Gastbeitrag

Bildungspolitischer Aufbruch in der Metropole Ruhr

(von Brigitte Schumann und Karl Keining) - Auguren streiten noch intensiv darüber, ob sich die Ruhrregion mit ihren 53 kreisfreien und kreisangehörigen Städten wirklich zu einer Metropolregion mausern kann oder ob das eigentlich aussichtslos ist angesichts des polyzentrischen Aufbaus der Region und des berüchtigten Kirchturmdenkens in den Kommunen. Andererseits gibt es hier aufsehenerregende Beispiele für eine gehörige Portion Gemeinsinn und Zusammenhalt wie die zukunftsweisende Internationale Bauausstellung von 1989 – 1999, der ohne Gefährdung des sozialen Friedens gelingende Kohleausstieg oder die gelungene Präsentation als europäische Kulturhauptstadt 2010. Das sind nur drei spektakuläre Geschehnisse neben zahlreichen weniger bekannten. Und nun tut sich - angestoßen von dem Bildungsbericht Ruhr - in der Metropolregion Ruhr Erstaunliches auf dem Bildungssektor.

25.08.2014 Artikel

Bildungsbericht Ruhr

Der "Bildungsbericht Ruhr" wurde am 20. Januar 2012 vor einem großen sachkundigen Publikum und in Anwesenheit von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in der Mülheimer Stadthalle der Öffentlichkeit vorgestellt. In Auftrag gegeben hatte ihn der Regionalverband Ruhr (RVR) mit Unterstützung der Stiftung Mercator. Er ist der erste regionale Bericht dieser Art in Deutschland! Erstellt wurde diese regionale datenbasierte Bestandsaufnahme für alle Bildungsbereiche entlang des bildungsbiografischen Verlaufs von einem wissenschaftlichen Konsortium unter Beteiligung von WissenschaftlerInnen aller Universitäten und Fachhochschulen des Ruhrgebiets. Die Erhebung erhielt allseits große Anerkennung.

Dramatischer Handlungsbedarf

Die Veröffentlichung bestätigt und präzisiert den riesigen Handlungsbedarf, insbesondere in der frühkindlichen Bildung. Dieser korreliert mit einer höheren Armutsquote der Region im Vergleich zu anderen Landesteilen von NRW. Der Bildungsbericht stellt heraus, "dass in den beteiligten Städten der Metropole Ruhr ca. ein Drittel aller Schulneulinge einen besonderen Förderbedarf in der schulrelevanten Entwicklung aufweist." Gut 20 Prozent der Kinder des Ruhrgebiets haben zwei Jahre vor der Einschulung erhebliche Mängel in der deutschen Sprachkompetenz. "Bei Kindern aus formal hoch qualifizierten Elternhäusern betrifft dies nur 8,2 Prozent, von den Kindern aus Familien mit geringeren Bildungsressourcen hingegen 41,9%", so der Bericht. Die Bildungschancen sind also schon früh nach sozialer Zugehörigkeit verteilt und weitgehend zementiert. Professor Dr. Wilfried Bos, Sprecher des wissenschaftlichen Konsortiums, hob bei der Präsentation des Bildungsberichts hervor, man habe mit der Beschreibung der Ausgangslage lediglich den Handlungsbedarf aufgezeigt. Die Ziele müsse jetzt der RVR setzen. Hauptforderungen von Bos an die Kommunen: Datenlücken schließen und eine gemeinsame Statistik erstellen "bis auf die Stadtteile runter". Auf diese Basis solle ein kontinuierliches Bildungsmonitoring aufsetzen und anhand von Indikatoren die Wirksamkeit der Bildungsmaßnahmen überprüft werden können.

Politische Akzentsetzungen

Die Mülheimer Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld stellte unmissverständlich klar: Der Bericht eigne sich nicht für ein Ranking der Kommunen. Er beschreibe Problemlagen und Handlungsbedarfe und sei als Instrument für den gemeinsamen Weg zur Bildungsregion Ruhr zu verstehen. Auf diesem Weg gehe es auch um die Betrachtung und Berücksichtigung der verschiedenen sozialräumlichen Bedingungen sowie den Aufbau eines zentralen Monitorings. Mühlenfeld resümierte: "Wir fühlen uns als Ruhrgebietskommunen verantwortlich für die gesamte Bildungskette. Den Weg vom Bildungsbericht zur Bildungsregion wollen und müssen wir gehen." Ministerpräsidentin Hannelore Kraft begrüßte den ersten regionalen Bildungsbericht Deutschlands als "Markenzeichen" der Metropole Ruhr und als wegweisend für NRW und für Deutschland. Er zeige regionale Potenziale und Probleme, die in interkommunaler Zusammenarbeit gelöst werden könnten. Das Ruhrgebiet hätte das Zeug dazu, eine Modellregion für Deutschland zu werden. Mit dem Startschuss sei jetzt der RVR gefordert.

Skeptische Fragen

Rund zweieinhalb Jahre nach Vorstellung des Bildungsberichtes und nach den skizzierten programmatischen Ankündigungen lohnt ein erneuter kritischer Blick auf den allmählichen Wandel der Metropolregion Ruhr mit seinen 53 Mitgliedskommunen zu einer regionalen Bildungslandschaft. Ohne Zweifel ist es ein ehrgeiziges und in diesem Umfang in Deutschland bisher einmaliges Projekt. Kann es gelingen, angesichts vieler Stärken, aber auch gravierender Herausforderungen in Kooperation so vieler Kommunen Fortschritte im regionalen Bildungsgeschehen zu organisieren? Beispielsweise mehr Kindern aus prekären sozialen Verhältnissen zu erfolgreichen Bildungslaufbahnen zu verhelfen? Oder die Anzahl der Ausbildungsverhältnisse und Hochschulabschlüsse zu steigern? Vielleicht die Sozialausgaben von Kommunen mittel- bis langfristig zu senken, weil häufiger Bildungsbiografien gelingen?

Bildung - anerkannter Teil des Strukturwandels

Der für das Revier unabdingbare Fortgang des Strukturwandels wird u.a. vom Regionalverband Ruhr (RVR) als der planerischen Klammer der Region seit langem vorangetrieben. Unter RVR-Federführung ist ganz aktuell das "Konzept Ruhr & Wandel als Chance" in seiner sechsten Fortschreibung erarbeitet worden. Es legt die "Perspektiven 2020" für eine nachhaltige Regional- und Stadtentwicklung fest und ist einvernehmlich mit den Mitgliedskommunen erarbeitet worden. Das Handlungsfeld Bildung ist darin prominent vertreten. Eine der Leitideen ist die Bildungsregion Ruhr mit einer "zielgerichteten Verbesserung der Bildungsangebote in problematischen Stadtteilen". Zahlreiche Netzwerke auf unterschiedlichen Ebenen haben zu diesem Komplex ihre Arbeit aufgenommen.

Start von RuhrFutur

Am 6. Februar 2014 präsentierte sich RuhrFutur in Essen als eine gemeinsame Initiative von Stiftung Mercator, des Landes NRW, der Städte Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Herten, Mülheim und fünf Hochschulen. Die Zielperspektive: "allen Kindern und Jugendlichen Bildungszugang, Bildungsteilhabe und Bildungserfolg zu ermöglichen". Man wolle keine neuen Projekte und "Leuchttürme" implementieren, sondern durch Vernetzung den "Wissens-und Erfahrungstransfer zwischen den Kommunen und Hochschulen verbessern", betont die Stiftung. Rund 15, 3 Mio. Euro will die Stiftung bis 2017 in den Aufbau von Netzwerken, in Wissensaustausch und in die Entwicklung eines Bildungsmonitorings für die datenbasierte Steuerung der Handlungsfelder investieren. Zu den Handlungsfeldern zählen die "individuelle Förderung", die "durchgängige Sprach-und Ausdrucksbildung" sowie die "inter- und intrakommunale Kooperation". Außerdem will man erreichen, dass mehr Studienberechtigte gewonnen und die Erfolgsquote von Studierenden mit bildungsfernem und bildungsnahem Hintergrund einander angeglichen werden.

Es ist gelungen, Staatskanzlei und Landesministerien in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Eine Steuerungsgruppe setzt Entscheidungen in operative Vorgaben für die Arbeit in den Netzwerken um. Eine Geschäftsstelle unterstützt, vernetzt und berät die Akteure in den Prozessen.

RVR als "Bildungsklammer"

Dem Bemühen, 53 Mitgliedskommunen mit unterschiedlichen Prioritätensetzungen in Sachen Bildung zusammenzuhalten, ist die vorsichtigere Gangart des RVR geschuldet. Offiziell hat der Verband derzeit nicht einmal eine gesetzlich verankerte Zuständigkeit für Bildung, aber mit dem Handlungsdruck durch den Bildungsbericht Ruhr (2012) ist fraktionsübergreifend die Einsicht gewachsen, dass bildungspolitisches Kirchturmdenken nur die Verwaltung des Mangels festschreibt. Mit dem aktuellen Gesetzentwurf der Landesregierung zur Stärkung des Regionalverbandes Ruhr steht einer gemeinsamen Bildungsplanung nichts mehr im Wege.

Ein kleines Team von drei Mitarbeiterinnen arbeitet beim RVR daran, die Aufträge des Bildungsberichtes zu operationalisieren. Eine kommunale Projektgruppe für den Aufbau eines regionalen Bildungsmonitorings wurde eingerichtet. Die Sammlung und der Austausch guter Bildungspraxis soll über das wiederbelebte "Bildungsforum Ruhr" geschehen. Die erste Veranstaltung zum Thema "Übergänge" fand am 4. 4. 2014 in Oberhausen statt. Die Kooperation mit den Hochschulen zur Förderung der regionalen Wirtschaft und Entwicklungsplanung steht auch auf der Agenda und war Gegenstand von bisher zwei öffentlich veranstalteten "Wissensgipfeln". Ziele und Maßnahmen, die sich aus dem Bildungsbericht ergeben, will die Verwaltung in diesem Jahr dem Ruhrparlament, das demnächst direkt gewählt werden soll, vorlegen.

RuhrFutur und RVR – (k)ein schwieriges Verhältnis

Es ist offensichtlich, dass die fünf Kommunen, die jetzt durch die Beteiligung an der Bildungsinitiative der Stiftung Mercator begünstigt werden, nur einen kleinen Teil einer Bildungsregion Ruhr abbilden. Sie sind sozusagen in einen "Expressfahrstuhl" eingestiegen, während der RVR die übrigen Kommunen in den "Paternoster" einlädt. Alle Ruhrgebietskommunen sollen letztlich denselben Bildungslevel erreichen, indem die Initiativen füreinander offen sind, sich verzahnen und Transferleistung erbringen.

Eine Bewährungsprobe steht an mit dem Vorhaben eines regionalen Bildungsmonitorings, das nach Aussagen von RuhrFutur und RVR auf keinen Fall getrennt und als Parallelsystem aufgebaut werden soll.

Die Metropole Ruhr auf dem Weg zur Modellregion für Stadt- Bildung - Klima?

Das schon erwähnte "Konzept Ruhr – Wandel als Chance" stellt unter der Federführung des Referats "Europäische und Regionale Netzwerke Ruhr" beim RVR die Weiterentwicklung der mit den Städten und Kreisen erarbeiteten Ziele, Perspektiven und Projekte der Stadt-und Regionalentwicklung dar. Die Projekte sollen aus Mitteln der Europäischen Regionalfonds EFRE, ELER und ESF für die Förderperiode 2014-2020 finanziert werden. Der RVR bemüht sich um die Kompatibilität der EU- Förderanträge mit den rechtlichen Rahmensetzungen des Landes, des Bundes und der EU. Hier sind offensichtlich tragfähige Netzwerke auf den unterschiedlichen Ebenen im Entstehen.

Aus den gemeinschaftlich erarbeiteten Analysen leiten sich für die Förderperspektive 2020 drei Schwerpunktthemen ab: Stadt - Bildung - Klima, integriert gedacht. Das Handlungsfeld Bildung orientiert sich an der Leitidee der Bildungsregion. Der Bericht nennt beispielhaft die Zusammenführung von Maßnahmen der Stadterneuerung und einer zielgerichteten Verbesserung der Bildungsangebote in problematischen Stadtteilen. In dieser Verknüpfung liegt die Chance, sich sozial, ökologisch und wirtschaftlich zu erneuern und zum Modell für andere Räume zu werden.

Der "Pott" kann offensichtlich doch Metropolregion. Zumindest aber gibt es zahlreiche hoffnungsvoll stimmende Ansätze.

Die Autoren

Dr. Brigitte Schumann und Karl Keining waren Mitglieder der Arbeitsgruppe "Masterplan Bildung Ruhrgebiet", die insbesondere zwischen 1999 und 2012 wichtige Impulse für die Bildungsregion Ruhr gesetzt hat. Die Arbeitsgruppe hat intensiv Lobbyarbeit für die Bekämpfung von Kinder- und Bildungsarmut geleistet sowie den Gedanken der Prävention für Kinder zwischen 0 und 10 Jahren in den Fokus gerückt.


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