Gastbeitrag

Werteerziehung um jeden Preis?

Radikalisierte Jugendliche, terroristische Anschläge in mehreren Metropolen und anhaltende Flüchtlingswellen sorgen in Europa für Verunsicherung. Von Stefany Krath

29.09.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Stefany Krath
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Nach den Attentaten von Paris veröffentlichten die Bildungsminister der europäischen Staaten eine Erklärung, in der sie sich dazu verpflichten, die Vermittlung gesellschaftlicher Werte zu intensivieren. Hier kommt auch die Schule ins Spiel – und die Frage, ob und wie sie das leisten kann. 

Religionsunterricht an der Johannes- Löh-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Burscheid, einer Privatschule in evangelischer Trägerschaft: Abraham ist heute Thema. Die Schüler wissen, dass er sowohl im Islam als auch im Christentum eine bedeutende Rolle spielt. An diesem Morgen sitzen in der 6. Klasse evangelische, muslimische, römisch-katholische und griechisch-orthodoxe Kinder an dem Projekt und erarbeiten an zehn Stationen verschiedene Aspekte: Lückentexte füllen, basteln, ein Rollenspiel aufführen. In den religiös gemischten Gruppen vertiefen die Schüler ihr Wissen über das, was sie in den vergangenen Wochen über Abraham, den „Vater der vielen Völker“, gelernt haben. „Die Jugendlichen lernen mit religiösen Unterschieden umzugehen“, erläutert Schulleiterin Angelika Büscher das interreligiöse Modellprojekt, das seit dem Schuljahr 2015/2016 an ihrer Schule durchgeführt wird. Die 2014 gegründete Gesamtschule ist die einzige weiterführende Schule in Burscheid. 370 Schüler besuchen sie, darunter 65 muslimische. Neben religionsübergreifenden Lerneinheiten werden die Kinder weiterhin in ihren eigenen Religionen unterrichtet. „Die Themen Schöpfung, Jesus, Abraham, der Dialog mit den Religionen kommen tatsächlich in allen Lehrplänen vor“, erklärt die Schulleiterin. „Neu ist, dass nicht jede Religion das in ihrem stillen Kämmerlein für sich macht, sondern dass wir gemeinsam in einen Austausch gehen und die Schüler voneinander lernen, statt nur übereinander zu reden.“

Damit verfolgt das Unterrichtsmodell der Johannes-Löh-Gesamtschule eine wichtige Zielsetzung der EU: Unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit sollen junge Europäer die Schule als verantwortungsbewusste und weltoffene Menschen verlassen, die bereit sind, für die Achtung der Menschenwürde, freie Meinungsäußerung, Demokratie, Gleichheit vor dem Gesetz, Menschenrechte und den Rechtsstaat einzutreten – so die Vorstellung der EU-Bildungsminister.

Was sind Werte?

Damit eröffnen sich gleichzeitig Fragen, die die europäischen Staaten vor große Herausforderungen stellen. Lässt sich angesichts von enormen historisch und kulturell geprägten Unterschieden bei der Vermittlung gesellschaftlicher Werte in den europäischen Staaten wirklich eine einheitliche Strategie entwickeln? Können in Schule und Gesellschaft Grundwerte an die nachkommende Generation erfolgreich vermittelt werden? Wie kann eine pädagogische Strategie entwickelt und umgesetzt werden, die Radikalisierungsprozesse erfolgreich verhindert? Und grundsätzlich: Wie definieren sich Werte?

Der Schweizer Dr. Andreas Giger forscht seit Jahrzehnten zum Thema Werte und hat einige Studien zu Wertefragen publiziert. „Was uns etwas wert ist, wird automatisch zu einem Entscheidungskriterium in Wahlsituationen. Werte beeinflussen unser Denken und Handeln“, erklärt der studierte Sozialwissenschaftler. „Werte sind bewusst oder nicht bewusst. Werte drücken aus, was uns ‚wünschenswert‘ erscheint. Ob etwas für uns wertvoll oder wertlos ist, entscheiden wir über unsere individuellen Werte.“

Die Ergebnisse seiner Studien sind eindeutig, aber nicht überraschend. Sie belegen einen Trend zur fortschreitenden Individualisierung. Ehemals wertevermittelnde Institutionen, wie Staat und Kirche, haben diese Funktionen teilweise eingebüßt. An ihre Stelle tritt zunehmend das Individuum, das die Freiheit gewonnen hat, eigene Werte auszuwählen. Damit deutet sich ein Wandel des Selbstbilds des Menschen vom Lebensverwalter zum Lebensgestalter an, der selbstverantwortlich über Ziele und Wege bestimmt.

Wertewandel zum Schlechten?

Die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) beschreibt auf ihrer Website den Wertewandel seit Gründung der Bundesrepublik. Während die 50er- und 60er-Jahre durch Wohlstandszuwachs, Bildungsexpansion, eine hohe soziale Sicherheit und Liberalisierung der Werte geprägt waren, erfolgte ab den 70er-Jahren ein Wertewandel, der die Gesellschaft bis heute prägt: weg von materiellen Werten hin zu Werten der Selbstverwirklichung. „Die Menschen richteten ihr Leben nicht mehr nach tradierten kollektiven Lebensweisen ein, die sie meist von den Eltern übernommen hatten. Vielmehr wurde es eine Frage der individuellen Wahl oder Kreation des eigenen Lebensstils, welchen Bildungsweg man einschlägt, welche Berufswahl man trifft, ob und, wenn ja, wann man eine feste Beziehung eingeht, ob man heiratet oder nicht, ob man Kinder bekommt oder nicht, ob man sich gesellschaftlich und politisch engagiert oder nicht“, heißt es im Dossier.

Selbstverwirklichung auf Kosten sozialer Werte?

Für Forscher Andreas Giger steht dieser Trend keineswegs im Widerspruch zu sozialen Werten. „Individualismus ist nicht mit Egoismus gleichzusetzen. Man kann Individualist sein und sich trotzdem um andere und die Welt kümmern.“ Es sei empirisch längst erwiesen, dass gute Lebensqualität soziale Kontakte mit anderen einschlösse. „Selbst wenn man egoistisch wäre, müsste man für sein eigenes Wohlbefinden Beziehungen pflegen.“ Auch in der Entwicklung der jüngeren Generationen sieht Giger keine besonderen Auffälligkeiten. Er widerspricht dem viel zitierten Werteverfall. Dass die Jugend erst mal stärker um sich selbst kreist, um ihre eigene Identität zu finden, als das in späteren Lebensphasen der Fall ist, betrachtet er als „keine neue Erscheinung. Von daher ist für mich der Selfie-Wahn vielleicht manchmal komisch, aber nicht beunruhigend.“

Auch die bpb zieht ein positives Resümee. „Dass Selbstverwirklichung nicht gleich zu Egoismus oder gar Werteverfall führen muss, belegen die in den 70er Jahren einen Höhepunkt erlebenden ‚neuen sozialen Bewegungen‘“, schreibt Dossier-Mitautor Hans-Peter Müller. „Politisches und gesellschaftliches Engagement waren also durchaus weiter vorhanden, doch in der jüngeren Generation war dieses Engagement nicht eine Frage des Pflichtgefühls, sondern der freiwilligen Einsicht in die Notwendigkeit politischen Protests.“ Heute geht es nicht mehr darum, Jugendlichen einen fertigen Wertekanon überzustreifen. Sie müssten zu ihren eigenen Werten finden, „natürlich auch in der Auseinandersetzung mit den Werten anderer Individuen und anderer Kulturen. Dafür müssen Instrumente entwickelt werden, die diesen Prozess der Selbsterkenntnis fördern. Der Schule kommt dabei natürlich eine wichtige Rolle zu.“

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Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 4-2016 veröffentlicht.


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