Gastbeitrag

Was ist uns die Jugend wert?

Die Schule soll es richten. Sie ist zuständig für die Vermittlung von Werten. Aber wie lässt sich die Haltung zu etwas lehren? Können Schüler Einstellungen wirklich lernen wie Französischvokabeln? Und wie kann Schule das leisten? Ein Plädoyer von Dr. Helmut Meißner.

02.03.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG
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Bisher gibt es keine Einigkeit darüber, welche Haltungen, Einstellungen oder moralischen Überzeugungen es genau sind, die vermittelt werden sollen. Und wenn man sich hier geeinigt hätte, wäre damit immer noch nicht geklärt, welche Unterrichtsmethoden erfolgversprechend sein könnten.

Manche Lehrplanautoren machen sich darüber offenbar wenig Gedanken. So erregte beispielsweise im Jahre 2014 ein baden-württembergischer Lehrplanentwurf Aufsehen, der für die Klassen 5 und 6 insgesamt 202 „Einstellungen“ vorschrieb, die im Fachunterricht vermittelt werden sollten. Dabei wurde anscheinend ein von der Pädagogik längst erkannter Sachverhalt ignoriert: Einstellungen lassen sich lehrplanmäßig nicht vermitteln. Entsprechende Versuche sind nur schwer von Indoktrination zu trennen.

Es klingt paradox: Um möglichst erfolgreich zu sein, sollte Werteerziehung freiheitlichen Charakter haben. Eine mit Zwang verbundene Wertevermittlung hat die Tendenz, junge Menschen geistig weniger selbstständig und leichter manipulierbar zu machen. Worauf es ankommt, ist der freiheitliche Weg der Werteerziehung. Doch an der Frage, wie freiheitliche Werteerziehung gelingen kann, scheiden sich die Geister.

Allgemeinbildung als Ansatz

Allgemeinbildung bezieht sich auf den ganzen Menschen mit all seinen Kräften: den geistigen und den seelischen. Ihre Ziele mag man unterschiedlich formulieren. Befürworter eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats dürften aber weitgehend darin übereinstimmen, dass ein Hauptziel der Allgemeinbildung in der Erziehung junger Menschen zu selbstständig denkenden, begründet urteilenden, für sich selbst und für andere verantwortungsfähigen Persönlichkeiten bestehen sollte.

Um eine anspruchsvolle Allgemeinbildung zu vermitteln, ist Unterricht in sehr unterschiedlichen Disziplinen notwendig. Dazu gehören die gymnastischen und musischen Disziplinen. Auch Mathematik und die Naturwissenschaften sind unentbehrlich, vor allem, weil diese Fächer Zugang zu wichtigen Wissensbereichen schaffen und zum Training des Verstands beitragen.

Ein wesentlicher Teil der wünschenswerten Persönlichkeitsbildung in demokratischen Systemen ist die Fähigkeit, sich ein eigenes, möglichst begründetes Urteil zu politisch-moralischen Fragen der Zeit zu bilden. Angesichts der existenziellen Bedeutung dieser Fähigkeit erscheint es erstaunlich, wie wenig Gewicht darauf in neueren Bildungsstudien der Wirtschaft gelegt wird. Dabei müssten zur Schärfung des politisch-moralischen Urteilsvermögens – und zum dafür nötigen Nachdenken über unterschiedliche politisch-moralische Wertkriterien – alle Schulfächer nach Kräften beitragen. Dass dem Geschichtsunterricht und den Fächern Deutsch, Religion und Ethik dabei große Bedeutung zukommt, wird heute kaum bezweifelt.

Literatur als Impuls

In der neueren Bildungsdiskussion wird den Chancen, die in der Beschäftigung mit Literatur liegen, nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. In der fremdsprachlichen Literatur, gerade auch in der altsprachlichen, sind zahlreiche Texte zu finden, die Schülern wertvolle Impulse geben können, über politisch-moralische Wertkriterien nachzudenken und ihr politisch-moralisches Urteilsvermögen zu entwickeln. Die pädagogischen Chancen, die in der Auseinandersetzung mit großen Werken fremdsprachlicher Literatur liegen, sollten genutzt werden.

Allgemeinbildung zielt nicht nur auf die Vermittlung messbarer Kompetenzen ab. Sie beinhaltet vielmehr die eingehende Beschäftigung mit Grundfragen menschlicher Existenz anhand hochrangiger Literatur, die an den Werten Freiheit, Wahrheit, Vernunft und Verantwortung für das größere Ganze orientiert ist, ohne jedoch die Gedankenfreiheit des Lesers einzuschränken. Das Konzept dieser Allgemeinbildung stammte ursprünglich vor allem von Platon und in der frühen Neuzeit namentlich von dem Humanisten Melanchthon, der auf griechische und römische Autoren zurückgriff.

Entliterarisierung des Unterrichts

Erst als sich in den letzten Jahrzehnten ökonomistische, „erleichterungspädagogische“ Denkweisen durchzusetzen begannen, kam es zu einer „Entliterarisierung“ des Fremdsprachenunterrichts und teilweise auch des Deutschunterrichts – und damit zwangsläufig zu einem, wenn auch schleichenden, Rückgang der allgemeinbildenden Funktion der Schule. Schulpolitiker, die sich in den 80er Jahren gegen diesen Strom stemmten, wurden zum Teil so nachhaltig attackiert, dass sie ihr ursprüngliches Ansehen nicht zurückgewinnen konnten. Spätestens seit den 90er Jahren handelten die Kultusministerien vielfach so, als trügen sie für die zurückgehende Studier- und Ausbildungsfähigkeit der Schulabsolventen keine oder nur begrenzte Verantwortung.

Eine freiheitliche Demokratie ist auf gemeinwohlorientiert denkende, eigenverantwortlich handelnde Bürger angewiesen. Es besteht also ein dringender Bedarf an Texten, die Schüler anregen, sich mit der Eigenverantwortung des Einzelnen auseinanderzusetzen. Für die Bildungsarbeit ergibt sich daraus, dass der Schulunterricht Schülern nicht nur Modelle des Scheiterns, sondern auch einer gelungenen Verständigung zwischen Konfliktgegnern zur Betrachtung und Analyse anbieten muss. Wer zulässt, dass Kinder sich gewohnheitsmäßig mit gewalttätigen Computerspielen die Zeit vertreiben, dass sie Hasspredigten hören oder vom Freund-Feind-Denken bestimmte Texte lesen, braucht sich über Defizite im zivilisierten Umgang miteinander nicht zu wundern.

Offen für fremde Meinungen

Eine Demokratie ist zweifellos darauf angewiesen, dass Vertreter unterschiedlicher Meinungen bereit und fähig sind, Wege der Verständigung miteinander zu finden. Das setzt zunächst einmal die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, sich in fremde Meinungen hineinzudenken und sich fair und selbstkritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Deshalb sollten junge Menschen bereits in der Schule reichlich Gelegenheit dazu bekommen, fremde Meinungen unvoreingenommen und umsichtig zu durchdenken. Wer über Jahre ein solches Training durchläuft, gewinnt damit die Chance, seinen Abwehrreflex gegen alles Fremde zu überwinden. Gelingt das, so hat man oft sogar Freude daran, fremde Meinungen möglichst unvoreingenommen und umsichtig zu durchdenken. Es leuchtet ein, dass damit auch die Bereitschaft wächst, anspruchsvolle Bücher zu lesen. Wo es der Schulpolitik gelingt, solche Lernprozesse bei einer großen Zahl von Schülern zu fördern, braucht man sich um die Zukunft der Lesekultur keine Sorgen zu machen.

Fördern statt fordern

Eine klassische Allgemeinbildung mit starker literarischer Komponente eröffnet den Weg zu einer umfassenden freiheitlichen Werteerziehung, die Schülern keine Gesinnungen vorschreibt, sondern ihnen Anreiz und Spielraum gibt, sich mit den betreffenden Fragen auseinanderzusetzen und so in Freiheit ihr jeweils eigenes Wertesystem aufzubauen.

Eine mit Zwang verbundene Wertevermittlung verkehrt sich leicht ins Gegenteil: in Erziehung zu Unfreiheit und Unaufrichtigkeit. Die Aneignung von Gesinnungen und Einstellungen muss letztlich Sache der Schüler bleiben. Sache des Staates ist es, bestmögliche Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Für das schwierige Feld staatlich organisierter Werteerziehung gelten somit zwei scheinbar widersprüchliche Forderungen: Einerseits trägt der Staat eine hohe Verantwortung für die Pflege der Werteerziehung. Andererseits muss der Staat die Meinungs- und Gedankenfreiheit von Schülern respektieren und darf ihnen nicht vorschreiben, welche Gesinnungen und Einstellungen sie haben sollen. Will der Staat für eine nicht indoktrinierende Werteerziehung sorgen, so muss er vor allem eine gründliche, freiheitliche Allgemeinbildung fördern.

 

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 4-2016 veröffentlicht.


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