Referendariat

Verpflichtende Benotung von Lehrern durch Schüler ist ein Irrweg

Der Bayerische Philologenverband (bpv) setzt in der Diskussion um Schüler-Feedback für die Lehrer auf Freiwilligkeit statt Zwang.

22.06.2016 Bayern Pressemeldung Bayerischer Philologenverband (bpv)
  • © www.pixabay.de

In der Diskussion um die Einführung einer obligatorischen Beurteilung von Lehrkräften durch ihre Schüler setzt der Bayerische Philologenverband als Vertretung der Gymnasiallehrerschaft auf Freiwilligkeit statt Zwang. Verbandsvorsitzender Max Schmidt hält die Pläne der Politik, angefangen bei den Referendaren eine verpflichtende Beurteilung der Lehrkräfte durch ihre Schülerinnen und Schüler einzuführen, für nicht zielführend: „Es ist blauäugig zu glauben, damit einen bayernweiten Schub hin zu einem besseren Unterricht erreichen zu können.“ Schmidt sieht die reale Gefahr, dass Lehrkräfte vor dem Hintergrund verpflichtender Rückmeldungen aus der eingeschränkten Schülerperspektive die Schere im Kopf und bei der Benotung der Schüler ansetzen – dies umso mehr, als bislang nicht klar ist, ob die Schülerbeurteilungen sich auf die offiziellen Beurteilungen der Lehrkräfte und damit ihre berufliches Fortkommen auswirken. Erfahrungen von Schulen und Universitäten mit einer Feedbackpflicht, insbesondere aus dem angelsächsischen Raum, zeigen, dass solch negative Effekte entstehen können und sie zudem eine Bestnoteninflation provoziert – nach dem Motto: ‚Ich tue dir nichts, du tust mir nichts.‘“ Außerdem erinnert Schmidt daran, dass angehende Lehrkräfte im Referendariat umfangreich in Fragen der Leistungsbewertung ausgebildet werden. Da Schülerinnen und Schüler Entsprechendes nicht lernen, bleibe ihnen kaum anderes übrig, als höchst subjektive Eindrücke zu spiegeln. 

Dass Ergebnisse von Schülerbefragungen für Lehrkräfte gleichwohl Einsichten und Denkanstöße zur Gestaltung des eigenen Unterrichts geben können, bezweifelt Schmidt dabei nicht: „Auf freiwilliger Basis und mit individuellen, auf die jeweilige Klasse und das Fach zugeschnittenen Fragen kann Schülerfeedback für einen Lehrer sicher interessante Ergebnisse bringen. In diesem Sinne wird es seit Jahren von vielen Kollegen auch schon eingesetzt und ist Bestandteil der Ausbildung im Referendariat. Von oben oktroyiert und überwacht ist es kein Instrument zu einer flächendeckenden Steigerung der Unterrichtsqualität. Kurzum: Ja zur Förderung einer freiwilligen Feedbackkultur, nein zu einer Zwangsbeurteilung von Lehrkräften durch Schüler.“


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2 Kommentare

  • Thomas Bossack 22.06.2016 18:02 Uhr
    Quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris!

    Bei diesem absolut verständlichen Wunsch des Herrn Vorsitzenden sollten dann aber auch der Schulzwang und der Bewertungszwang für die Schüler wegfallen.
    Herrn Schmidt´s Einsatz für Freiwilligkeit und Freiheit ist sehr anerkennenswert. Jedenfalls solange er für alle Beteiligten gilt.
    Oder gibt es etwa Gründe und Begründungen jungen Menschen diese Freiheit und Freiwilligkeit zu verwehren?
    Glück auf aus Sachsen
    Thomas Bossack



  • Leif Wetzel 23.06.2016 01:37 Uhr
    Hallo,
    wenn wir von Feedback -Kultur reden, dann ist die Freiwilligkeit imho obligatorisch. Das sollte dann jedoch auch aus Gründen der Fairness für alle Beteiligten gelten.

    Ergo sollte das Zensurieren der Heranwachsenden grundsätzlich unterbleiben. Ab einem gewissen Alter (13-14) können sich die jungen Menschen selbst!-bewußt! entscheiden, ob die jährlichen Entwicklungsbeurteilung um die Zensur ergänzt wird. Diese Entwicklungsbeurteilung sollte auch für Pädagogen ausgereicht werden. Oder sind Pädagogen (Erwachsene) von Weiterentwicklung befreit? Nein? Dann will ich gern wissen, welcher Mensch mehrere Stunden pro Tag im Kopf meiner Kinder wohnt und was der dort anrichten wird.

    Und da wir gerade bei Freiwilligkeit und Kultur sind:
    Dann sollte auch aus Gründen der Gerechtigkeit der Schulbesuch freiwillig sein - nicht nur für die Pädagogen. In Deutschland darf kein Kind freiwillig eine Schule besuchen. Das hat uns die Schulaufsicht schriftlich bestätigt. Was bleibt der Exekutive auch anders übrig. Peinlich irgendwie für eine Demokratie.

    Was mich zu der Frage führt:
    Wie demokratisch sind Systeme, an deren Teilnahme Menschen gezwungen werden?

    Meine Antwort:
    Ohne Rechtsanspruch und genauso demokratisch, wie es den Herrschenden in den Kram passt.

    Der Herrschende stellt eine angeblich eingeschränkte Schülerperspektive und höchst subjektive Eindrücke fest. Ja was denn sonst: Es geht um Subjekt-Subjekt-Beziehungen!
    Mir erscheint der behauptete eingeschränkte Horizont von Heranwachsenden ist eine sehr arrogante Wertung und kommt sehr flüssig über die Lippen eines Menschen, der glaubt auf Grund seiner vollkommenen Erhabenheit den herausragenden Überblick zu besitzen? Es ist genau anders herum! Junge Menschen betrachten die Welt mit ihrem unverstellteren Blick aus einer weitaus offeneren Perspektive als die meisten sogenannten, z. B. durch Schule, kondidionierten Erwachsenen.

    Auf der anderen Seite: Wer lässt sich schon gern bewerten, dessen Meinung im Grunde bis dato sakrosankt ist?

    Passt irgendwie: "Du bist ein Riese Max"
    https://www.youtube.com/watch?v=eGLzLEBQzQI


    Viele Grüße und einen entspannten Sommer


    Addendum: Haben wir nicht alle irgendwie einen mehr oder weniger arg eingeschränkten Horizont? "Ich weiß, dass ich nichts weiß, Herr Philologe!"
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