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„Vielfalt ist nicht immer schön.“

Laut „Deutschlandfunk“ gehört Kübra Gümüşay zu den „prägenden Köpfen des Islams“ in Deutschland. Im Interview fordert die Autorin und Aktivistin eine konstruktive Debatte über Vielfalt – und spricht über die Rolle von Schulen und Lehrkräften in diesem Kontext.

15.01.2019 Bundesweit Artikel Anna Petersen
  • © Elif Küçük Journalistin Kübra Gümüşay

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Frau Gümüşay, Schulen und ihre Lehrkräfte werden heute vielfach kritisiert: Sie hätten keine Antwort auf Antisemitismus auf dem Schulhof und würden sich auch sonst schwertun bei Themen wie Hate Speech oder Mobbing. Halten Sie diese Kritik für gerecht?
Es ist gerecht, eine Debatte darüber zu führen, wie diese Missstände im schulischen Betrieb angesprochen und behandelt werden können. Inwiefern Schule also ein Teil der Lösung sein kann. Letztlich ist sie aber nur ein Bestandteil unserer gesamtgesellschaftlichen Bildungsinstitutionen und kann nicht allein dieser Fülle von Problemen gerecht werden. Denn diese betreffen alle Institutionen unserer Gesellschaft, die anteilig zur Meinungsbildung bzw. zur Bildung und Sensibilisierung allgemein beitragen: Jugendamt, Medieninstitutionen, Schauspielhäuser etc. Es braucht ein Zusammenspiel all dieser Institutionen, die dabei lösungsorientiert und nicht stigmatisierend an diese Probleme herantreten.  

Welche Rolle können Lehrkräfte dabei übernehmen?
Lehrkräfte haben großen Einfluss darauf, wie sich Schüler und Schülerinnen sozialisieren. Deshalb braucht es insbesondere bei diesem Beruf eine große Sensibilisierung. Studien zeigen beispielsweise, dass Rassismus insbesondere in Bildungsinstitutionen reproduziert wird: sei es durch Inhalte in manchen Unterrichtsmaterialien oder das Verhalten einzelner Lehrkräfte. Bereits im Studium, aber auch in Fortbildungen sollte eine Sensibilisierung stattfinden: zu Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierung aufgrund von körperlicher Behinderung, Religion oder sexueller Orientierung.

All diese Themen werden in den Medien aktuell und teilweise sehr emotional diskutiert. Dabei sind Schüler mit Migrationshintergrund ja beispielsweise keine Neuheit auf Schulhöfen. Gibt es ein neues Bewusstsein für Rassismus, Geschlechterbenachteiligung etc.?
Es gibt interessante Studien dazu, unter anderem von Professor Aladin El-Mafaalani, der in seinem letzten Buch „Das Integrationsparadox“ beschreibt, wie mit gelingender Integration auch Konflikte größer werden: Je integrierter eine Bevölkerungsgruppe ist, umso höher sind auch ihre „Ansprüche“. Dadurch können auch mehr Konflikte entstehen. Werden beispielsweise Menschen mit Behinderung befragt, geben sie im Vergleich zu anderen Minderheiten an, weniger häufig diskriminiert worden zu sein. Dabei werden sie eindeutig und permanent strukturell benachteiligt. Das fängt damit an, dass sie in gesonderte Schulen aussortiert werden oder ihnen Transportmöglichkeiten verwehrt bleiben. Ein weiteres Beispiel sind die Statistiken für sexuelle Gewalt. Heute werden viel mehr Vorfälle als in den 50er Jahren gemeldet. Man könnte annehmen, dass die Gewaltbereitschaft in diesem Bereich gestiegen ist. Aber es ist vielmehr so, dass durch eine erhöhte Sensibilisierung ein Bewusstsein für sexuelle Gewalt entstanden ist und sich mehr Betroffene wehren und Übergriffe anzeigen. Ähnlich verhält es sich eben bei den steigenden Ansprüchen der besser integrierten Gruppen.

Demnach begreifen Sie die mediale Debatte, ob über Antisemitismus oder #MeToo, als positives Zeichen? 
Dass diskutiert wird, sehe ich nicht als schlechte Entwicklung. Pessimistischer bin ich bei der Art und Weise, wie diese Themen diskutiert werden. Tut man so, als seien diese Menschen qua Herkunft oder qua Religion darauf programmiert, bestimmte Missstände zu reproduzieren oder begreift man diese Missstände in unserer Gesellschaft in ihrem Gesamtzusammenhang? Denn keine Herkunft bedingt zwangsläufig ein bestimmtes Verhalten. Es sind viele Faktoren, die miteinfließen. Wenn man beispielsweise anfängt, Sexismus auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe oder Religionsgruppe zu reduzieren, dann wird das der Komplexität unserer Gesellschaft und der Realität nicht gerecht. Die Debatten müssen konstruktiv geführt werden, statt Panik zu schüren – und das bedeutet: lösungsorientiert. Wie können wir die bestehenden Missstände lösen? Wie können wir alle gemeinsam dazu beitragen, dass es besser wird? Sexismus ist beispielsweise kein isoliertes, importiertes Phänomen, sondern ein strukturell verankertes Phänomen. Es reicht von ungerechter Bezahlung über die Benachteiligung von Alleinerziehenden bis zur sexuellen Gewalt in den eigenen vier Wänden.

Wenn wir auf den Umgang mit Minderheiten an Schulen schauen. Wie konstruktiv wird aus Ihrer Sicht über diese Themen diskutiert?
Ich denke, dass es vereinzelte Versuche gibt, die Debatte in eine konstruktive Richtung zu bringen. Leider kommt man aber in vielen medialen Diskussionen über die Panikmache und Provokation nicht hinaus, an der sich dann alle abarbeiten. Wir bräuchten stattdessen eine nüchterne Betrachtung der Missstände in unserer Gesellschaft. Die Art und Weise, wie wir aktuell diskutieren, hängt natürlich auch damit zusammen, welche Themen und Kommentare im Netz gerade mit Aufmerksamkeit belohnt werden. Aber ich denke, dass immer deutlicher wird, dass es ein Bedürfnis danach gibt, diese Themen konstruktiv zu besprechen. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Debattenkultur auch ändern wird, weil das Unwohlsein Vieler darüber immer größer wird. 

Sie sind 2019 erstmals auf der didacta eingeladen, um zum Thema „Vielfalt in der Schule“ zu sprechen. Welche Botschaft bringen Sie mit?
Ich greife mal zwei Punkte raus: Migration und Pluralität sind in unserer Gesellschaft kein neues Phänomen: Deutschland ist seit Jahrhunderten ein Einwanderungsland, beginnend bei den Hugenotten. Es gab immer Ein- und Auswanderung in unserer Gesellschaft. In den letzten 50 Jahren hat in den Bildungsinstitutionen auch eine Sensibilisierung dafür stattgefunden – aber nicht ausreichend. Denn die Vielfalt unserer Gesellschaft muss reflektiert werden und sich bei den Lehrkräften auch abbilden. Wenn an einer Schule keine einzige Lehrkraft einen Migrationshintergrund hat, oder auch keine schwarzen oder muslimischen Lehrkräfte zu sehen sind, dann spiegelt diese Schule nicht die gesellschaftliche Pluralität. Natürlich beginnt dieser Auftrag nicht bei den Schulen, sondern sehr viel früher. Bei der Ausbildung und im Referendariat. Wie dort mit Menschen umgegangen wird und welche Personen Chancen auf eine Karriere haben. Vielfalt ist eine Herausforderung, Vielfalt ist nicht immer schön. Sie bedeutet Auseinandersetzung und Herausforderung, weil man stets mit Menschen konfrontiert ist, die in irgendeiner Facette vielleicht fundamental anders sind als man selbst. Wir brauchen einen entspannteren Umgang damit. Weder eine Problematisierung von Menschengruppen hilft uns weiter, noch eine Beschönigung. Was wir brauchen ist ein Verständnis dafür, dass beides Hand in Hand geht. Wir kommen nur gemeinsam weiter, wenn wir begreifen, dass Vielfalt keine Einbahnstraße ist und alle gemeinsam daran arbeiten müssen, eine Kultur zu entwickeln, die Vielfalt umarmen und die Herausforderung konstruktiv meistern kann. Das sind meine beiden Hauptbotschaften: Realismus und ein selbstkritisches Hinterfragen, inwiefern sich Pluralität an der Schule widerspiegelt. 

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2019 finden Sie im Dossier auf www.bildungsklick.de.


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