Schatz des Erbacher Schlosses für künftige Generationen erhalten

"Durch die aufwändige Arbeit der Restauratoren wird eines der schönsten spätgotischen Werke kirchlicher Kunst im Mittelrheingebiet und einer der besonderen Schätze des Erbacher Schlosses für künftige Generationen erhalten." Das hat der Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, bei einem Ortstermin in den Restaurierungswerkstätten des Landesamts für Denkmalpflege im Biebricher Schloss hervorgehoben. Seit April 2006 arbeiten die Experten dort an der Konservierung und Renovierung des 1515 fertig gestellten Altars, der gravierende Schäden an der Holzsubstanz und an den Farbfassungen aufweist.

06.12.2007 Hessen Pressemeldung Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Von Graf Eberhard VIII. von Erbach und seiner Frau, Maria von Wertheim, gestiftet, stand der große, spätmittelalterliche Flügelaltar kaum ein Jahrhundert an seinem ursprünglichen Aufstellungsort, der Wallfahrtskirche von Schöllenbach, einem Ort am südöstlichen Rand der ehemaligen Grafschaft Erbach im Odenwald. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als die Wallfahrt längst versiegt war, veranlassten die Erbacher Grafen seinen Umzug nach Erbach. Zunächst stand der Altar dort in der Friedhofskirche, bis er im späten 19. Jahrhundert in der neu eingerichteten Erbacher Schlosskapelle aufgestellt wurde. Für diesen Anlass hatte man die originale Farbfassung der Figuren und Schreingehäuse, die beinahe durchgängig extreme Schäden und Verluste aufwies, nahezu komplett übermalt. Eine zweite, größere Überarbeitung fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt, als ausgelagerte Teile des Altars zurückgebracht und eingefügt wurden.

2005 stellte man erneut umfangreiche Schäden an dem 4,13 mal 5,30 Meter großen Altar fest. Schädlingsbefall, extreme Klimaschwankungen durch eine unregelmäßige Beheizung der Schlosskapelle, starke Verschmutzung und die unsachgemäßen Überarbeitungen in früherer Zeit hatten weitreichende Schäden verursacht und das Erscheinungsbild des Altars erheblich beeinträchtigt: In vielen Partien der farbig gefassten Holzfiguren und der gemalten Hintergründe hatten sich die Farbschichten vom Untergrund gelöst und standen dachförmig auf. Andernorts war der Bindemittelabbau in den Grundier- und Farbschichten soweit vorangeschritten, dass die Malerei abzupudern drohte. Im unteren Bereich des Altars hatte Wurmfraß das Holz so stark geschwächt, dass die Stabilität der Figur des Jesse gefährdet war.

In den Restaurierungswerkstätten des Landesamts für Denkmalpflege wurden zunächst Sicherungs- und Konservierungsmaßnahmen begonnen, um weitere Verluste zu vermeiden. Im ersten Jahr konnte zudem die Untersuchung des Bestands sowie die Dokumentation der Ergebnisse weitgehend abgeschlossen werden.

Zur genaueren Ermittlung des Erhaltungszustands und geeigneter Maßnahmen und Materialien wurden in vielen Partien kleine Freilegungsproben angelegt. Kleinste Farbproben hatte man zur chemischen Analyse in ein Fachlabor geschickt. In ausgewählten Teilbereichen wurden "Musterrestaurierungen" durchgeführt, um eine solidere Grundlage für das Restaurierungskonzept und eine Stundenkalkulation zu erhalten. Inzwischen sind die erforderlichen Konservierungen zur Substanzerhaltung weitgehend vorgenommen worden.

Die zentrale Figur der Madonna mit dem Kind und sieben der zwölf Königsbüsten aus dem Mittelschrein wurden konserviert, gereinigt und die Inkarnate (das sind die Farbtöne für die Darstellung der menschlichen Haut) von den unsachgemäßen Überarbeitungen des 19. Jahrhunderts befreit. Dabei bestätigte sich das Ergebnis der Untersuchungen, dass nämlich Gesichter und Hände der Figuren nur teilweise übermalt waren und die mittelalterliche Farbfassung hier im Unterschied zu allen übrigen Farbbereichen nur geringe Verluste und Beschädigungen aufweist. So kommt durch die Abnahme der späteren Übermalungen an Gesichtern und Händen die sehr qualitätvolle, ursprüngliche Fassung wieder zu voller Geltung.

Auch die Reinigung und Übermalungsabnahme am rechten Flügel des Altars ist weitgehend abgeschlossen: Nach Entfernung der qualitätlosen Übermalungen mit Dispersionsfarben aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ließ sich besonders im oberen Teil des Flügels mit dem Marientod ein Großteil der ursprünglichen Vergoldung und der gemalten Architektur im Hintergrund zurückgewinnen.

Die stark verschmutzte, nur fragmentarisch erhaltene Malerei auf der Rückseite der Predella unterhalb des Altarbilds wird zurzeit nach intensiver, mehrfacher Festigung gereinigt. Obwohl nur fragmentarisch erhalten, zeigt sie nach der Reinigung wieder die ihr eigene Farbenpracht und maltechnische Qualität.

Für die Zukunft ist nach Abschluss der Konservierungs- und Reinigungsarbeiten sowie der Abnahme der Übermalung eine maßvolle Kittung und Retusche der Fehlstellen geplant.

Fotos der Restaurierungsarbeiten am Schöllenbacher Altar stehen auf der Internetseite des Ministeriums unter www.hmwk.hessen.de zur Verfügung.


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