Anerkennung

Mehr als ein Bescheid

Ein ausländischer Berufsabschluss ist für deutsche Betriebe nicht nur ein Papier, sondern ein Ausgangspunkt: Er zeigt, welche Kompetenzen jemand bereits mitbringt und wo Entwicklungsbedarf besteht. Förderprogramme und sogar KI können dabei helfen. Von Viktoria Udjbinac

21.10.2026 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Zwei Asubis arbeiten an einer Werkbank mit Leder, der eine erklärt dem anderen etwas. © Adobe Stock Eine feste Ansprechperson im Betrieb, Unterstützung bei der Suche nach Qualifizierungsangeboten sowie Zeit für Sprach- und Fachsprachenerwerb können den Einstieg erleichtern.

Der erste Arbeitstag ist geprägt von neuen Abläufen, unbekannten Gesichtern und vielen Eindrücken. Für eine Fachkraft, die ihren Berufsabschluss im Ausland erworben hat, kommt eine weitere Ebene hinzu: Sie muss ihre beruflichen Erfahrungen in ein neues Berufs- und Arbeitsumfeld übertragen. Die berufliche Anerkennung in Deutschland schafft dafür eine Grundlage. Seit dem Anerkennungsgesetz von 2012 besteht ein Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren für eine abgeschlossene und im Herkunftsstaat staatlich anerkannte Berufsqualifikation. Geprüft wird, wie diese Qualifikation zu einem deutschen Referenzberuf passt und ob diese gleichwertig ist. Die Überprüfung berücksichtigt auch Ausbildungsinhalte, Ausbildungsdauer, Berufserfahrung und weitere Qualifikationen.

Nadia Schmitz, stellvertretende Leiterin des Anerkennungsmonitorings im Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB, betont: Die Anerkennung stelle „die Anschlussfähigkeit der im Ausland erworbenen Berufsqualifikation zum deutschen Berufsbildungssystem“ her. Wie relevant das Thema inzwischen ist, zeigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis für 2025: Bundesweit wurden rund 76 200 Anträge auf Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen gestellt. Sieben Prozent mehr als im Vorjahr – ein neuer Höchststand und eine Verdoppelung der Zahlen innerhalb von fünf Jahren. Das BIBB hat die Statistik des Bundesamtes ausgewertet und eingeordnet. Besonders viele Verfahren gab es bei Pflegefachpersonen und Ärzten. Anerkennung spielt aber auch bei dualen Ausbildungsberufen eine Rolle.

Was der Abschluss kann und was noch fehlt

Für Betriebe ergibt sich ein wichtiger Vorteil: Ein Anerkennungsbescheid kann sichtbar machen, welche Kompetenzen eine Fachkraft mitbringt und wie diese im Verhältnis zum deutschen Referenzberuf einzuordnen sind. Schmitz nennt die Anerkennung deshalb ein „Transparenzinstrument“ für Arbeitgeber. Besonders interessant wird es, wenn eine Qualifikation nur teilweise gleichwertig ist. Bei dualen Ausbildungsberufen kann der Bescheid wesentliche Unterschiede zur deutschen Referenzqualifikation aufführen. Für den Betrieb muss das kein Hindernis sein, so Schmitz, im Gegenteil: „Der Bescheid über eine teilweise Gleichwertigkeit ist ein Ausgangspunkt, um einen passenden Qualifizierungsplan zu entwickeln.“

Hier finden sich alle Infos zur Anerkennung in Deutschland.

Hier kann man den KI-Chatbot Aidy ausprobieren.

Genau hier kommt die betriebliche Ausbildung ins Spiel: Je nachdem, ob theoretische oder praktische Kenntnisse fehlen, können Fachkräfte unterschiedliche Lernorte und Angebote nutzen. Möglich sind etwa Lehrgänge, Umschulungen, zertifizierte Kurse oder Angebote der Berufsschule. Geht es um praktische Unterschiede, können betriebliche Qualifizierungen oder Praktika eine Rolle spielen. Für Ausbilder/-innen bedeutet das: Nicht nur fragen, ob eine Qualifikation anerkannt ist, sondern auch, was aus dem Bescheid für die weitere Entwicklung der Person folgt. Welche Kenntnisse sind bereits vorhanden? Welche Inhalte fehlen? Was kann der Betrieb vermitteln? Und wo braucht es externe Unterstützung? Umfangreiche Informationen rund um die Anerkennung, den Bescheid und wie es danach weiter geht, erhalten Fachkräfte und Betriebe über das Portal „Anerkennung in Deutschland“, ein Angebot des BIBB. Über die Qualifizierungsberatung und -begleitungssuche finden Fachkräfte und Betriebe passende Beratungsangebote in ihrer Region. Dazu gehören insbesondere auch Kammern und das Netzwerk IQ – ein Förderprogramm für Integration durch Qualifizierung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und der Europäischen Union, die bei der Entwicklung geeigneter Maßnahmen beraten. Anschließend können Fachkräfte einen Folgeantrag auf volle Gleichwertigkeit stellen.

Vom Abschluss zur Weiterentwicklung

Doch bevor es überhaupt um Weiterentwicklung und Aufstieg geht, stehen für viele Fachkräfte zunächst grundlegende Fragen im Raum: Brauche ich eine Anerkennung? Welcher deutsche Beruf passt zu meinem Abschluss? Welche Unterlagen brauche ich? Wo muss ich den Antrag stellen? Welche Sprachkenntnisse sind erforderlich? Und was passiert, wenn meine Qualifikation nur teilweise anerkannt wird?

Am Ende dieses Weges kann die volle Gleichwertigkeit stehen: Bei voller Gleichwertigkeit ist der ausländische Abschluss dem deutschen Referenzberuf rechtlich gleichgestellt. Damit können sich weitere Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen, etwa die Aufstiegsfortbildung zum Meister im Handwerk, wie Schmitz erwähnt. Für einen Betrieb könne das auch mit Blick auf die langfristige Personalentwicklung interessant sein. Wenn eine Betriebsnachfolge ansteht, kann aus einer international qualifizierten Fachkraft so eine mögliche Führungskraft werden, die irgendwann den Betrieb übernehmen könnte.

Der erste Wegweiser

Der Anerkennungs-Finder des Onlineportals „Anerkennung in Deutschland“ führt Schritt für Schritt durch das Verfahren und stellt auf Basis der individuellen Angaben Informationen zum Referenzberuf, zur zuständigen Stelle, zu benötigten Dokumenten, Sprachkenntnissen, Kosten und Finanzierung bereit. Das Portal bietet Fachinformationen in elf Sprachen an. Der Anerkennungs-Finder selbst ist jedoch auf Deutsch und Englisch beschränkt. Seit Anfang 2025 hilft dabei zusätzlich der deutsch-englische KI-Chatbot Aidy. Er soll die digitale Erstorientierung vereinfachen und individuelle Fragen direkt beantworten. Statt sich durch umfangreiche Fachinformationen zu arbeiten, sollen Nutzerinnen und Nutzer eine auf ihre konkrete Frage zugeschnittene Antwort erhalten. Laut Nathalie Schnabel, Leiterin des Portals „Anerkennung in Deutschland“, hat Aidy seit seinem Start bereits mehr als 50 000 Chats geführt: „Aidy ist rund um die Uhr verfügbar, kostenfrei und kann Informationen aus dem umfangreichen Angebot des Portals individuell zusammenstellen.“

Für Fachkräfte, die sich noch in ihrem Heimatland befinden, kann das besonders relevant sein. Sie können sich zunächst orientieren und selbst herausfinden, welche Schritte auf sie in Deutschland zukommen. Für Betriebe und Ausbilder/-innen liegt der Nutzen vor allem darin, dass die Fachkraft einen niedrigschwelligen Zugang zu den Informationen erhält, die sie für ihren Anerkennungs- und Qualifizierungsweg benötigt. Dabei soll Aidy die persönliche Beratung nicht ersetzen, betont Schnabel: „Gerade bei komplexen Fällen kann ein individuelles Gespräch notwendig sein. Das BIBB arbeitet deshalb daran, den Chatbot künftig noch gezielter in persönliche Beratungsangebote weiterleiten zu lassen.

Teil der Willkommenskultur

Für Schnabel ist die Entwicklung solcher Angebote mehr als eine Frage der Bequemlichkeit: „Wenn wir wollen, dass Fachkräfte zu uns kommen, ist es essenziell, dass wir sie gut abholen, serviceorientiert informieren und ihnen gute und leicht zugängliche Informationen bieten.“ Gerade für Betriebe ist dieser Gedanke relevant: Die Anerkennung endet nicht mit dem Bescheid. Entscheidend ist, was danach passiert. Eine feste Ansprechperson im Betrieb, Unterstützung bei der Suche nach Qualifizierungsangeboten sowie Zeit für Sprach- und Fachsprachenerwerb können den Einstieg erleichtern. Für Schmitz gehört Anerkennung deshalb in einen größeren Zusammenhang: „Das Anerkennungsgesetz ist ein Beitrag einer gelebten Willkommenskultur.“

Dazu gehört auch der zeitliche Aspekt. Die Dauer von Anerkennungsverfahren sehen Betriebe dabei häufig kritisch. Schmitz plädiert für eine differenzierte Betrachtung: „Gerade wenn Anpassungsmaßnahmen notwendig sind, kann die Fachkraft die zusätzliche Zeit sinnvoll nutzen – etwa um Fachsprache zu erwerben, deutsche Arbeitsabläufe kennenzulernen und sich fachlich in den Arbeitsalltag zu integrieren.“ Fachkräfte müssten nicht nur fachlich ankommen, sondern auch neue Prozesse, Abläufe und Kommunikationswege kennenlernen. So wird Anerkennung zum Ausgangspunkt für einen gelungenen Einstieg und die weitere Entwicklung im Betrieb.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Bildungspraxis, Ausgabe 3/2026, S. 26-27, www.bildungspraxis.de



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