Gastbeitrag

Wie in der Sendung mit der Maus

Ist der Besuch eines außerschulischen Lernortes gut durchdacht, ist der Ausflug kein Mehraufwand für die Lehrkräfte, sondern ein Turbo für den Unterricht. Davon ist Experte Dr. Michael Pries überzeugt. Interview: Silvia Schumacher

09.04.2019 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • © www.pixabay.com

didacta: Was zeichnet außerschulisches Lernen im Vergleich zu schulischem Lernen aus?
Dr. Michael Pries:
Der Grund, einen außerschulischen Lernort zu besuchen, ist aus der pädagogischen Historie heraus die Begegnung mit einem Original. Die Schüler lernen im Wald die Bäume oder die Tiere kennen, in der Bäckerei das Handwerk und die Rohstoffe. Grundvoraussetzung für außerschulisches Lernen ist, dass der Lernort eine Primärerfahrung bietet.

Und was macht ihn zu einem guten außerschulischen Lernort?
Da gibt es drei Bereiche, die man unterscheiden kann, um das zu beurteilen. Erstens die Strukturqualität: Ist ein Bildungskonzept vorhanden, gibt es einen eigenen didaktischen Ansatz, ist der Lernort wissenschaftlich vernetzt und beschäftigt geschultes Personal? Zweitens sollten sich Lehrkräfte die Vermittlungsqualität ansehen, also wie die Lernarrangements gestaltet sind und ob sie die Schüler anregen, aktiv zu werden. Zudem sollte es die Möglichkeit zur Evaluation durch den Lehrer geben.

Gelten diese Kriterien für alle außerschulischen Lernorte, egal ob es sich um den Wald, ein Museum oder ein Science Center handelt?
An sich schon. Nehmen wir als Beispiel einen landwirtschaftlichen Betrieb: Ich kann mit der Klasse einen Bauernhof besuchen und dem Landwirt bei der Arbeit zusehen. Einfach nur zuzusehen, wie der Bauer mit dem Traktor über das Feld fährt und die Heuballen entstehen, bringt allerdings wenig.

Dr. Michael Pries ist Leiter der Fachabteilung „Inszenierte Bildung“ der Autostadt in Wolfsburg sowie Sprecher des Ausschusses Außerschulisches Lernen beim Didacta Verband.

Und wie wäre es besser?
So wie wir es von der Sendung mit der Maus von den Sach- und Lachgeschichten kennen: Da wird genau erklärt, wie und warum etwas gemacht wird. So müsste das auf dem Bauernhof auch sein. Ein Pädagoge, der mit dabei ist, zerlegt die Arbeitsprozesse in Details, er kennt den Lehrplan der Klasse, bezieht die Lebens- und Erfahrungswelt der Schüler mit ein, weiß, ob die Altersgruppe schon lesen kann oder man besser mit Bildsprache arbeitet. Danach hält er die Ergebnisse fest, zum Beispiel in einem Handout, sodass der Lehrer den Besuch nachbereiten kann.

Wo finden Lehrer Unterstützung auf der Suche nach einem geeigneten außerschulischen Lernort?
Es gibt erhebliche Unterschiede bei den Anbietern, aber leider keine Seite, die die Infos bündelt. Die Lehrer müssen selbst filtern. In Niedersachsen bietet das Ministerium eine Liste mit anerkannten außerschulischen Lernorten. Dort findet der Besuch des Lernortes dann auch während der Unterrichtszeit statt und muss nicht, wie in anderen Bundesländern, am Wandertag organisiert werden.

Auf was sollten Lehrer besonders achten, damit der Lerneffekt für die Schüler möglichst groß ist?
Die Schüler sollten selbst tätig sein können. Die klassische Führung durchs Museum ist veraltet. Daher haben viele Museen aufgerüstet, machen jetzt die Vitrine auf und geben den Schülern was in die Hand. Das ist wichtig, sonst können die Lehrer den Lerninhalt auch selbst vermitteln.

Lässt sich sagen, für welche Lerninhalte sich der Besuch eines außerschulischen Lernortes besonders empfiehlt? 
Es kommt darauf an, wie und wo man den Besuch einbettet. Der Lernort sollte zum Unterricht passen, dann ist der Ausflug kein zusätzlicher Aufwand, sondern ein Turbo fürs Lernen. Es bietet sich an, den Besuch zur Einführung eines neuen Themas zu planen, um die Schüler an das Thema heranzuführen. In Niedersachsen gibt es beispielsweise das Curriculum Mobilität, die Schulen sind verpflichtet Mobilitätsbildung fächerübergreifend zu unterrichten. Um den Lehrer dabei zu unterstützen, hat man gemeinsam mit dem Kultusministerium 2002 beschlossen, den außerschulischen Lernort in der Autostadt zu schaffen. Dort können Schulklassen Workshops zu den zehn Bausteinen des Curriculums besuchen.

Das bleibt aber eine Ausnahme, denn in den meisten Ländern sind außerschulische Lernorte kein fester Bestandteil in den Lehrplänen.
Ja, das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Daran gemessen ist Niedersachsen gut dran. Bei uns gibt es beispielsweise eine Lehrerabordnung: Die Lehrer entwickeln die Programme der anerkannten außerschulischen Lernorte mit. Es wäre ein wichtiger Schritt, dass alle Kultusministerien die außerschulischen Lernorte mit in ihre Planung aufnehmen, diese je nach Lehrplanbezug empfehlen und mehr Transparenz schaffen. Im nächsten Schritt sollten Schulen mit dem Lernort stärker in Dialog gehen.

Wie genau? 
Wenn man im Vorhinein miteinander spricht, können Lehrer und Lernorte das Angebot aufeinander abstimmen. Wir haben heute einen sehr individualisierten Unterricht, etwa durch Inklusion. Der Lehrer hat die Herausforderung, unterschiedliche Lerner unter einen Hut zu bringen. Und das muss auch der Lernort hinkriegen. Wenn man dort versucht, 25 Kinder über den gleichen Weg mit einer Sache zu konfrontieren, ist das nicht sinnvoll. Da sollten sich Schulen und Lernorte abstimmen.

Inwieweit können digitale Medien das Lernen unterstützen? 
Die Digitalisierung macht auch bei außerschulischen Lernorten nicht Halt. Außerschulische Lernorte sollten weiterhin Begegnungen mit dem Original ermöglichen. Was digitale Medien jedoch wunderbar können, sind Phänomene stärker herausarbeiten: Wenn ich auf dem Bauernhof mein Smartphone vor die Kuh halte und dadurch in sie reinschauen kann, wie viele Mägen sie hat, dann wird das Erlebnis sogar intensiviert.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 4/2018, S. 22-25, www.didacta-magazin.de


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden