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„Vereinheitlichung ist für viele ein Reizwort.“

Ute Erdsiek-Rave engagiert sich als Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission für mehr Inklusion im deutschen Bildungswesen. Warum Förderschulen nicht ausreichend qualifizieren und wieso es einen Planungsrahmen für Inklusion braucht, erklärt die Ex-Bildungsministerin Schleswig-Holsteins im Interview.

18.02.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © Ute Erdsiek-Rave Ute Erdsiek-Rave ist Vorsitzende des Expertenkreises Inklusive Bildung der Deutschen UNESCO-Kommission und ehemalige Bildungsministerin Schleswig-Holsteins.

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden.

Frau Erdsiek-Rave, wo gibt es in Deutschland beim Thema Inklusion am meisten Aufholbedarf?
Inklusion ist im deutschen Bildungssystem leider noch nicht der Normalfall. Oft genug hängt das Schicksal eines Kindes mit Handicap vom Wohnort ab. Immer wieder werden zwar die steigenden Inklusionsanteile hervorgehoben, der Anteil der Kinder in Förderschulen ist aber nur in geringem Umfang gesunken. Wir sehen erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern – auch im Verständnis von inklusiver Bildung. Das Spektrum reicht von einer Bestandsgarantie für alle Förderschulen bis zu ihrem erklärten Abbau und der Überführung in das Regelschulsystem. Es geht also um die Strukturen. Es ist vielfach belegt, dass Förderschulen ihre Schülerinnen und Schüler mehrheitlich nicht zu qualifizierenden Abschlüssen führen, Kinder und Jugendliche an diesen Schulen also nicht für den Arbeitsmarkt und ein selbstbestimmtes Leben gebildet werden. Das ist weder für den einzelnen jungen Menschen gut noch für den Arbeitsmarkt und das Sozialsystem. Das müssen wir durch die Zusammenführung von Förderschulen und allgemeinen Schulen ändern. Empfehlungen dazu haben wir mit dem Expertenkreis „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission erarbeitet. Dazu zählen unter anderem die Schaffung eines langfristigen Planungsrahmens für ein inklusives Bildungssystem, die Ausstattung aller Schulen mit einer verlässlichen pädagogischen Grundausstattung, die Entwicklung von Förderschulen zu Förderzentren und die Verankerung von Multiprofessionalität in der inklusiven Bildung. 

Fast jedes Bundesland geht bei der Inklusion einen anderen Weg. Wie kann mehr Vereinheitlichung erreicht werden?
„Vereinheitlichung“ ist für viele ein Reizwort. Wir sind aber überzeugt, dass ein von Bund, Ländern und Kommunen abgestimmter und langfristiger Planungsrahmen für ein inklusives Bildungssystem allen Beteiligten helfen würde. Dieser Planungsrahmen sollte materielle, räumliche, personelle und finanzielle Voraussetzungen an allen Bildungseinrichtungen festlegen: Wie viel und welches Personal benötige ich für eine hochwertige inklusive Bildung. Welche Räume sind notwendig und wie müssen diese ausgestattet sein? Wie können Lehrkräfte und weiteres Bildungspersonal für eine inklusive Bildung aus- und weitergebildet werden? Welche Kooperationen mit weiteren Trägern sind notwendig? Das sind nur einige der Fragen, die in so einem Planungsrahmen beantwortet werden müssen. Alle an einem inklusiven Bildungssystem Beteiligten müssten bei der Erstellung dieses Planungsrahmens beteiligt werden. Eine solche gemeinsame Verständigung wäre auch für die besondere Förderung von Begabungen oder im Umgang mit Kinderarmut und Bildungsbenachteiligung von Bedeutung. Die unterschiedliche Ausgangssituation in den Bundesländern muss natürlich immer berücksichtigt werden.

Ist die Diskussion rund um die Inklusion eher ideologisch oder finanziell geprägt?
Die UN-Behindertenrechtskonvention und die Bildungsagenda 2030 der Vereinten Nationen sehen ganz eindeutig die Schaffung eines inklusiven Bildungssystems vor. Das ist alles andere als eine ideologische Vorstellung. Vor diesem Hintergrund sollte man ganz pragmatisch überlegen, wie ein solches inklusives Bildungssystem schrittweise und gemeinsam mit allen Akteuren erreicht werden kann. Sicherlich sind dazu mehr Mittel notwendig. Eine reine Beschränkung auf finanzielle Ressourcen verkürzt jedoch die Debatte. Tatsächlich lässt sich bereits im Rahmen der gegebenen Ressourcen eine Menge bewerkstelligen. Die Entwicklung von Netzwerken auf kommunaler beziehungsweise regionaler Ebene kann zum Beispiel viele Synergieeffekte schaffen. Auch einzelne Schulen können bereits jetzt eine Menge Schritte in die richtige Richtung unternehmen. Die Preisträgerschulen des Jakob-Muth-Preises zeigen dies beispielhaft. Für eine flächendeckende Verankerung inklusiver Bildung aber brauchen wir eine Änderung der Strukturen und Rahmenbedingungen.

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

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