Gastbeitrag

Zu wenig Hilfe – In Schulen gibt es nicht genügend Fachkräfte

In Deutschland leben Hunderttausende Menschen mit Fluchterfahrung. Darunter viele Kinder, die auf die Hilfe von Fachkräften angewiesen sind, um sich erfolgreich zu integrieren. Doch zusätzliche Fachkräfte wie Schulpsychologen und DaZ-Lehrer an Schulen sind ­Mangelware.

07.09.2017 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
  • © ZouZou/Shutterstock

 „Wir brauchen mehr Schulpsychologen“

Prof. Dr. Michael Krämer, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen

„Wir brauchen mehr Schulpsychologen. Eine Anleitung für Lehrkräfte, wie sie mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen umgehen sollten, ist keinesfalls ausreichend. Lehrkräfte sollten zwar für Traumafolgen sensibilisiert werden und Hilfe erfahren, mit auffälligen Verhaltensweisen, beispielsweise Aggressions- und Angstattacken, umzugehen. Eine erforderliche Traumabehandlung sollte aber Spezialisten vorbehalten bleiben. In Deutschland gibt es eine Mangelversorgung an Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, unabhängig vom Flüchtlingsstrom. 2016 kam im Bundesdurchschnitt ein Schulpsychologe auf rund 8900 Schüler und 720 Lehrer. Schon aufgrund der geringen Zahl werden diese häufig erst hinzugezogen, wenn Dramatisches geschehen ist. Die Integrationsthematik und viele weitere Anlässe erfordern dauerhaft zusätzliche Stellen, um Schüler, Lehrkräfte und Eltern unterstützen zu können. Wenn Kinder durch ihre Fluchterlebnisse nicht schlafen, sich nicht konzentrieren können und auffälliges Sozialverhalten entwickeln, bleiben Lernerfolge aus und sie werden keinen adäquaten Schulabschluss erreichen. Die gesellschaftlichen Belastungen durch Menschen ohne Schulabschluss sind groß. Wenn es sich um hoffnungslose, traumatisierte, nicht integrierte Menschen handelt, kann dies fatale Folgen haben: selbstschädigendes Verhalten, Drogenmissbrauch, Radikalisierung oder Abdriften in ­kriminelle Milieus.“ 

 „Multiprofessionelle Teams müssen Alltag sein“

Özcan Mutlu, Mitglied im Bildungsausschuss

„Es ist wichtig, dass die Angebote an Schulen nicht von der Finanzkraft ihrer Kommune abhängen. Unser Ziel muss sein, überall in Deutschland qualitativ hochwertige Bildungsangebote zu machen. Wenn es uns gelingen soll, die jungen Menschen mit Fluchterfahrung in unser Bildungssystem zu integrieren, müssen wir die Aufgabe als gesamtgesellschaftliche Herausforderung annehmen. Dafür muss das Kooperationsverbot in der Bildung aufgehoben werden. Die Länder sollen dabei nicht um ihre Kompetenz beraubt werden. Das heißt konkret, der Bund steht in der Verantwortung zu investieren. Des Weiteren fordern wir die Bundesregierung auf, gemeinsam mit Ländern und Kommunen eine Bildungsoffensive ins Leben zu rufen. Multiprofessionelle Teams sollten in deutschen Schulen zum Alltag gehören. Dazu müssen wir genügend Stellen für DaF- und DaZ-Lehrkräfte bieten. Es müssen endlich Berufsperspektiven für diese Fachkräfte geschaffen werden, denn sie erhalten noch nicht einmal eine ihrer Ausbildung entsprechende Bezahlung. Das kommt dann allen zugute, sowohl den Lehrkräften als auch den neu zugewanderten Menschen. Genauso wichtig für die ganzheitliche Betreuung von Kindern, insbesondere von Kindern mit Fluchterfahrungen, sind Sozialpädagogen und Schulpsychologen. In diesem Zusammenhang sollte die Elternberatung ausgebaut werden. Nur wenn es gelingt, auch den Eltern Zugang zu unserer Bildungslandschaft zu ermöglichen, können sich auch die Kinder im Bildungs­system zurechtfinden.“  

„35 Euro pro Stunde reichen nicht“

Dr. Clemens Friedrich, Sprecher Bündnis DaF-/DaZ-Lehrkräfte

„Wir fordern höhere Stundensätze für DaF-/DaZ-Lehrkräfte. Wir begrüßen zwar die Erhöhung auf 35 Euro pro Stunde, aber das reicht nicht aus. Wenn wir als Berechnungsgrundlage den Verdienst eines Fachlehrers ohne Staatsexamen ansetzen, entspricht das bei gleicher Unterrichtsverpflichtung einem Stundensatz von 62 Euro. Man darf nicht vergessen: Ohne Sprache kann Integration nicht funktionieren. Die DaF-/DaZ-Lehrkräfte leisten einen immensen Beitrag zu der Integration und somit auch für die Gesellschaft. Die Konsequenz muss sein, dass die Infrastruktur der DaF-/DaZ-Lehrkräfte nicht nur quantitativ ausgebaut, sondern auch qualitativ auf lange Sicht verbessert wird, vor allem die Beschäftigungsverhältnisse. Die Lehrkräfte sind gezwungen, als Honorarkräfte zu arbeiten. Je nach Bildungsträger erhalten sie nur zwischen 1.000 und 1.400 Euro netto im Monat. Bezahlten Urlaub kennen sie nicht und leben in ständiger Angst, dass ihre Verträge nicht verlängert werden. Seit dem neuen Integrationsgesetz haben sich auch die Arbeitsbedingungen verschlechtert: Die Klassen sind zu groß und die Lehrkräfte können den Unterricht nicht mehr flexibel gestalten. Es gibt bereits eine kleine Anzahl an festangestellten Lehrkräften an Sprachschulen, aber das ist viel zu wenig. Es müssen mehr DaF-/DaZ-Lehrkräfte fest angestellt werden. In diesem Kontext ist zudem das Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an den Universitäten und Hochschulen ­finanziell und personell deutlich zu stärken.“ 

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 2/2017, S. 4, www.didacta.de


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