Computerspiele fördern Denkprozesse

Heute beginnt die Games Convention. Mehr als 150.000 Besucher werden auf "Europas Leitmesse für interaktive Unterhaltung" in Leipzig erwartet. Im Vorfeld der Messe flammte die Diskussion um die Auswirkung von sogenannten Killerspielen wieder auf. So zitierte gestern das ZDF-Magazin "Frontal 21" eine Studie, derzufolge die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen steigt, je intensiver sie ihre Zeit mit Gewaltspielen verbringen. Andere Wissenschaftler bestreiten diesen direkten Zusammenhang. Als Effekthascherei oder Ergebnisse einer "Augenschein-Validität" etwa bezeichnet Prof. Dr. Rudolf Egg die reflexartige Verbotsstrategie seitens der Politik, wenn es um das Thema Computerspiele und Gewalt geht. Stattdessen plädiert der Wissenschaftler und Experte für Kriminalprävention im nachfolgenden Interview für mehr Medienkompetenz im Umgang mit den Spielen - und mehr Sachverstand in der Debatte.

22.08.2007 Artikel
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Herr Dr. Egg, wie bewerten Sie die öffentliche Debatte über Computerspiele?

Egg: Meiner Meinung nach sollte diese Diskussion weniger aufgeregt geführt werden, und es sollte weniger pauschalisiert werden, als dies oft in den Medien geschieht. Sicherlich sollte man den Konsum von Computerspielen nicht übertreiben. Doch wie für viele andere Dinge gilt auch für Computerspiele: Auf die richtige Dosierung kommt es an! Das ist ähnlich wie mit dem Alkohol, der ja einerseits Bestandteil unserer Kultur ist, andererseits zu einem großen Problem werden kann. Ein Gläschen Wein am Abend schadet niemandem, aber wer es übertreibt, läuft Gefahr, dass er dauerhaft abhängig wird.

Machen die Spiele Jugendliche gewaltbereiter?

Egg: Die Wirkung auf die Gewaltbereitschaft ist wahrscheinlich viel geringer als beim Alkohol – und entscheidend ist das Alter: Was einen 12-Jährigen vielleicht beeinflusst, beeindruckt einen 18-Jährigen, der schon mehr Erfahrungen mit dem Medium gesammelt hat, kaum oder nicht mehr. Wenn Spiele für eine Person ein Nervenkitzel und ein anregender sportlicher Wettbewerb sind, dann sind andere davon vielleicht überfordert.

Warum werden Computerspiele dann immer wieder mit Gewaltexzessen in Verbindung gebracht?

Egg: Die dauernde Beschäftigung mit gewaltsamen Spielszenen kann bei gefährdeten Personen schon eine verstärkende Wirkung auf vorhandene Gewaltfantasien haben. Allerdings sind Vorfälle wie in Emsdetten oder in Erfurt, mit denen ich mich ausführlich beschäftigt habe, derart komplexe Ereignisse, dass im Grunde alle erst einmal betroffen sein sollten und bei der Frage nach den Ursachen schweigen müssten.

Aber?

Egg: Politiker nutzen solche Situationen, um ihr Engagement, ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und möglichst schnell Lösungsvorschläge zu präsentieren. Dabei spielen Faktoren, die nach dem Augenschein gültig sind, also vielen Menschen unmittelbar einleuchten, eine besondere Rolle.

Was genau meinen Sie damit?

Egg: Es werden vorschnell Schlüsse gezogen, und Dinge, die gar nicht die zentrale Ursache sind, aber für den Laien auf der Hand liegen, werden öffentlichkeitswirksam diskutiert. Aus meiner Sicht ist es mehr als überzogen, ein Computerspiel als Ursache für einen Amoklauf zu sehen – dafür ist die Wirkung auf die Psyche viel zu gering. Wäre dies so, müsste Deutschland ja von potenziellen Attentätern regelrecht bevölkert sein, denn Hunderttausende spielen Videospiele.

Welche anderen Gründe gibt es für solche Gewaltausbrüche?

Egg: Dazu müssen Sie unterschiedliche Begleitumstände beleuchten. So spielen etwa das soziale Umfeld, die Erziehung, aber vor allem psychische Belastungen und Störungen eine Rolle. Außenseiter wie der Attentäter von Erfurt, die ständig ausgegrenzt werden, bauen sich nach und nach eine Parallelwelt in ihrer Fantasie auf. Die dauernde Beschäftigung damit kann aus solchen Fantasien schließlich konkrete Pläne und am Ende tatsächliche Handlungen werden lassen. Die Ursprünge dafür liegen jedoch nicht in Büchern oder Filmen oder Spielen, mit denen sie sich beschäftigt haben, sondern in den als frustrierend erlebten Lebenswelten der Täter und in der spezifischen inneren Verarbeitung.

Zum Beispiel?

Egg: Ein interessantes Beispiel ist Goethes erster Roman "Die Leiden des jungen Werthers". Als dieses Buch 1774 erschien, fühlten sich viele junge Männer von dem Buch emotional so bewegt, dass es eine Welle von Suiziden gab, woraufhin das Buch – zumindest in Leipzig – für fast 50 Jahre verboten wurde.

Sind Jugendliche heute tatsächlich gewaltbereiter als früher?

Egg: Das kann man so nicht sagen. Aber Menschen, die explosionsartig ausrasten, orientieren sich in ihrem Vorgehen oft an Vorbildern – insofern hatte der Amoklauf von Littleton im Jahr 1999 eine Art Vorbildfunktion, der seine Nachmacher gefunden hat. Ohne dieses Ereignis wären die Attentäter hierzulande niemals auf solche Ideen gekommen. Etwas Vergleichbares passierte ja auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als ein Hobbypilot in Frankfurt eine Sportmaschine kaperte und drohte, sich in ein Hochhaus zu stürzen. Aus kriminologischer Sicht handelt es sich bei solchen Fällen um eine Art "Privatisierung" terroristischer Methoden.

Was halten Sie vom Verbot von Computerspielen, in denen Gewalt vorkommt, und vom Verbot bestimmter Computerspiele?

Egg: Natürlich muss das Gesetz mit aller Härte gegen Computerspiele vorgehen, die etwa rassistische oder andere rechtsextremistische Inhalte transportieren. Aber für solche Fälle reichen die juristischen Mittel zurzeit vollkommen aus. Ich sehe auf diesem Gebiet keinen Handlungsbedarf – man könnte aber überprüfen, ob die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) in allen Fällen die richtigen Entscheidungen für bestimmte Altersbeschränkungen trifft.

Was halten Sie von den Altersbeschränkungen?

Egg: Ich halte die Altersbeschränkungen für ein sinnvolles Werkzeug, denn die Verbote auf den Verpackungen sind schon eine gewisse Grenze und ein Signal der Hersteller – wenn auch nur symbolisch –, um anzuzeigen, für welche Altersgruppen welche Spiele konzipiert sind. Ähnliche Einschränkungen gibt es ja auch im Filmbereich. Natürlich sollte der Handel streng darauf achten, dass auch beim Verkauf die Altersbeschränkungen eingehalten werden.

Welche anderen Möglichkeiten sehen Sie?

Egg: Statt Verboten, die die ganze Sache eher noch interessanter machen, finde ich vor allem die Förderung der Medienkompetenz ganz wichtig: Jugendliche – aber auch Eltern und Pädagogen – sollten lernen, mit den neuen Medium richtig umzugehen. Und Eltern und andere Betreuer sollten Jugendlichen auch andere Beschäftigungen zeigen, sodass das Computerspiel eine Möglichkeit der Freizeitgestaltung neben vielen anderen ist – wie das ja meist der Fall ist.

Die Bundeszentrale für politische Bildung plant ein Spiel für Jugendliche, das politische Prozesse vermitteln soll. Ließen sich Spiele auch in der Therapie von Straftätern einsetzen?

Egg: Das kann ich mir schon vorstellen, auch wenn mir solche Planungen zurzeit nicht bekannt sind. Ich wäre jedenfalls grundsätzlich bereit, solche Projekte zu unterstützen. Computerspiele fördern Denkprozesse und haben als Medium eine große Attraktivität.

Welche Spielerfahrungen haben Sie selbst?

Egg: Mit meinem Sohn bin ich da reingewachsen. Ende 1983 stand unser erster "C64" in der Wohnung. Im Gegensatz zu ihm, der heute leidenschaftlicher Rollenspieler ist, spiele ich zur Entspannung manchmal ein Kartenspiel am Computer. Das funktioniert leicht, ohne dass ich seitenweise Anleitungen lesen muss. Bereits 1985 habe ich – an der Universität Bayreuth – eine wissenschaftliche Studie zum Thema "Jugendliche und Heimcomputer" durchgeführt, bei der sich viele damals schon bestehende Vorurteile gegen Computerspieler als falsch herausgestellt hatten. Einer meiner Kollegen schimpfte früher immer über Computerspiele – bis er zum ersten Mal allein eine Partie "Tetris" spielte. Danach versuchte er ständig, mich mit seinen Punkteständen zu überbieten! Wenn es einen mal gepackt hat, kommt man anscheinend so einfach nicht mehr los davon.

Zur Person

Als Leiter der Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ) in Wiesbaden steht Prof. Dr. Rudolf Egg (59) an der Spitze der zentralen Forschungseinrichtung von Bund und Ländern zur anwendungsbezogenen Kriminologie. Darüber hinaus lehrt Egg als Professor für Psychologie an der Uni Erlangen-Nürnberg. Seit 2004 ist Rudolf Egg auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention.

Interview: Florian Stein
Erstveröffentlichung: EA Magazin 3/07


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