegende Kulturtechniken und die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Allerdings nur, wenn man sie nicht alleine lässt, was im Augenblick passiert. Wenn man nur dafür sorgt, dass Kinder in Schulen aufbewahrt werden, aber keine Programme und kompetent ausgebildeten Lehrer hat, die zum Beispiel mit Deutsch als Zweitsprache umgehen können, wird das lange ein Problem bleiben.

Wie wird sich die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem zukünftig entwickeln?
Eine massive Bildungsungerechtigkeit, die ich sehe, betrifft die Risikogruppen. Diesen Jugendlichen nimmt man die Chance, Lernkompetenzen so auszubilden, dass sie selbstständig in weitere Lern- und Ausbildungsprozesse sowie berufliche und gesellschaftliche Tätigkeiten einsteigen können. Da muss man sich noch 20 weitere Jahre anstrengen. Strukturelle Ungerechtigkeit sehe ich in der Tatsache, dass man bei uns auf Kosten der Gemeinschaft studieren kann, während Eltern für Kitas bezahlen müssen. Die wichtigste Stufe der Bildung kostet die Eltern Geld, wohingegen die Privilegierungsstufe der Bildung kostenlos ist. Das halte ich für einen wirklichen Skandal. Studiengebühren sind meiner Meinung nach notwendig. Ich würde dagegen keine Bildungsungerechtigkeit darin sehen, dass sich vom Sekundarbereich II an unterschiedliche Bildungswege ausdifferenzieren und nicht jeder einen akademischen Ausbildungsgang wählen kann. Ich habe nicht den Eindruck, dass in der Bildungspolitik diese Prioritätendiagnose geteilt wird. Sie fragt bei Bildungsungerechtigkeit immer noch: „Abitur ja oder nein?“ Das halte ich für die falsche Perspektive.

 

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2017 veröffentlicht.


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