Bayern

Viele Lehrer wollen eine andere Schule

"Die Arbeitsbedingungen für die rund 100.000 Lehrkräfte in Bayern haben sich nicht wesentlich verbessert", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, anlässlich des Weltlehrertages am 5. Oktober.

02.10.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"An vielen Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien sind die Klassen zu groß, ist das Personal zu wenig, obwohl die Bedürfnisse der Schüler komplexer geworden sind." Das führe dazu, dass der Lehrerberuf physisch und psychisch belastend sei. Hinzu komme, dass das Image der Lehrkräfte in Deutschland unverändert schlecht sei, wie aktuelle Studien immer wieder zeigen "Dennoch sind Lehrkräfte hohen Erwartungen und Anforderungen ausgesetzt. Das gilt insbesondere für die Grundschullehrerinnen. Sie berichten von einer steigenden Zahl Schulanfänger mit deutlichen Defiziten in sozialen und kognitiven Bereichen, unterstützendes Personal jedoch erhalten sie nicht." Mittel- und Hauptschullehrern gehe es an die Substanz, wenn Jahr für Jahr tausende Schüler die Schule ohne Abschluss und somit ohne Perspektive verlassen. Hinzu komme eine vielfach unerträgliche Lärmbelastung, bauliche Mängel und Platzprobleme - viele Klassen müssten in Ausweichquartiere wechseln, weil die Schulen aus allen Nähten platzten. "Schulleitungen an Haupt,- Grund- und Förderschulen sehen sich kaum noch in der Lage, den Schulbetrieb zu managen. Sie sind überlastet, weil sie immer noch wenig pädagogische Leitungszeit haben."

"Zum Weltlehrertag wünsche ich deshalb allen Lehrerinnen und Lehrern Kraft, Ausdauer und ein gutes Nervenkostüm", erklärte Wenzel. Vor allem aber wünsche ich allen Kolleginnen und Kollegen eine robuste Gesundheit, denn die steht auf dem Spiel. Nicht umsonst nehmen viele deutliche finanzielle Einbußen in Kauf und gehen in Teilzeitarbeit, weil sie den Stress nicht mehr aushalten."

Gleichzeitig sei das Image deutscher Lehrkräfte gleichbleibend schlecht. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen immer wieder, dass vor allem Grundschullehrerinnen besonders wenig wertgeschätzt werden. "Ich appelliere an die Staatsregierung, diese diskriminierende Tatsache als Handlungsauftrag zu verstehen." Schule müsse so gestalten werden, dass sie den Bedürfnissen von Schülern und Lehrern gerecht werde, aber auch das Image der Lehrerinnen und Lehrer verbessern helfe.

"Der Beruf - so wunderschön er seinem Wesen nach ist - wird mehr und mehr als ausbeuterisch empfunden, er geht an die Substanz", sagte Wenzel. "Je glücklicher die Lehrkräfte aber sind, umso glücklicher die Schüler." Damit ist über den Zustand der Schulen in Bayern alles gesagt, denn: zu viele Schüler/innen sind nicht glücklich, im Gegenteil. Die Schule macht viele von ihnen krank. Unzählige Studien verweisen auf Medikamente, die schon Grundschulkinder brauchen, um den Prüfungsstress zu bewältigen. Kinder klagen über Kopf- und Bauchweh oder finden keinen Schlaf, haben Angst zu versagen und machen sich als Zehnjährige schon Gedanken über ihre berufliche Zukunft. Der Druck begleitet die Heranwachsenden die ganze Schulzeit. "Viele Lehrerinnen und Lehrer beobachten dies und leiden mit. Sie sind gefangen in einem System, das sie als Pädagogen nicht wollen. Sie müssen ständig bewerten und benoten, wobei jeder Schritt justiziabel sein muss", beklagte Wenzel. Das gehe den Lehrerinnen und Lehrern an die Substanz.

Hinzu komme, dass Kollegien wegen andauernder Reformen und der nicht seltenen Modifizierung der Reformen nicht mehr zum Reflektieren kommen würden. "Sie erleben den schulischen Alltag als extrem unruhig." Was fehlten, seien Raum, Zeit und Planungssicherheit. Der BLLV -Präsident wünscht allen Kolleginnen und Kollegen an allen Schulen:

  • eine Schule, in die alle gerne gehen, die erfüllt und glücklich macht. Die Lebens- und Lernraum für alle ist,
  • eine professionelle Auseinandersetzung mit dem Problem des Lehrermangels und des bevorstehenden Generationenwechsels,
  • ein massives Einstellen von unterstützendem Personal wie z.B. Sozialarbeiter, Schulpsychologen oder Logopäden,
  • eine Lehrerbildung, die angehenden Pädagogen auf den Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft vorbereitet und den Schwerpunkt auf die Erziehungswissenschaft legt. Integration und Inklusion muss das Ziel wirklich reformierter Schulen sein. Die Weichen hierfür werden in der Lehrerbildung gestellt,
  • eine schüler- und lehrergerechte Architektur, die anregt, den Lärm eindämmt und gesund ist,
  • eine neue Definition von Schulleitung - sie sind Manager, die ihre verantwortungsvollen Aufgaben nicht nebenbei erledigen können und deshalb mehr pädagogische Leitungszeit und eine solide Ausbildung brauchen,
  • eine wirkliche Eigenverantwortung für alle Schulen: es muss möglich werden, für alle Schüler individuelle Lehr-, Lern- und Förderpläne zu erstellen. Wir brauchen auch Konzepte für Lehrkräfte, die ausgebrannt und überfordert sind,
  • eine Evaluation, die pädagogische Konsequenzen nach sich zieht und zu Verbesserungen führt.

Wenzel versicherte zum Weltlehrertag, "sich für diese Ziele weiterhin mit aller Kraft einsetzen zu wollen."


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