Geschlechterungleichheiten an TU9-Universitäten
Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft lässt sich nicht allein am Frauenanteil ablesen. Eine neue Studie zu strukturellen und kulturell-normativen Geschlechterungleichheiten zeigt, wie Arbeitsbedingungen, Hierarchien und Organisationskulturen die Erfahrungen von Wissenschaftler*innen prägen.
17.09.2026 Bundesweit Pressemeldung Technische Universität BerlinBesonders auffällig sind das hohe Ausmaß an Benachteiligung und psychischer Gewalt sowie die Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass Hochschulen durch sichtbare Beratungsangebote, klare Verfahren und eine aktive Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik gegensteuern können.
Die Technische Universität Berlin hat gemeinsam mit weiteren Hochschulen des TU9-Verbunds das Projekt „Strukturelle und kulturell normative Geschlechterungleichheiten in Arbeits- und Organisationsbedingungen an Hochschulen“ (SIGIS) gefördert. Durchgeführt wurde die Studie vom Center für Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft (CEWS) bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. Untersucht wurden acht technisch-naturwissenschaftlich orientierte Universitäten, darunter sieben der neun TU9-Hochschulen.
Die Studie verbindet quantitative und qualitative Methoden. Grundlage sind eine Online-Befragung wissenschaftlich Beschäftigter, Interviews mit Hochschulleitungen und Gleichstellungsverantwortlichen sowie Analysen von Hochschulstatistiken, Dokumenten und Webseiten. Für die Online-Befragung wurden insgesamt 5.428 Rückmeldungen berücksichtigt; dies entspricht einer Rücklaufquote von 17,3 Prozent. An der TU Berlin beteiligten sich 495 der 2.848 Beschäftigten der Zielgruppe, die Rücklaufquote lag damit bei 17,4 Prozent. Ziel der Untersuchung war es, sichtbar zu machen, wie strukturelle und kulturelle Rahmenbedingungen Geschlechterungleichheiten im Wissenschaftsbetrieb beeinflussen.
Benachteiligung und psychische Gewalt weit verbreitet
Fast ein Drittel der Befragten gab an, in den vergangenen zwölf Monaten Benachteiligungen erfahren zu haben. Besonders häufig berichteten davon Personen, die Fremdzuschreibungen erleben, nichtbinäre Personen und Frauen. Als Gründe wurden insbesondere das Geschlecht, Sorgeverpflichtungen sowie die Wahrnehmung als nicht-deutsch beziehungsweise die Deutschkenntnisse genannt. Auch psychische Gewalt ist weit verbreitet: Die Hälfte der befragten Frauen und nichtbinären Personen sowie 33 Prozent der Männer berichteten davon. Dabei handelt es sich häufig nicht um einmalige Vorfälle. Psychische Gewalt geht nach den Ergebnissen der Studie besonders oft von hierarchisch übergeordneten Personen aus.
10,5 Prozent der Befragten berichteten zudem, innerhalb der vergangenen zwölf Monate sexuelle Belästigung erfahren zu haben. Frauen und nichtbinäre Beschäftigte, unter 35-Jährige sowie nichtheterosexuelle Personen sind davon besonders häufig betroffen. Die Interviews mit Hochschulleitungen und Gleichstellungsverantwortlichen zeigen zugleich Verbesserungspotenzial beim Umgang mit solchen Fällen. Eine größere Bekanntheit von Beratungsangeboten, transparente Verfahren, eine offene Thematisierung und die Übernahme von Führungsverantwortung werden als zentrale Handlungsfelder sichtbar.
TU Berlin: Beratungsangebote besonders sichtbar
Bei den Beratungs- und Unterstützungsstrukturen hebt sich die TU Berlin in mehreren Punkten positiv ab. Für mehrere Anlaufstellen weist sie im Vergleich der beteiligten Universitäten die höchsten Bekanntheitswerte auf. Auch die Beratungsangebote zu Antisemitismus, Rassismus und Antidiskriminierung sind überdurchschnittlich bekannt.
Besonders gut bewertet wird zudem die Auffindbarkeit der Angebote: Die TU Berlin stellt eine zentrale Übersichtsseite bereit, auf der die verschiedenen Beratungsstellen gebündelt verlinkt sind. Sie ist nach der Analyse die einzige der untersuchten Universitäten, die zum Zeitpunkt der Untersuchung auf ihrer Startseite mit einem eindeutig gekennzeichneten textlichen Hinweis auf diese Übersicht verweist.
Die Studie zeigt zugleich, warum Sichtbarkeit entscheidend ist: Bereits die Kenntnis mindestens einer Anlauf- und Beratungsstelle geht mit einem höheren Vertrauen darin einher, im Bedarfsfall von der eigenen Hochschule Unterstützung zu erhalten. Auch Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsmaßnahmen stoßen an der TU Berlin auf vergleichsweise hohe Zustimmung. Unter anderem wird hier die Aussage, der Schutz vor Diskriminierung widerspreche dem Leistungsprinzip in der Wissenschaft, besonders deutlich zurückgewiesen.
Wissenschaftliche Karriere orientiert sich noch immer am „idealen Wissenschaftler“
Ein grundlegendes Problem sieht die Studie in der weiterhin wirksamen Vorstellung eines „idealen Wissenschaftlers“: Bestehende Hochschulstrukturen begünstigen demnach Personen, die in Vollzeit arbeiten, weitgehend uneingeschränkt verfügbar und von Sorgeverpflichtungen entlastet sind. Dabei erweist sich neben dem Geschlecht insbesondere der wissenschaftliche Status als entscheidender Faktor. Besonders hohe Belastungen zeigen sich bei Juniorprofessor*innen. Hohe Leistungsanforderungen, berufliche Unsicherheit und familiäre Sorgeverpflichtungen können hier zu einer starken Entgrenzung von Arbeit und Privatleben führen. Auch in der Karrierephase zwischen Promotion und Professur werden geschlechtsspezifische Unterschiede sichtbar: Frauen und nichtbinäre Personen sind häufiger von Befristung und Teilzeit betroffen.
„Wenn Menschen an Hochschulen Benachteiligung, psychische Gewalt oder sexuelle Belästigung erleben, dann müssen wir über die Strukturen und die Kultur sprechen, die solche Erfahrungen begünstigen“, sagt Antje Bahnik, Zentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der TU Berlin. „Chancengerechtigkeit entsteht nicht von selbst. Hier braucht es klare Verantwortung, verlässliche Beratungsstrukturen und Verfahrenswege und vor allem einen kulturellen Wandel. Die SIGIS-Studie zeigt neben bestehenden Herausforderungen auch, dass Veränderung möglich ist. An der TU Berlin sind Beratungs- und Unterstützungsangebote besonders sichtbar. Darauf können wir aufbauen.“
Die Ergebnisse machen deutlich: Gleichstellung an technischen Universitäten geht über die Erhöhung des Frauenanteils hinaus. Erforderlich sind auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Arbeits- und Organisationskultur, wirksamer Gewaltschutz und der Abbau intersektionaler Barrieren.
Über die SIGIS-Studie
Das Projekt „Strukturelle und kulturell normative Geschlechterungleichheiten in Arbeits- und Organisationsbedingungen an Hochschulen (SIGIS)“ wurde vom 1. Januar 2025 bis 30. Juni 2026 am Center für Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft (CEWS) bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften durchgeführt.
Der Gesamtbericht zur Studie ist online zugänglich unter: https://www.gesis.org/cews/cews-publikationen/cewspublik
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